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Bayern ist spitze im Bundesvergleich: Immer mehr Väter gehen in Elternzeit. Aber sie gehen nur kurz: im Schnitt 3 Monate.

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    Väter in Elternzeit: Von Teamleitung in Arbeitslosigkeit

    Immer mehr Väter in Bayern gehen in Elternzeit. Aber meist nur kurz, im Schnitt drei Monate. Die Angst vor finanziellen Einbußen und Karriereknick ist zu groß. BR-Recherchen haben ergeben: Väter in Elternzeit erleben immer wieder Diskriminierungen.

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Von einem erfolgreichen Job in die Arbeitslosigkeit. Und das nur, weil sich Anton B. um seine Kinder kümmern wollte. 14 Monate Elternzeit hatte er beantragt. Der 35-Jährige leitete in einem großen bayerischen Unternehmen ein 30-köpfiges Team. Zehn Jahre lang hat er dort gearbeitet. Anton möchte anonym bleiben, da er immer noch auf Jobsuche ist. Deswegen haben wir seinen Namen geändert.

    Anton wurde degradiert und diskriminiert

    Als Anton seinen Kollegen und Kolleginnen von seinem Plan erzählte, mehr als ein Jahr Elternzeit zu nehmen, zollten sie ihm Respekt, sagten, er sei ganz schön mutig. Das habe ihn schon gewundert, dass es dafür Mut brauche, erzählt er. Sein Vorgesetzter reagierte überrascht.

    "'Ein Teamleiter, der 14 Monate Elternzeit nimmt?! Das hatten wir ja noch nie!', sagte mein Chef. Da hätten bei mir schon die Alarmglocken schrillen müssen", erinnert sich Anton. Er ging dennoch in Elternzeit, versuchte Kontakt zum Unternehmen zu halten. Aber sein Arbeitgeber schwieg zunächst, auch als Anton nachfragte, wie es bei seiner Rückkehr mit ihm weiterginge.

    Vater in Elternzeit: "Ich bin massiv enttäuscht von meiner Firma."

    Dann wurde dem jungen Bayer ein Job eine Stufe unter seiner alten Position angeboten. Er sollte also degradiert werden. Anton lehnte das Angebot ab. In Gesprächen vermittelte ihm sein Unternehmen dann den Eindruck: Man habe kein Interesse mehr, ihn weiter zu beschäftigen.

    Für den Familienvater ein Schock. "Man fühlt sich so betrogen und um seine Arbeit gebracht, für die man sehr viel gegeben und auch viele Abstriche im Privaten gemacht hat. Dass das alles nichts mehr wert ist, nichts zählt... Auch als Mensch zählst Du gar nichts mehr. Das war einfach nur eine knallharte Entscheidung vom Unternehmen. Ich war massiv enttäuscht!"

    Familienfreundliche Fassade der Firma trügt

    Nach außen habe sich das bayerische Unternehmen immer als familienfreundlich verkauft und sich aktiv gegen Diskriminierung eingesetzt, erzählt Anton. Mit diesen Werten habe er sich identifiziert, aber er musste das Gegenteil erleben. Der zweifache Vater nahm sich schließlich einen Anwalt. Man einigte sich auf eine Vertragsaufhebung mit Abfindung. Das Ende: Anton wurde arbeitslos.

    Väter erleben nun das, was Mütter schon lange durchmachen

    Was Mütter schon seit Jahren erfahren, erleben mittlerweile auch immer mehr Väter: Sie werden vom Arbeitgeber diskriminiert, degradiert, von Kollegen und Kolleginnen gemobbt, weil sie länger in Elternzeit gehen. Der BR hat mit vielen Vätern gesprochen, aber keiner wollte mit seinem vollen Namen ein Interview geben, aus Angst vor beruflichen Konsequenzen. Nur Anton hat sich bereit erklärt, wenn auch anonym. Er will auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam machen.

    Laut Bundesamt für Statistik betrug 2020 der Anteil der Väter bei der Elternzeit mehr als ein Viertel (27,2 Prozent). Damit liegt der Freistaat bundesweit mit an der Spitze. Aber noch immer nehmen bayerische Väter nur kurz Elternzeit. Im Schnitt 3,1 Monate.

    Münchner Anwalt vertritt Väter: "Schon alles erlebt."

    Noch immer sei es in Bayern so, dass Väter belächelt werden, wenn sie in Elternzeit gehen wollen, stellt der Münchner Anwalt Martin Kupka fest. Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat schon mehrere Väter vertreten. Dabei haben Väter – wie Mütter – ein Recht auf Elternzeit. Beide können pro Kind bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen.

