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US-Soldaten in Augsburg – Streit um den Erinnerungsort | BR24

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Eine temporäre Ausstellung in einer geschichtsträchtigen Halle 116 in Augsburg soll an die gemeinsame Zeit mit den US-GI-s erinnern. Doch schon vor der Eröffnung gibt es Wirbel um die Schau.

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US-Soldaten in Augsburg – Streit um den Erinnerungsort

In der Halle 116 auf dem Gelände der früheren US-Kaserne wird jetzt eine Ausstellung eröffnet, die an die Zeit der US-Streitkräfte in Augsburg erinnern will. Doch der Ort sorgt für Diskussionen, denn er war vorher ein Außenlager des KZ Dachau.

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Von
  • Barbara Leinfelder
  • Veronika Scheidl
  • Matthias Lauer

GIs, Hotdogs, Cadillacs und Nazi-Jäger: Mit dem "Neue Amerika-Haus" in Augsburg wollen zwei Vereine einen Ort schaffen, wo die Geschichte der US-Streitkräfte in der Stadt erzählt werden kann. Über 50 Jahre lang waren die US-Streitkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg in Augsburg stationiert, heute erinnert nur noch wenig an diese Zeit. Die Vereine "Amerika in Augsburg" und "American Car Friends" wollen das ändern, haben dafür lange Exponate gesammelt und sogar Fundstücke vor dem Abriss aus den Kasernen gerettet. Am Wochenende soll die neue Schau präsentiert werden. Doch schon vor der offiziellen Eröffnung am Samstag gibt es Wirbel um den Ausstellungsort.

Halle 116 war erst Außenlager des KZ Dachau

Denn in der Halle 116 auf dem Gelände der früheren Sheridan-Kaserne waren während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter interniert. Der langgestreckte Bau im Stadtteil Pfersee war ein Außenlager des KZ Dachau. Bis zu 2.000 männliche Häftlinge waren hier untergebracht. Sie mussten etwa in den Messerschmitt-Flugzeug-Werken Dienst leisten. Die Männer stammten vor allem aus Polen und der Sowjetunion, aber auch aus Frankreich, Italien und Deutschland.

Ehemaliges KZ-Außenlager neben Oldtimern und Hotdogs

Die Lebensbedingungen im Lager waren geprägt von Mangelernährung, Krankheiten und Misshandlungen. Zeitzeugen berichteten auch von Strafhinrichtungen auf dem Appellplatz vor der Halle. Für Marcella Reinhardt, die Vorsitzende des schwäbischen Regionalverbands der Sinti und Roma, passt deshalb die Amerika-Ausstellung nicht in die Halle 116. Reinhardts Großeltern sind im KZ Ausschwitz ermordet worden. US-Oldtimer und Hotdogs seien an einem früheren KZ-Außenlager fehl am Platz:

"Ich finde einfach, dass es der falsche Ort ist. Ich bin dafür, dass man die amerikanische Geschichte erwähnt, da ja auch meine Leute vom Amerikaner befreit worden sind (…), aber es ist einfach der falsche Ort, man kann hier nicht feiern." Marcella Reinhardt, Vorsitzende des schwäbischen Regionalverbands der Sinti und Roma

Stadt will einen Ort für Nazi-Vergangenheit und US-Geschichte

Die Macher der Ausstellung können die Kritik nicht nachvollziehen. Sie hätten sich genau an das wissenschaftliche Nutzungskonzept für die Halle gehalten, so Edgar Mathe, Sprecher des Vereins "American Car Friends". Das sogenannte Gassert-Konzept wurde von der Stadt bei dem Mannheimer Geschichtsprofessor Philipp Gassert in Auftrag gegeben und ist vom Augsburger Stadtrat längst beschlossen worden. Demnach sollen Nazi-Vergangenheit und US-Geschichte in der Halle gleichermaßen sichtbar sein.

"Die Konzeption ebnet historische Gegensätze und konträre Perspektiven nicht ein, sondern macht diese explizit. In der Halle 116 haben sich verschiedene historische Schichten abgelagert (…) sie wird auch künftig erinnerungskulturelle Reibungsfläche sein". Aus dem Abschlussbericht Gassert-Konzept

Vereine wollen an US-Autowerkstatt erinnern

Die US-Streitkräfte nutzten die einzelnen Hallenteile als "Motorpool", also als Autowerkstatt. Daran knüpfen die Macher des Amerika-Hauses an. Sie wollen alte Cadillacs und Chevrolets zeigen, aber auch Fundstücke, die aus den Kasernen gerettet wurden. Zu sehen sind in der Schau etwa eine US-Poststation, Szenen aus dem PX-Supermarkt, der den GIs vorbehalten war, sowie Sessel aus dem alten Reese-Theater, das erst vor Kurzem abgerissen wurde.

Amerika-Haus soll auch auf Nazi-Verbrechen eingehen

Die Macher der Ausstellung legen aber auch Wert auf historische Begleittexte. Sie informieren etwa über die "7708 War Crimes Group", deren Mitglieder als "Nazi-Jäger von Augsburg" bekannt geworden sind. Die Spezialeinheit des US-Militärs sollte in der Region nach Kriegsverbrechern und Denunzianten suchen. "Viele wissen gar nicht, dass es die gegeben hat, die dann in den Landratsämtern und Rathäusern Nazis gesucht haben", so Harm Ritter, Vorstand der "American Car Friends". Es gebe noch etliche weitere Geschichten, die es wert seien, von Historikern wissenschaftlich aufgearbeitet zu werden, meint Ritter.

Persönliche Erinnerungen der Augsburger an die GIs

Erzählt werden sollen in der Schau auch persönliche Geschichten, so Edgar Mathe. Er selbst habe als Student regelmäßig GIs im Taxi kutschiert, viele Augsburger hätten für die Amerikaner gearbeitet. Dadurch gebe es viele Bezüge zur Stadtgesellschaft und viele Erinnerungen, etwa rund um das "Deutsch-American Volkfest", das jahrelang ein Besuchermagnet für Augsburger und Soldaten gleichermaßen war. Die Schau zeigt auch, was aus den ehemaligen Kasernen geworden ist – neue Wohngebiete für Familien.

Stadt Augsburg will zwischen den Fronten vermitteln

Die Stadt Augsburg würdigt die Arbeit der beiden Vereine "Amerika in Augsburg" und "American Car Friends" und will vermitteln. Eine Kündigung des Mietvertrags für die Halle 116 stehe nicht zur Diskussion, so Thomas Weitzel von der Stabsstelle Frieden und Erinnerungskultur der Stadt Augsburg. Die Stadt plant, in der Halle einen Lern- und Erinnerungsort einzurichten, der auch das Schicksal der Zwangsarbeiter und die Geschichte der Halle als KZ-Außenlager aufarbeiten soll. "Insofern haben wir ein Nebeneinander unter einem Dach", so Weitzel. Ab Sonntag ist die neue Schau "Neues Amerika-Haus" in der Halle 116 in der Karl-Nolan-Straße für Besucher geöffnet.

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