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Vergessene Jugendliche: Ihre Leiden in der Coronazeit | BR24

© Katrin Bohlmann/BR

Trotz der zunehmenden Lockerungen leiden Jugendliche immer noch unter den Einschränkungen. Pädagogen und Soziologen kritisieren: Die Bedürfnisse der Jugendlichen wurden in der Corona-Krise vergessen.

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Vergessene Jugendliche: Ihre Leiden in der Coronazeit

Jugendliche leiden sehr unter den geltenden Corona-Einschränkungen. Sie brauchen dringend Kontakt zu Gleichaltrigen, sagen Jugendpsychologen. Pädagogen und Soziologen kritisieren: Die Bedürfnisse der Jugendlichen wurden in der Krise vergessen.

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Eine gefühlte Ewigkeit haben sich Coco, Hauke und Kevin nicht mehr in ihrem Jugendzentrum – kurz JUZ – in Petershausen im oberbayerischen Landkreis Dachau getroffen. Genau genommen drei Monate konnten die Jugendlichen wegen Corona nicht ins JUZ. Nun hat es wieder geöffnet: Mit entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln können sie dort wieder Tischkicker oder Billard spielen. Die vergangenen Wochen waren eine schwere Zeit, sagen die jungen Bayern. Kevin (18) war genervt, Coco (22) fühlte sich alleingelassen und Hauke (22) wurde immer gereizter.

Jugendliche fühlen sich alleingelassen und sind genervt

"Dass ich mich nicht mehr mit Freunden treffen konnte, war nervig. Jeden Tag habe ich das Gleiche gemacht: Fernsehen, essen, mit den Eltern und Großeltern reden. Es ist einfach langweilig, wenn du keinen Kontakt zu Menschen hast", sagt Kevin. Und Coco fühlt sich unsichtbar und nicht gehört: "Für uns junge Leute ist es einfach eines der größten Bedürfnisse, soziale Kontakte zu haben."

Hauke hat das JUZ vermisst, um mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen: "Es ist schön, dass das JUZ jetzt wieder offen hat, und dass ich jetzt wenigstens eine Freizeitbeschäftigung habe. Irgendwann hält man es ja auch nicht mehr aus."

Sozialpädagoge: "Politik und Gesellschaft haben Jugendliche vergessen"

Um auf die Bedürfnisse der jungen Menschen aufmerksam zu machen, hat Sozialpädagoge Olaf Schräder vom Zweckverband Jugendarbeit in den Landkreisen Dachau, Freising und Pfaffenhofen vor kurzem eine Demo organisiert. Die Jugendlichen sind nicht nur Schüler, sie sind mehr. Sie haben es in der Corona-Zeit schwerer als Erwachsene. "Politik und Gesellschaft haben sie vergessen", kritisiert der 38-Jährige.

"Wenn kleine Kinder nicht betreut sind, dann haben die Eltern als Arbeitnehmer sofort ein Problem und der ökonomische Druck ist da. Das ist bei Jugendlichen natürlich nicht so. Ob die nachmittags draußen rumhängen oder nicht, ist im Prinzip nicht relevant und fällt so nicht auf."

Olaf Schräder befürchtet, dass die junge Generation langfristig einen Schaden erleidet, sollte die Corona-Krise noch länger andauern: "Da wächst eine Generation heran, der etwas fehlt, die bestimmte Prozesse nicht machen konnte und auch bestimmte Freiheiten nicht ausprobieren konnte."

Jugendpsychologin: "Soziale Kontakte sind sehr wichtig"

Corona-Zeit ist für Jugendliche gleichbedeutend mit Kontaktverbot. Dabei ist das gewohnte Treffen und der Austausch mit Gleichaltrigen – mit der sogenannten Peer-Group - für die Entwicklung der 14- bis 18-Jährigen sehr wichtig, sagt Jugendpsychologen Viviane Carolin Eberlein. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit Jugendlichen.

"In erster Linie ist diese Peer-Group dazu da, um die positive Loslösung von den Eltern zu proben", sagt sie. "Außerdem erleben die Jugendlichen sich selbst im Spiegel der anderen. Sie sehen: wie bin ich, wie werde ich wahrgenommen, wie möchte ich sein, wie nehme ich auch den anderen wahr." Der Drang unter den Jugendlichen sei groß sich zu treffen: "Sie sind in diesem Altersabschnitt in der Sturm- und Drangphase."

Psychologische Folgen der Kontaktverbote: Massive Ängste

Haben Jugendliche auf Dauer nicht diesen Kontakt zu Gleichaltrigen, können die psychologischen Folgen fatal sein. Einige bekommen massive Ängste, werden traurig, fühlen sich allein. Außerdem verschiebe sich der Biorhythmus, erklärt Viviane Carolin Eberlein: "Die Jugendlichen gucken bis in den frühen Morgen Serien und Spielfilme und dann verschlafen sie die Hälfte des Tages."

Die Schule strukturiert also, stellt Anforderungen, schafft einen sicheren Rahmen und damit auch Halt. "In meiner Praxis habe ich keinen einzigen Jugendlichen gehabt, der nicht wieder zurück in die Schule wollte", berichtet Eberlein. Die Schule ist also Teil der sozialen Kontakte.

Der Tipp der Psychoanalytikerin an alle Eltern: einfach dem Kind zuhören und da sein, wenn es Hilfe braucht.

Bayerischer Jugendring fordert: Junge Menschen ernst nehmen

Unterdessen warnt der Präsident des Bayerischen Jugendrings (BJR) Matthias Fack: Der Druck nehme zu: "Je länger der Corona-Zustand dauert und umso weniger soziale Kontakte es gibt, umso eingesperrter fühlt man sich. Und junge Menschen müssen mal herauskommen." Dafür ist die Jugendarbeit im Freistaat wichtig.

Fack fordert, junge Menschen ernst zu nehmen. "Jugendliche sind gesellschaftsrelevant, sie sind Demokratie-relevant und die Jugendarbeit ist systemrelevant", sagt er. Erstmals hat der Bayerische Jugendring dazu jetzt einen politischen Beschluss gefasst.

Wunsch der Jugendlichen: Party, Kino und Freunde treffen ohne Maske

Damit die Jugendlichen etwas mehr Spaß und Abwechslung haben, planen Olaf Schräder und sein Jugendzentrum-Team in Petershausen einen Kultursommer mit vielen Musikbands.

Coco, Kevin und Hauke sind schon glücklich, dass ihr Jugendzentrum wieder offen ist. Ihr Wunsch für die Zeit nach Corona? Party! Einfach mal mit Freunden am See sitzen, grillen, ohne schlechtes Gewissen beisammen sein. Oder ins Kino gehen. Und das alles endlich ohne Maske.

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