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Urteil im Fall Bayern-Ei: Im Zweifel für den Angeklagten | BR24

© dpa-Bildfunk/Armin Weigel

Sechs Jahre nach dem Salmonellen-Skandal um die niederbayerische Firma Bayern-Ei ist der frühere Geschäftsführer verurteilt worden.

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Urteil im Fall Bayern-Ei: Im Zweifel für den Angeklagten

Im Sommer 2014 erkrankten in mehreren Ländern hunderte Menschen an Salmonellen. Heute ging mit dem Urteil im Fall Bayern-Ei die Aufarbeitung eines der größten Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre zu Ende. Eine Analyse.

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Für einen Lebensmittelskandal fällt das Urteil im Bayern-Ei-Prozess keineswegs mild aus. Rund zwei Millionen Euro muss der Angeklagte Stefan Pohlmann zahlen, dazu kommt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. All das vor dem Hintergrund, dass der ehemalige Bayern-Ei-Geschäftsführer rund acht Monate in Untersuchungshaft verbrachte. Und doch: Gemessen an den ursprünglichen Vorwürfen der Staatsanwaltschaft ist der Unternehmer aus Straubing äußerst glimpflich davongekommen.

Strafverfahren stößt an Grenzen

Denn zu Beginn des Prozesses standen mehrere Jahre Haft im Raum, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung in 186 Fällen, in einem davon mit Todesfolge. Die Hauptverhandlung im Fall Bayern-Ei aber hat gezeigt: Bei einem derart komplexen Lebensmittelskandal stößt ein Strafverfahren an seine Grenzen.

Für eine Verurteilung im Sinne der Anklage mussten die Ermittler Jahre nach dem Salmonellenausbruch rekonstruieren, wer im Sommer 2014 wann welche Eier aus den Ställen der niederbayerischen Firma gegessen hatte. Sie mussten zweifelsfrei belegen, dass diese Eier kontaminiert waren und Pohlmann die Salmonellen-Erkrankungen durch verseuchte Eier bewusst in Kauf genommen hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte zwar eine Fülle von Indizien zusammengetragen. Doch ein lückenlose, über jeden Zweifel erhabene Beweisführung erwies sich als unmöglich – trotz langer Zeugenliste, Genanalysen und aufwendigster Ermittlungen.

Von Wahrscheinlichkeiten und Restzweifeln

Gefängnis oder Freiheit – diese Frage entschied sich für Stefan Pohlmann vor allem am Fall eines Mannes aus Österreich. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft war er durch verseuchte Eier aus den Ställen der Firma zu Tode gekommen. Zwar betonte der Richter bei der Urteilsverkündung, ein Zusammenhang des Todes mit einer Salmonelleninfektion durch Bayern-Ei sei sehr wahrscheinlich. Da es aber keine Obduktion der Leiche gab, könnten andere Möglichkeiten nicht komplett ausgeschlossen werden. Und im Zweifel gilt nun mal: für den Angeklagten, der am Tag der Urteilsverkündung seine gute Laune offen zeigte.

So bleiben am Ende von sechs Monaten Hauptverhandlung 26 Fälle von fahrlässiger Körperverletzung und 190 Mal gewerbsmäßiger Betrug, weil Pohlmann seinen Kunden kontaminierte Eier als A-Ware verkauft hatte.

Unverständnis über Handeln der Behörden

Die Versäumnisse der bayerischen Behörden übrigens haben ihren Teil zu diesem Lebensmittelskandal beigetragen, das wurde auch in diesem Prozess deutlich. Obwohl deren Handeln nicht Gegenstand des Prozesses war, brachte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung mehrmals sein Unverständnis zum Ausdruck. Zum Beispiel darüber, dass die Kontrolleure trotz klarer Anweisungen nach dem Fund von Salmonellen bei Bayern-Ei nur einzelne Ställe gesperrt hatten und nicht den ganzen Betrieb. Oder darüber, dass sie lange Zeit lediglich einzelne Tageschargen zurückgerufen hatten – also immer nur die Produktion jenes Tages, an dem die Salmonellen im Stall gefunden wurden. Da Hühner nicht über Nacht salmonellenfrei werden, ist dieses Vorgehen gelinde gesagt fragwürdig.

Pohlmann gibt Hühnerhaltung in Deutschland auf

Und so steht am Ende, fünf Jahre nach dem Salmonellenausbruch, vor allem die Erkenntnis: Die nachträgliche Aufarbeitung von Lebensmittelskandalen hat enge Grenzen. Umso wichtiger ist es, dass die Kontrollbehörden ihre Arbeit gewissenhaft erledigen und die Verbraucher schützen. Weniger vor Stefan Pohlmann, denn er hat sich als Teil des Deals mit der Staatsanwaltschaft verpflichtet, künftig keine Hühner mehr in Deutschland zu halten. Aber vor anderen Unternehmern seines Schlages – vor den wenigen schwarzen Schafen, die wie er nicht davor zurückschrecken, den Verbrauchern belastete Lebensmittel zu verkaufen.

© BR

Im Skandal um verunreinigte Eier ist das Urteil gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Firma "Bayern-Ei" gefallen. Eine Einschätzung von BR-Reporter Andreas Wenleder