BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Milliardenschwerer Anlagebetrug? Bayerische Denkmäler betroffen | BR24

© BR / Kontrovers 2020

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen die German Property Group wegen Verdachts auf Anlagebetrug. Im Juli meldete die Immobilienfirma Insolvenz an. Seit 2019 berichten BR/HR und die BBC gemeinsam über die zweifelhaften Geschäfte der GPG.

38
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Milliardenschwerer Anlagebetrug? Bayerische Denkmäler betroffen

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen die German Property Group wegen Verdachts auf Anlagebetrug. Im Juli meldete die Immobilienfirma Insolvenz an. Seit 2019 berichten BR/HR und die BBC gemeinsam über die zweifelhaften Geschäfte der GPG.

38
Per Mail sharen

Es klang nach einem vielversprechenden Investment, das die German Property Group (vormals Dolphin Trust) Anlegern aus dem Ausland präsentierte, möglicherweise zu gut um wahr zu sein? Mit ihrem Geld, so die Eigenwerbung, würde die Immobilienfirma aus Hannover sanierungsbedürftige, denkmalgeschützte Häuser in ganz Deutschland aufkaufen. Die Häuser sollten saniert und die darin entstandenen Wohnungen verkauft werden. Den ausländischen Anlegern wurden bei diesem Investment sagenhafte Renditen von über zehn Prozent versprochen.

Recherchen des Bayerischen Rundfunks gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk und der BBC im Frühjahr 2019 zeigten bereits, dass bei vielen GPG-Häusern die Sanierungsarbeiten stockten oder gar nicht ernst begonnen hatten. Und so treffen die Pleite und der mögliche Betrug des Immobilienentwicklers nicht nur Anleger weltweit, sondern auch bayerische Kommunen. Über Bayern verteilt besitzt die insolvente GPG denkmalgeschützte Objekte.

Häuser, die nicht saniert werden

Die Kommunen stehen jetzt vor der Frage, was mit den sanierungsbedürftigen Denkmälern in ihren Gemeinden passiert. Ludwig Wallinger, der Bürgermeister von Schönthal, einem kleinen Ort in der Oberpfalz macht sich große Sorgen. 2017 hatte die GPG das Kloster Schönthal gekauft, ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 13. Jahrhundert. Seit dem Kauf ist nichts passiert, die Firma war für ihn nur schwer zu erreichen. "Jedes mal war jemand anderes zuständig. Es ist eine schreckliche Lage, weil es einfach schade ist um das denkmalgeschützte Gebäude, weil der Verfall von Tag zu Tag stärker wird."

Für Bürgermeister Michael Franken aus Reichertshofen bei Ingolstadt kommt die Nachricht über die Insolvenz und das Ermittlungsverfahren nicht ganz überraschend. Er hatte bereits im vergangenen Jahr die Befürchtung, dass es "in eine ungute Richtung geht." Seit 2013 ist die Stockaumühle in seiner Gemeinde im Besitz der GPG, doch statt Wohnungen zu bauen, verfiel das Denkmal immer weiter. Er hofft, dass die Immobilie im Insolvenzverfahren wieder auf den Markt kommt und die Stockaumühle endlich saniert wird. In Bamberg gelang es der Stadt gerade noch rechtzeitig, eine einsturzgefährdete Immobilie zurückzukaufen. In Augsburg werden seit Jahren fast 50 GPG-Wohnungen nicht fertiggestellt.

Während also in Bayern und ganz Deutschland Kommunen mit ansehen müssen, wie Denkmäler verfallen, warteten viele Kleinanleger aus dem Ausland auf die Rückzahlung ihrer Investments. Manche von ihnen haben ihren komplette Altersvorsorge investiert. Viele Investoren kommen aus Großbritannien, Irland und Asien.

Was ist mit dem Geld passiert?

Auf Anfrage von BR, HR und BBC ließ die German Property Group im Mai 2019 über einen Anwalt mitteilen, dass die Firma ausdrücklich keine Liquiditätsprobleme habe. Knapp 14 Monate später, im Juli 2020, hat die Firma Insolvenz angemeldet.

Seit 2016 veröffentlicht die GPG, damals noch Dolphin Trust, keine Bilanzen mehr, aber noch ein Jahr davor gewährte sie ihrem Geschäftsführer Charles Smethurst ein Privatdarlehen in Höhe von drei Millionen Euro. Ein ganz normaler Vorgang, hieß es damals von der GPG.

Jetzt muss ein Insolvenzverwalter klären, was mit dem Geld der Anleger passiert ist - man geht hier von einem Anlagevolumen von etwa einer Milliarde Euro aus. Wie viel ist davon übrig? Das herauszufinden wird nicht einfach. Denn das Firmennetz ist kompliziert und weit verzweigt. Die Investoren haben nicht direkt in die German Property Group investiert, sondern in eine ihrer unzähligen Tochtergesellschaften. Zum Beispiel in die "Dolphin Capital 80. Projekt GmbH & Co. KG". In der letzten veröffentlichten Bilanz von 2015 lagen alleine in dieser Tochtergesellschaft fast 380 Millionen Euro Kapital. Unsere Recherchen ergaben 2019, dass der Großteil der Objekte in dieser Tochtergesellschaft noch nicht saniert worden war, unter manchen Adressen fanden wir lediglich eine grüne Wiese vor.

Immobilien als Anlage verkauft, die nicht im Besitz der Firma waren

Besonders skurril: Ein asiatischer Investor hatte laut Vertrag 20.000 Singapur Dollar in ein Objekt investiert, das sich laut GPG unter der Adresse Badener Platz 4 in Mannheim befinden soll. Vor Ort fanden wir statt einer Baustelle allerdings ein altes Militärgelände. Ein Schild am Zaun erklärte: Hier sitzt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die teilte uns schriftlich mit, dass sich das Grundstück unter der Adresse Badener Platz 4 in Mannheim seit Jahrzehnten im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland befindet.

Wie kann das sein? Wie kann eine Firma Gelder für den Kauf einer Immobilie einsammeln, die ihr gar nicht gehört? Auf Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Hannover hieß es vor der Veröffentlichung unserer Recherchen im Frühjahr 2019 noch, dass aktuell keine Ermittlungen gegen die Firma laufen würden. Es habe zwar mehrmals der Verdacht auf Geldwäsche bestanden - dieser habe sich aber nicht erhärtet.

Jetzt aber wird ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat wegen Verdacht auf Betrug ein Verfahren eingeleitet, weitere seien anhängig. Auch der Finanzaufsichtsbehörde BaFin sind die BR/HR/BBC-Recherchen seit 2019 bekannt. Damals hieß es auf Anfrage, es bestehe keine Prospektpflicht, deshalb sei man nicht zuständig. Aber hätte die BaFin nicht trotzdem eingreifen können - und so Anleger vor Verlusten schützen? Im Moment ist völlig unklar, ob sie ihr Geld jemals wieder sehen. Wie es mit den denkmalgeschützten GPG-Objekten in den Kommunen weitergeht, ist noch nicht absehbar.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!