    Martin Kupka: "Wenn es tatsächlich zu Problemen kommt, dann können wir einklagen, dass der Vater nach der Rückkehr aus der Elternzeit tatsächlich wieder eine gleichwertige Stelle bekommt. Wir können auch Teilzeit gerichtlich geltend machen. Gerade bei Teilzeit in Elternzeit haben wir überragende Erfolgschancen normalerweise. Das ist ein sehr starkes Recht." Und auch wenn eine Kündigung kommt, kann man sich juristisch dagegen zur Wehr setzen.

    Nur wenige Väter in Bayern gehen lange in Elternzeit

    Bayern sei in Sachen Väter in Elternzeit immer noch konservativ, es sei weit verbreitet, dass Mütter zu Hause bleiben, so die "Väter-gGmbH" mit Sitz in Hamburg. Sie berät bundesweit Firmen, väterfreundlicher zu werden. Das Interesse bayerischer Firmen sei dabei nicht so groß, sagt "Väter-gGmbH"-Gründer Volker Baisch. Zwei seiner wenigen bayerischen Kunden: Datev in Nürnberg, Audi in Ingolstadt.

    Studie der Hochschule Landshut zu Väter in Elternzeit

    Die meisten Väter in Bayern gehen nur kurz in Elternzeit. Laut Bundesamt für Statistik im Schnitt 3,1 Monate. Die Gründe: Die Sorge vor finanziellen Einbußen, berufliche Nachteile, aber auch das Bestehen traditioneller Rollenbilder, zeigt eine Studie der Hochschule Landshut. "Bayerische Väter fühlten sich ihrem Betrieb gegenüber loyaler als ihrer Familie. Sie hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie länger in Elternzeit gingen", berichtet die Landshuter Soziologin Barbara Thiessen.

    Außerdem hat die Studie regionale Unterschiede im Freistaat festgestellt. "In den Metropolregionen nehmen die Väter mehr Elternzeit. In manchen ländlichen Regionen weniger, in Straubing zum Beispiel ist es relativ wenig, in Landshut ist es wieder mehr. In Nordbayern ist die Beteiligung der Väter an der Elternzeit besonders hoch."

    💡 In Bayern haben 2020 knapp 318.000 Menschen Elterngeld bezogen. So die Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Der Anteil der Väter dabei steigt stetig an. Waren es 2019 26,6 Prozent, sind es im vergangenen Jahr 27,2 Prozent gewesen. Damit ist Bayern im Bundesvergleich mit an der Spitze. Nur in Sachsen gehen mehr Väter in Elternzeit. Aber bayerische Väter nehmen sich meist nur kurz eine berufliche Auszeit wegen der Kinder: 3,1 Monate. Väter in Bremen nehmen laut Bundesamt für Statistik durchschnittlich am längsten Elternzeit mit 5,4 Monaten.

    💡 Die Elternzeit ist eine unbezahlte Auszeit vom Berufsleben für Eltern, die ihr Kind selbst erziehen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können unter gewissen Bedingungen vom Arbeitgeber verlangen, sie dafür freizustellen – grundsätzlich pro Kind bis zu drei Jahre.

    Familienministerin Trautner: Mehr Verständnis für Väter

    Mehr Väter länger in Elternzeit: Das ist auch das Ziel des bayerischen Familienministeriums. Auf BR-Anfrage teilt es mit, dass der Freistaat gemeinsam mit der Wirtschaft nun entsprechende Impulse in der Unternehmenswelt setzen wolle. "Familienfreundliche Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen können dazu beitragen, die Befürchtungen der Väter abzubauen.

    So kann beispielsweise eine offene und aktive Kommunikation bezüglich familienfreundlicher Maßnahmen im Unternehmen dazu beitragen, Hemmungen zu verringern und althergebrachte Rollenklischees aufzubrechen", fordert Bayerns Familienministerin Carolina Trautner (CSU). Der 2014 gegründete Familienpakt Bayern unterstützt bayerische Arbeitgeber darin, Familienfreundlichkeit in ihrer Unternehmenskultur zu verankern.

    Anton ist froh, lange Elternzeit genommen zu haben

    Trotz seines beruflichen Abstiegs bereut es Vater Anton nicht, Elternzeit genommen zu haben. Er lebe mit seiner Frau die Gleichberechtigung, teile sich die Erziehung der Kinder, sagt der 35-Jährige. "Trotzdem gibt es Tage, an denen ich immer noch leide, weil mich das Thema Väter in Elternzeit so aufwühlt. Das ist einfach ein Grundwert für mich: Gerechtigkeit. Dass es die nicht gibt, das schmerzt mich."

    Anton möchte andere Väter ermutigen, länger Elternzeit zu nehmen. Nur so könnte ein Umdenken in den Unternehmen stattfinden.

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