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Urteil erwartet: 92-Jähriger tötet demente Ehefrau "aus Liebe" | BR24

© BR/ Carolin Hasenauer

Fast 70 Jahre lang waren sie verheiratet - dann soll ein 92-jähriger Mann aus Gemünden seine hochgradig demente Frau im Schlafzimmer getötet haben. Nun wird vor dem Landgericht Würzburg ein Urteil erwartet.

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Urteil erwartet: 92-Jähriger tötet demente Ehefrau "aus Liebe"

Fast 70 Jahre lang waren sie verheiratet – dann soll ein 92-jähriger Mann aus Gemünden seine hochgradig demente Frau im Schlafzimmer getötet haben. Heute wird vor dem Landgericht Würzburg ein Urteil erwartet. Der Mann gilt als nicht voll schuldfähig.

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Von
  • Carolin Hasenauer

Am zweiten Verhandlungstag gegen einen 92-jährigen, der nach 70 Ehejahren seine Frau getötet haben soll, hat die psychiatrische Sachverständige heute ihr Gutachten erstattet: Der Angeklagte litt zum Tatzeitpunkt unter einer schweren Depression, er hätte "kein Licht am Ende des Tunnels gesehen“ und gilt damit als nicht voll schuldfähig. Am Vormittag hat der 92-jährige Angeklagte nochmal den Tatablauf geschildert: "Ich hatte am Morgen noch gar nicht die Absicht, das mit meiner Frau zu machen."

Tod war kein Tabuthema mehr

Vieles sei für ihn heute nicht mehr nachvollziehbar. "Ich weiß nicht mehr, ich war wie im Zwang“, so der alte Mann. Tod und Sterben seien für ihn und seine Frau keine Tabuthemen gewesen, sie hätten schon Jahre vorher darüber gesprochen, gemeinsam aus dem Leben scheiden zu wollen. Bevor er sie dann am Abend des 3. November 2019 erstickte, gab er ihr Schlaftabletten, "damit sie nicht merkt, was ihr geschieht.“ Die Frage des Richters, ob der Tod der Ehefrau ein „schöner“, angenehmer gewesen sei, bejahte der rechtsmedizinische Sachverständige.

Zweifel des Staatsanwalts

Der Staatsanwalt zweifelte daran, dass der Angeklagte die Tat wirklich spontan durchgeführt hat – die Abschiedsbriefe an die Angehörigen hatte der 92-Jährige schon Tage vorher geschrieben. „Ich habe keine Lösung mehr gesehen, ich kann heute nicht mehr erklären, wie ich dann darauf kann, dass diese Tat ein Ausweg ist. Dass ich eine Straftat begehe, daran habe ich in dem Moment überhaupt nicht gedacht – da war ich etwas unbedarft“, so der Angeklagte.

Anklage lautet Totschlag

Am Abend des 3. November 2019 erstickt der Angeklagte seine Frau. Dann will er auch sich selbst umbringen, doch der Suizid misslingt. Seit Dienstag muss sich der 92-Jährige nun vor dem Landgericht Würzburg wegen Totschlags verantworten, "ohne ein Mörder zu sein", wie der Staatsanwalt betonte. Der Mann kümmerte sich nach eigenen Angaben über Jahre hinweg fast alleine um seine hochgradig demente Frau. Er sei mit der Pflege überfordert gewesen, wollte aber nicht, dass sie ins Heim muss. Deshalb hätten sich die Eheleute zum gemeinsamen Sterben verabredet.

Einkaufen, Haushalt, Pflege: 92-Jähriger war überfordert

Fast 70 Jahre lang waren sie verheiratet, unzertrennlich, beschreiben Freunde und Bekannte sie. Er habe nicht aus Eigennutz gehandelt, sondern aus Liebe, heißt es im schriftlichen Geständnis des 92-Jährigen. "Uns gab es nur im Doppelpack." Das bestätigte auch der langjährige Hausarzt. Aber Einkaufen, Haushalt, Garten, den Partner anziehen, Körperpflege und vieles mehr: Er habe gemerkt, dass das alles sehr viel für den alten Mann war, erzählt der Mediziner.

Dreiviertel der Pflegebedürftigen werden zuhause gepflegt

Die meisten pflegebedürftigen Menschen werden in Deutschland daheim betreut, von Pflegekräften und Angehörigen. Für 2020 geht der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) von rund vier Millionen Pflegebedürftigen aus. Mehr als drei Millionen leben zu Hause. Ausgebildete Pflegekräfte fehlen an allen Ecken und Enden.

Verminderte Schuldfähigkeit denkbar

Für Norman Jacob, den Verteidiger des 92-Jährigen, sei dieser Fall sehr außergewöhnlich. Als er seinen Mandanten im Dezember 2019 in der Psychiatrie der JVA Würzburg antrifft, sieht er einen gebrochenen Mann. "Umso bewundernswerter, wie gut mein Mandant den Prozess heute meistert", so Jacob. Heute wird die Erstattung eines psychiatrischen Gutachtens erwartet, das den Angeklagten voraussichtlich als vermindert schuldfähig einstuft. Dann spricht das Gericht sein Urteil.

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