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Vergiftungswelle: Insektizid gefährdet Tier und Mensch | BR24

© BR / Kontrovers 2019

In den vergangenen zwei Jahren sind allein im Landkreis Cham 60 vergiftete Vögel gefunden worden. Oft verantwortlich: das Gift Carbofuran. Eigentlich verboten, ist es aber überall im Internet erhältlich. Woher kommt der Hass auf die Tiere?

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Vergiftungswelle: Insektizid gefährdet Tier und Mensch

In den vergangenen zwei Jahren sind allein im Landkreis Cham 60 vergiftete Vögel gefunden worden. Oft verantwortlich: das Gift Carbofuran. Eigentlich verboten, ist es aber überall im Internet erhältlich. Woher kommt der Hass auf die Tiere?

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Tote Biber, vergiftete Stare, abgeschossene Greifvögel – warum mussten diese Tiere sterben? In Cham war es vor zwei Monaten besonders schlimm: Der Landesbund für Vogelschutz entdeckte 35 tote Stare auf einmal – vergiftet. Auch ein Schwarzmilan war darunter - schwerverletzt.

Gift in Tierkadaver

Der Greifvogel wurde an Ostern leblos auf einem Acker bei Cham gefunden. Der Verdacht: Er hat von einem vergifteten Kadaver gefressen. Das Tier kann sich kaum bewegen. Die Tierärztin Heike Roidl vermutet ein Nervengift, das die Muskeln lähmt: "Letzte Woche war einfach gar nichts da, da war er wirklich wie gelähmt. Das einzige, was er konnte, war den Kopf heben, wenn man das Futter neben ihn gelegt hat, das Futter zu nehmen und zu fressen."

Der Schwarzmilan ist kein Einzelfall. Über 60 vergiftete Vögel wurden in den vergangenen zwei Jahren im Landkreis Cham gefunden. Markus Schmidberger vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) befürchtet, die Dunkelziffer könnte viel höher sein:

"Wir sehen ja nur die Spitze vom Eisberg. Das heißt, wenn jetzt Spaziergänger nicht zufällig diese Tiere entdecken, wird kein Mensch das mitbekommen und ich bin mir sicher, dass wiederum das, was entdeckt wird, nur ein kleiner Ausschnitt der Tiere ist, die tatsächlich vergiftet werden." Markus Schmidberger, Landesbund für Vogelschutz (LBV)

Carbofuran: Ein Gift, das in der EU verboten ist

Um sicherzugehen, dass die Tiere wirklich vergiftet wurden, schickt der LBV sie nach München an das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Tierärztlichen Fakultät. Das Schockierende: In über 80 Prozent der Fälle wird Carbofuran in den Tieren gefunden. Ein Insektizid, das seit zwölf Jahren in der EU verboten ist. Denn: Es ist auch für Menschen hochgiftig.

"Die besondere Gefährlichkeit kommt natürlich daher, dass es so eine hohe Fettlöslichkeit hat, dass man das durch Berührung über die Haut aufnehmen kann. Schon wenn ein Kind damit über die Haut in Kontakt kommt, können davon Vergiftungserscheinungen hervorgerufen werden - bis hin zum Tod." Professor Hermann Ammer, Ludwig-Maximilians-Universität München

Schon wenige Milligramm können tödlich sein. Trotz Verbot - bis heute ist Carbofuran im Internet frei erhältlich.

Nicht nur Vögel sind Opfer der Giftattacken: Im April wurden zwei Biber tot in der Nähe von Miesbach gefunden. Auch hier könnte Carbofuran dahinterstecken. Andreas von Lindeiner dokumentiert in der LBV-Zentrale alle illegalen Tötungen von Wildtieren in Bayern. Neben den Bibern wurde im April auch ein Baumfalke tot gefunden - erschossen und an einen Baum gehängt. Außerdem ein Rotmilan und eine Rohrweihe.

Geschützte Arten unter den Opfern

Ein Fall für die Polizei - Biber und auch Greifvögel sind geschützte Arten. Doch oft fehlt es an Fachwissen, sagt Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz:

"Viele Polizisten, die zum ersten Mal mit so einem Fall konfrontiert werden, wissen zuerst mal nicht, was sie zu tun haben. Und deswegen hoffen wir, dass das wesentlich breiter in Polizeikreisen verbreitet wird, dass hier tatsächlich keine Spuren verloren gehen, was in der Vergangenheit häufig passiert ist, weil man einfach die Situation falsch eingeschätzt hat." Andreas von Lindeiner, Landesbund für Vogelschutz

Das zuständige bayerische Innenministerium verweist auf die Fortbildungen für Polizisten, die es mittlerweile gibt. In einer Stellungnahme heißt es, "dass auch für den Bereich der Umweltdelikte eine hochprofessionelle polizeiliche Sachbearbeitung sichergestellt ist."

Geschulte Polizisten für Ermittlungen

Der LBV dagegen würde sich einen speziell geschulten Polizisten in jeder bayerischen Polizeidienststelle wünschen. Bisher werden die Täter fast nie ermittelt. Doch die Verurteilungen in anderen Bundesländern zeigen: Immer wieder führt die Spur in bestimmte Kreise, so Andreas von Lindeiner.

"Brieftaubenzüchter haben einen großen Hass auf Greifvögel und gehen davon aus, dass viele ihrer Schützlinge durch Greifvögel erbeutet werden. Und es gibt natürlich auch Jäger, die befürchten, dass Niederwild wie Fasan und Hasen oder Rebhuhn von Greifvögeln massiv reduziert werden und gehen dagegen vor. Das sind wirklich nur einzelne, aber es gibt leider solche Fälle." Andreas von Lindeiner, Landesbund für Vogelschutz

Jagdverband verurteilt die Tötung der Wildtiere

Solche Vorfälle wären ein schwerer Imageschaden für den Bayerischen Jagdverband. Dessen Naturschutzreferent Eric Imm verurteilt die illegale Tötung der Wildtiere als kriminell.

"Wenn das tatsächlich ein Jagdscheininhaber sein sollte, dann hat der in unseren Reihen nichts verloren. Der wird mit Sicherheit ausgeschlossen und wir treten auch ganz massiv dafür ein, dass solche Leute den Jagdschein auf Dauer verlieren." Eric Imm, Naturschutzreferent im Bayerischen Jagdverband

Zurück in Cham: Inzwischen sieht es schlecht aus für den Schwarzmilan. Auch die Klauen haben sich nicht weiter erholt. Das Tier muss eingeschläfert werden. Wieder ein Giftopfer mehr im Landkreis Cham.

© BR

Eine Serie von vergifteten Vögeln gibt Rätsel auf. Die Opfer sind Greifvögel, ihre Kadaver liegen auf Wiesen und Feldern.