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Nach dem Tod eines drei Jahre alten Jungen musste sich ein 24-Jähriger in Augsburg vor Gericht verantworten

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    Urteil im Prozess um Tod eines Dreijährigen aus Dillingen

    Im Fall des toten Dreijährigen aus Dillingen ist das Urteil gefallen. Der 24 Jahre alte Angeklagte ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gesprochen worden. Er muss für neun Jahre und neun Monate in Haft.

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    Von
    • Judith Zacher
    • Kilian Geiser
    • Barbara Leinfelder

    Nachdem das Schwurgericht Augsburg das Urteil im Fall um den dreijährigen Ben gesprochen hat – neun Jahre und neun Monate wegen Körperverletzung mit Todesfolge – hat der Kammer das Urteil ausführlich erläutert.

    "Sonderlich ernst haben Sie den Prozess nicht genommen", so lautet der Vorwurf von Richter Roland Christiani an den 24-jährigen Angeklagten. Der habe versäumt, sich früh ausführlich zu äußern und zu schildern, was an jenem Tag wirklich passiert sei. "Was geht in einem vor, der ein Menschenleben ausgelöscht hat. Wie verhält sich einer, nachdem er ein Leben ausgelöscht hat?" – diese Fragen stellte der Richter in den Raum.

    Richter bezeichnet Schilderung des Angeklagten als Märchen

    Der erste Schritt der Reue sei, die Tat, das Geschehen, sich selbst gegenüber zu gestehen und dann – in einem nächsten Schritt, es auch anderen zu gestehen. Das habe der 24-Jährige nicht getan, sondern mit einer ausgesprochenen Gefühlskälte diesem Verfahren beigewohnt. Die spätere Aussage, er sei über eine Decke gestolpert und dann mit dem spitzen Knie voraus auf das Kind gestürzt, bezeichnete Richter Christiani als "Märchen". Nähere Nachfragen hätten ins Leere geführt, "weil die "Geschichte so weit nicht vorbereitet war".

    Gericht kritisiert zögerliches Verhalten

    Seine Anwälte und alle Zeugen hätten ein "positives Bild" von ihm gezeichnet. Aber es gebe auch "ein anderes Bild", von dem Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft habe auch nach strafmildernden Gründen gesucht. Durch das zögerliche Verhalten des Angeklagten habe das Gericht "wertvolle Zeit verloren". Zumal der Mann bereits nach der Verhaftung im Polizeiwagen geschildert habe, dass er den Buben mit der Faust geschlagen habe.

    Kritik an Verteidigern

    "Sie haben den Ben mutmaßlich durch zwei Faustschläge, durch heftigste Schläge umgebracht", möglich nach dem Verletzungsbild seien auch Kicks mit dem Ellenbogen, dem Knie oder der Ferse gewesen. Das Gutachten der Rechtsmedizin sei eindeutig gewesen. Die stumpfe Gewalt sei so heftig gewesen, dass das Gedärm, eigentlich sehr elastisch, gerissen sei. Zur festgestellten Tatzeit sei der Angeklagte mit dem Kind allein gewesen. Der Richter sparte auch nicht mit Kritik an den Verteidigern. Der Angeklagte hätte viel früher sich einlassen sollen.

    Staatsanwaltschaft rückte vom Vorwurf des Totschlags ab

    "Auf den ersten Blick war das Mord" – so umschreibt der Vorsitzende Richter des Augsburger Schwurgerichts das Geschehen um den dreijährigen Buben aus Dillingen. Auch das Mordmerkmal der Heimtücke sei gegeben. Das Gericht hätte daher auch entscheiden können, dass der 23-Jährige den Jungen "still habe schalten wollen", das hätte ein niedriger Beweggrund und damit Mordmerkmal sein können. "Aber das haben wir nicht getan." Richter Christiani lobte dabei ausdrücklich den Staatsanwalt Michael Nißl: "Solche fairen und besonnenen Staatsanwälte wünscht man sich." Er sei vom Vorwurf des Totschlags abgerückt und habe zugunsten des Angeklagten auf Körperverletzung mit Todesfolge plädiert, weil klar gewesen sei, dass es nicht ausreichend Mordmerkmale gegeben habe.

    Richter legt fehlendes Geständnis zum Nachteil des Angeklagten aus

    Zur Strafzumessung sagte der Richter, es habe sich strafmildernd ausgewirkt, dass der Mann noch keinerlei Vorstrafen habe. Nachteilig sei, dass er kein Geständnis abgelegt habe und im Nachtatverhalten alles getan habe, um seine Schuld zu verschleiern. Daher "nur neun Jahre und neun Monate", so Richter Christiani abschließend. Dennoch: "Es fällt der Vorhang und es bleiben viele Fragen offen". Und: "Die Bilder Ihrer Tat werden Ihnen erscheinen – lebenslang." Mit der Schuld, einen Menschen ausgelöscht zu haben, müsse er leben. Der Angeklagte folgte den Ausführungen des Richters regungslos. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

    Angeklagter hatte Jungen an einem Oktobertag betreut

    Nach dem Tod eines drei Jahre alten Buben aus Dillingen hatte Mitte Januar der Prozess gegen den 24 Jahre alten Angeklagten vor dem Landgericht Augsburg begonnen. An einem Oktobertag im Jahr 2019 übernahm er die Betreuung des Kindes. Mit dessen Mutter war er damals liiert. Während die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer von einem Tötungsdelikt ausging, folgte die Verteidigung einer Unfall-These.

    Staatsanwaltschaft forderte elf Jahre Haft

    Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer elf Jahre Haft für den Mann gefordert. Sie warf ihm vor, das Kind durch massive Faustschläge in den Bauch so schwer verletzt zu haben, dass es am Ende starb. Die Staatsanwaltschaft stützte die Vorwürfe auf ein Gutachten, das von massiver, stumpfer Gewalt als Todesursache ausgeht.

    Verteidigung folgt Unfall-These und fordert Freispruch

    Die Verteidigung hatte dagegen auf Freispruch plädiert und den Tod des Jungen als tragischen Unfall dargestellt. Der Angeklagte hat im Laufe des Prozesses berichtet, er habe sich am Nachmittag des 20. Oktober 2019 mit den Beinen in einer Decke verwickelt und sei mit dem Knie auf den Bauch des Jungen gestürzt. Weil er dem Vorfall keine Bedeutung beigemessen habe, habe er das bisher niemandem gesagt. Die Verteidigung stufte diese Erklärung als plausibel ein und verwies auf die Aussagen der befragten Zeugen, in denen der Soldat als liebevoller und besonnener Mensch beschrieben worden sei.

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