BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Verfassungsschutz beobachtet rechtsextreme Kampfsportler | BR24

© BR / Kontrovers 2019

Der bayerische Verfassungsschutz warnt vor Rechtsextremen, die Kampfsport betreiben. Rund 50 Personen stehen in Bayern unter Beobachtung. Die Gefahr, die von ihnen ausgehe, sei nicht zu unterschätzen: Das zeige auch ein Blick in andere Bundesländer.

32
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Verfassungsschutz beobachtet rechtsextreme Kampfsportler

Der bayerische Verfassungsschutz warnt vor Rechtsextremen, die Kampfsport betreiben. Rund 50 Personen stehen in Bayern unter Beobachtung. Die Gefahr, die von ihnen ausgehe, sei nicht zu unterschätzen: Das zeige auch ein Blick in andere Bundesländer.

32
Per Mail sharen
Teilen

Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) geht derzeit davon aus, dass Rechtsextreme "im mittleren zweistelligen Bereich" in Bayern Kampfsport betreiben. Man habe in den vergangenen Jahren ein "gestiegenes Interesse am Thema Kampfsport" in der rechten Szene wahrgenommen, sagt Sönke Meußer, Sprecher des bayerischen LfV. Dass die rechte Szene den Kampfsport für sich entdeckt hat, habe mehrere Gründe, so Meußer. Man wolle zum einen eine "gesunde Lebensweise" propagieren und zum anderen "die 'Wehrhaftigkeit' gegen das System" unter Beweis stellen.

Behörden und Experten sind sich einig: In der rechten Szene gilt Kampfsport als Möglichkeit, die eigene Männlichkeit unter Beweis zu stellen und sich für den angeblich bevorstehenden Kulturkampf, den sogenannten "Tag X" vorzubereiten.

Gefahr für Polizei und Andersdenkende

Das Landesamt sei alarmiert, da Rechtsextreme Kampfsporttechniken erlernten, die "höchst gefährlich sein können", beispielsweise "wenn bei Demonstrationen Polizeibeamte durch solche Kampfprofis attackiert werden". Noch sei es in Bayern zu keinem solchen Vorfall gekommen, doch Beispiele aus anderen Bundesländern zeigten, dass von diesen Personen teils erhebliche Gefahr ausgehe.

Gerade in Sachsen kam es wiederholt zu Übergriffen rechter Schläger. Rund 200 teils Rechtsextreme randalierten im Januar 2016 im Leipziger Stadtteil Connewitz - darunter auch rechte Kampfsportler. Im Sommer 2018 wurden bei Ausschreitungen in Chemnitz mehrere Polizeibeamte verletzt. Das ARD-Magazin Monitor zeigte damals, wie Techniken aus dem Kampfsport dazu benutzt wurden, Polizeibeamte anzugreifen.

Hochrangiger Neonazi aus Bayern gilt als Kampfsportler

Wie groß das Problem bundesweit ist, ist unbekannt. Gesicherte Zahlen über Rechtsextreme im Kampfsport gibt es nach Angaben der Bundesregierung nicht. Der Bayerische Verfassungsschutz hat auch keine einheitliche Definition von "rechten Kampfsportlern", es handle sich dabei um Rechtsextreme, die Kampfsport betreiben und ihn als Teil ihrer Ideologie betrachten.

In Bayern gilt ein hochrangiger Neonazi auch als Kampfsportler: Kai Zimmermann, Aktivist der rechtsextremen Kleinstpartei "Der Dritte Weg", betreibt nach Informationen des BR zumindest semi-professionell Kampfsport. Zimmermann hat nach BR Informationen erst im August dieses Jahres im Raum München mehrere Personen, darunter wohl Parteimitglieder des "Dritten Weges", trainiert.

Vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung

Kai Zimmermann selbst ist vorbestraft. 2012 wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt. Er hatte eine Gruppe politischer Gegner verfolgt und eine Person dabei verletzt. Kai Zimmermann war zu diesem Zeitpunkt in der Freien Kameradschaft Süd organisiert - eine mittlerweile verbotene rechtsextreme Gruppierung.

Extremistische Kleinstpartei "Der Dritte Weg" im Kampfsport

Zahlreiche Mitglieder dieser Kameradschaft sind heute im "Dritten Weg" organisiert. Die Partei mit Sitz in Thüringen arbeitet mit der "Arbeitsgemeinschaft Körper & Geist" daran, "das ganze Volk wieder wehrhaft zu machen", wie es auf der Webseite der Partei heißt. Dazu werden auch Kinder und Jugendliche angeworben und im Kampfsport trainiert. In Bayern sei das bisher noch nicht der Fall, so das Landesamt für Verfassungsschutz. Dennoch sei man alarmiert.

Bayerische Behörden spät dran?

Bereits seit Jahren kritisieren Experten wie Robert Claus, Rechtsextremismus- und Fanforscher, dass sich Rechte im Kampfsport professionalisieren und dadurch eine Gefahr auch außerhalb der Kampfszene darstellen. Eine Sensibilisierung für das Problem sei in der Kampfsportszene viel zu wenig gegeben, sagt Claus. BR-Recherchen zeigen ein ähnliches Bild für Bayern.

Experte: "Werden weiter Gewalttaten mit rechten Kampfsportlern sehen"

Auf BR-Anfrage, ob das Innen- und Sportministerium derzeit Aufklärungskampagnen zum Thema Kampfsport erarbeite oder anbiete, verweist man lediglich auf allgemeine Informationen aus dem Verfassungsschutz-Bericht sowie die Möglichkeit, Vereinen gegebenenfalls die Gemeinnützigkeit abzuerkennen.

Experten wie Robert Claus ist das zu wenig: "Wir haben überhaupt keine Regularien und Zertifizierungen für Trainer, für Schulen, die rechtlich bindend wären." Entsprechend geht Claus davon aus, "dass wir auch in den nächsten Jahren rechte Gewalttaten sehen werden, an denen rechte Kampfsportler beteiligt sind".

© BR

Der Verfassungsschutz ist alarmiert: Auch in Bayern stählen Rechtsextreme ihre Körper in speziellen Gyms. Dabei geht es nicht nur um Kampfsport, sondern in letzter Konsequenz um den politischen Kampf. Sie trainieren für den Tag X.