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Es gibt derzeit eine Schwemme von Produkten, die damit werben, klimaneutral oder nachhaltig zu sein.

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Verkaufsschlager "klimaneutral": Unternehmen öfter vor Gericht

Verkaufsschlager "klimaneutral": Unternehmen öfter vor Gericht

In der Werbung ist ein Begriff sehr beliebt geworden: "klimaneutral". Klimaneutrale Sneaker, klimaneutrales Shampoo, klimaneutraler Versand. Nun aber zerren Umweltschützer und Wettbewerbshüter immer mehr Unternehmen vor Gericht - darunter auch Aldi.

Einkaufen ist gar nicht mehr so einfach – vor allem wenn es umweltfreundlich und klimaschonend sein soll. Werbung von heute ist grün, nachhaltig, klimaneutral – das sind echte Verkaufsschlager. Machen sich die Unternehmen tatsächlich auf in eine saubere Zukunft?

Nein, sagt Manuel Wiemann von Foodwatch. Meistens stehe da nur klimaneutral drauf - mehr aber auch nicht. "Wenn man sich das mal genauer anschaut, dann stellt sich bei ganz vielen dieser Werbeaussagen heraus: Das ist einfach nur dreistes Greenwashing", so Wiemann.

Klimaneutrales Hähnchenfleisch von Rewe

Ein besonders drastisches Beispiel war das klimaneutrale Hähnchenfleisch von Rewe. Das Fleisch an sich war nämlich gar nicht klimaneutral. Stattdessen unterstützte Rewe ein Projekt in Peru zur angeblichen Waldaufforstung, um klimaschädliche Gase beim Fleischprodukt zu kompensieren. Das an sich wäre auch zulässig.

Aber Foodwatch hat recherchiert und herausgefunden: Das besagte klimaneutrale Hähnchen weist "eklatante Mängel" auf. Es schütze das Klima nicht, sondern schade ihm, erzählt Wiemann. Deshalb setzte es eine erfolgreiche Abmahnung von Foodwatch. "Bei vielen Projekten ist der vermeintliche Klimaschutz gar nicht sichergestellt", sagt Wiemann. "Das haben wir auch bei dem Rewe-Hähnchen nachgewiesen. Da sollte Waldschutz gemacht werden. Doch tatsächlich werden dort Bäume gefällt."

Rewe unterschrieb Unterlassungserklärung

Rewe zog Konsequenzen und unterschrieb eine Unterlassungserklärung. BR24 fragte auch beim Lebensmittelhändler nach: Wie geht Rewe künftig mit dem Begriff klimaneutral um? Doch Rewe antwortet bis zuletzt nicht. Und: Das klimaneutrale Hähnchen ist kein Einzelfall. Es gibt derzeit eine Schwemme von Produkten, die damit werben, klimaneutral oder nachhaltig zu sein.

Durch die gesteigerte Aufmerksamkeit für diese Themen lasse sich eben viel Geld verdienen, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH): "Man bekommt den Eindruck: Jeder auch noch so klimaschädliche Kram ist auf einmal klimaneutral. Das kann doch nicht sein!" Deshalb brauche es eine rechtliche Regulierung - und vor allem Transparenz, fordert der DUH-Experte.

Der Weg zur Klimaneutralität: Zertifikate oder Umstellung der Produktion

Denn selten ist klar, wie das entsprechende Produkt klimaneutral geworden ist. Zwei Möglichkeiten gibt es dafür. Erstens: Ein Unternehmen schraubt die CO₂-Emissionen in der Produktionskette nach unten. Oder zweitens: Das Unternehmen kauft CO₂-Zertifikate, und der Erlös fließt dann etwa in Aufforstungsprojekte in Südamerika.

Doch die Kompensation ist häufig zweifelhaft - wie beim Rewe-Hähnchen - und dürfe nicht das Allheilmittel sein, sagt Umweltexperte Fischer. Denn die Klimakompensation werde immer häufiger dafür missbraucht, besonders klimaschädliche Herstellungsweisen und Produkte zu legitimieren. "Das kann aber nicht die Lösung des Klimaproblems sein. Sondern dadurch wird es eigentlich nur verschärft."

Kunden werden schlecht informiert

Der Kunde erfährt selten, wie sich das Unternehmen die Produkte klimaneutral gerechnet hat. In solchen Fällen schaltet sich immer häufiger die Wettbewerbszentrale ein. Der Verein ist ein Zusammenschluss vieler Unternehmen. Meistens gehen die Anwälte gegen unlauteren Wettbewerb vor. Sie sind quasi die Schiedsrichter im offenen Konkurrenzkampf der Unternehmen in Handel, Industrie und Dienstleistungssektor.

Der Verkaufsschlager "klimaneutral" sei mittlerweile immer öfter Gegenstand von Abmahnungen, sagt Wettbewerbshüter Tudor Vlah. Drei Urteile gab es bereits, weitere Verfahren laufen. "Alle Gerichte haben bisher gesagt, klimaneutral darf man pauschal so nicht verwenden, weil es intransparent ist." Denn woher soll der Kunde auch wissen, welcher Einsatz hinter dem angeblich klimaneutralen Produkt steht, fragt Anwalt Vlah.

Darf sich Aldi klimaneutral nennen?

Ein sehr prominenter Fall läuft derzeit. Wettbewerbszentrale gegen Aldi Süd. Der Discounter bezeichnet sich als "Erster klimaneutraler Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland". Das Verfahren vor dem Landgericht Duisburg läuft und Aldi muss nachweisen, wie es CO₂ reduziert und kompensiert.

Aldi teilt BR24 dazu schriftlich mit: "Gern möchten wir darauf hinweisen, dass wir uns nicht als 'emissionsfrei', sondern als 'klimaneutral' bezeichnen – im Sinne einer ausgeglichenen CO₂-Bilanz", schreibt Aldi Süd. Und weiter: "Der Klimaschutz hat für Aldi Süd eine hohe Priorität. Bereits seit vielen Jahren engagieren wir uns konsequent und freiwillig für mehr Klimaschutz. Wo immer möglich, arbeiten wir daran, Emissionen zu vermeiden oder zu verringern."

Das Ergebnis dieses Verfahrens ist also besonders interessant. Denn es geht hier nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um den gesamten Konzern - und ob er sich klimaneutral nennen darf oder nicht.

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