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Urban Mining: Städte als Rohstoffminen der Zukunft | BR24

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In Städten lagern Tonnen von Rohstoffen - verbaut in Gebäuden und in Infrastruktur. "Urban Mining" ist ein Ansatz, der vieles davon bei einem Abbruch wieder zurückholen möchte. Doch weder Bauwirtschaft noch Politik sind momentan darauf ausgerichtet.

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Urban Mining: Städte als Rohstoffminen der Zukunft

In Städten lagern Tonnen von Rohstoffen - verbaut in Gebäuden und in Infrastruktur. "Urban Mining" ist ein Ansatz, der vieles davon bei einem Abbruch wieder zurückholen möchte. Doch weder Bauwirtschaft noch Politik sind momentan darauf ausgerichtet.

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Häuser und Siedlungen sind nicht nur Wohnstätten für Menschen. Sie haben in ihrer Bausubstanz riesige Mengen an Rohstoffen gespeichert, deren Wert immer mehr zunimmt. Unter dem Begriff "Urban Mining" versteht man die Sicht auf Gebäude und Infrastruktur als "Rohstoff-Minen", die bei einem Abbruch "geerntet" werden.

Rund 2,2 Millionen Tonnen Rohstoffe in einem Stadtteil

Doch wie viele Rohstoffe wo gelagert sind, ist nicht systematisch erfasst. Dabei wird das Wissen um die zivilisatorisch gebundenen Rohstoffe immer wichtiger, je größer der Rohstoffhunger der Menschheit ist, und je schneller die in der Natur gebundenen Vorräte zu Ende gehen.

Der Ingenieur Matthias Heinrich hat für seine Doktorarbeit an der TU München berechnet, wie viele Rohstoffe im Münchner Stadtteil Neuaubing gebunden sind. Demnach liegen in den rund 2.400 Gebäuden dort circa 2,2 Millionen Tonnen Rohstoffe gespeichert. Ein Großteil davon sind mineralische Baustoffe wie Zement. Aber auch 110.000 Tonnen Metalle lagern in den Gebäuden aus den 60er- und 70er-Jahren, im Wert von 20,4 Millionen Euro. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so viel ist. Wichtiger aber ist noch, was ich mit diesen Materialien einmal anstellen kann", sagt Heinrich.

Späteres Recycling schon beim Bauen mitdenken

Denn eine sinnvolle zukünftige "Ernte" der städtischen Rohstoffminen hängt sehr stark davon ab, ob die Baustoffe hier überhaupt wieder recycelt werden können. Denn Architekten und Bauherren entwerfen Gebäude vor allem mit Blick auf den Nutzen oder ästhetische Vorstellungen, ohne jedoch zu planen, wie sie nach einer Nutzung in vielleicht 100 Jahren einmal wieder recycelt werden können.

Die Folge ist, dass nach einem Abriss nach einer durchschnittlichen Lebensdauer von 80 Jahren die Baustoffe dann nicht mehr sortenrein zurückgewonnen werden können. Das trifft vor allem für mineralische Baustoffe zu. Gegenwärtig werden sie häufig mit Kunststoffen vermischt verbaut. Wie diese Beton-Kunststoffverbindungen einmal wieder aufgetrennt werden sollen, müssen die nächsten Generationen herausfinden.

Recycling-Industrie: Markt muss sich für recyceltes Material öffnen

Die Technologien für das Recycling von Bauschutt müssten also immer technisch Schritt halten mit modernen Mix-Baustoffen. Damit sich die Weiterentwicklung von Recycling-Technologien aber lohnt, müsse sich auch der Markt für recycelte Baustoffe öffnen, warnen Vertreter der Recycling-Industrie.

Momentan wird offiziell über 80 Prozent des Bauschutts in Bayern recycelt. Konkret heißt das jedoch meist, dass der Bauschutt aufbereitet, zum Beispiel beim Straßenbau zur Stabilisierung verfüllt wird. "Downcycling" nennt das Wissenschaftler Matthias Herinrich, denn die rückgewonnenen Baustoffe kehren in minderwertigerer Funktion in den Kreislauf zurück. Laut des Verbands der Baustoffrecycling-Industrie beträgt der Anteil von Recycling-Beton beim Häuserbau lediglich ein bis zwei Prozent.

Dabei gilt entsprechend zertifizierter Recycle-Beton als gleichwertig gegenüber Normalbeton. Der Verband "Baustoff Recycling Bayern" beklagt, dass es in der Baubranche noch kein Bewusstsein für Recyclingbaustoffe gibt, auch nicht bei staatlichen Bauvorhaben. Dabei sei die öffentliche Hand nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz verpflichtet, bei Ausschreibungen Recycling-Rohstoffe gleichwertig wie Primärrohstoffe zu behandeln. "Aber das wird nicht durchgeführt, Recyclingbaustoffe werden ausgeschlossen, ohne Begründung", kritisiert Stefan Schmidmeyer von "Baustoff Recycling Bayern".

Potenzial zur CO2-Einsparung?

Nach der Berechnung von Wissenschaftler Matthias Heinrich ist die Baubranche weltweit für ein Viertel aller CO2-Emissionen zuständig. Die verbauten Rohstoffe zu erfassen, höherwertiger zu recyceln und möglichst ohne weiten Transport wieder zu nutzen, könnte ein Weg sein, das Volumen von CO2-Emissionen zu senken. Schon vor über 20 Jahren kam deswegen die Idee eines "Material-Ausweises" für Gebäude auf, mit dem Ziel, für die nächsten Generationen zu dokumentieren, was wo verbaut ist. Dies könnte auch dann helfen, wenn sich herausstellt, dass ein Baustoff – wie zum Beispiel Asbest – gesundheitsschädlich ist.

Doch dem Thema "Urban Mining" scheint die Politik bislang keine große Aufmerksamkeit zu schenken: auf Anfrage beim Bayerischen Bauministerium heißt es knapp, dass die Einführung eines solchen Materialausweises nicht geplant sei.