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"Unser System ist krank": Ostallgäuer Landarzt gibt auf | BR24

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Landärzte arbeiten am Limit und haben immer weniger Zeit für ihre Patienten. Dazu kommt immer mehr Bürokratie. Der Dorfarzt von Oberostendorf im Ostallgäu ist sogar schon einen Schritt weiter - er will nicht mehr.

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"Unser System ist krank": Ostallgäuer Landarzt gibt auf

Eigentlich ist Rainer Albrecht Arzt aus Leidenschaft. Doch weil die Bürokratie immer mehr Zeit kostet, reicht es ihm: Der 50-Jährige gibt seine Praxis auf. "Unser Gesundheitssystem ist krank", sagt er - und ist mit dieser Meinung nicht allein.

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1.600 Patienten kommen zu Hausarzt Rainer Albrecht im Quartal. Damit behandelt der 50-Jährige in seiner Praxis in Oberostendorf im Ostallgäu doppelt so viele Patienten wie ein Hausarzt im bayerischen Durchschnitt. Doch nach 17 Jahren als Landarzt reicht es ihm jetzt: Albrecht will seine Praxis aufgeben, weil es für ihn einfach nicht mehr zu schaffen sei.

Bürokratie: Mehr Zeit mit Zetteln statt mit Medizin

"Es war vor Corona schon sehr schwierig, alles alleine zu machen. Jetzt wird es doppelt schwer", sagt der Mediziner. Vor allem die zunehmende Bürokratie nervt ihn: "Vor lauter Zetteln komm ich nicht mehr zur Medizin. Und das ist ein großer Konflikt für mich."

Störanfällige Technik statt ganzheitlicher Medizin

Immer mehr Zeit verbringt Rainer Albrecht am Computer statt mit seinen Patienten. Im nächsten Jahr sollen die elektronische Patientenakte und die digitale Krankmeldung dazukommen. Die Technik dafür sei störanfällig, sagt der Arzt. Zeit für eine eher ganzheitliche Medizin, wie er sie betreiben will, bleibe kaum mehr. Jahrelang hat Albrecht vergeblich nach Unterstützung gesucht. Jetzt hat der Mediziner seinen Kassensitz zum September 2023 gekündigt.

"Habe ich noch ein Leben oder opfere ich mich für das System?"

"Es ist einfach zu viel, du kannst es nicht mehr bewerkstelligen", beschreibt Rainer Albrecht. Was für ihn zunächst aussah wie die Symptome eines Burnouts war bei genauerem Hinsehen ein anderes Problem. Er komme ständig in einen Konflikt: "Habe ich noch Freizeit, habe ich noch Leben, habe ich noch Gesundheit oder opfere ich mich für das System auf?" Genau das könne er nicht mehr, sagt der Landarzt – und traf deshalb eine Entscheidung.

Vielen Kollegen geht es ähnlich

Nicht wenigen seiner Kollegen, vor allen den älteren, gehe es ähnlich, glaubt Rainer Albrecht: "Viele denken sich: Bevor ich jetzt diesen neuen Digitalisierungsschritt gehe, der mich viel Zeit kostet und meistens nicht funktioniert – da höre ich lieber gleich auf", sagt der Oberostendorfer Landarzt. Er rechnet damit, dass in den nächsten Jahren ein spürbarer Anteil der Praxen vorzeitig schließt.

Hoffen auf einen Nachfolger

Dass Rainer Albrecht seinen Kassensitz erst bis 2023 gekündigt hat, hat mehrere Gründe: Seine dienstälteste Mitarbeiterin kann dann in Ruhestand gehen, ihre jüngeren Kolleginnen könnten bis dahin eine andere Stelle gefunden haben, hofft der Mediziner. Außerdem will er der Politik die Möglichkeit geben, eine Lösung für die bevorstehende Versorgungslücke oder vielleicht sogar einen möglichen Nachfolger zu finden: "Die Landärzte, die jetzt ausgebildet werden, kommen in zehn Jahren. Da bin ich sicher nicht mehr da", sagt Albrecht. "Wir müssen einfach hoffen, dass sich jemand findet. Ein bisschen Hoffnung habe ich."

Weniger Bürokratie, mehr Zeit für die Familie

53 wird Rainer Albrecht sein, wenn er seine Praxis in Oberostendorf endgültig zusperrt. Danach will er Krankheitsvertretungen übernehmen oder vielleicht als angestellter Arzt in einer anderen Praxis arbeiten. Auf jeden Fall hofft er auf weniger Bürokratiestress und mehr Zeit für die Familie - und auch für seine Patienten.

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