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Eine Herkulesaufgabe für Studierende, Dozenten, Professoren, Dekane: Am Montag beginnt in Bayern ein außergewöhnliches Sommersemester - ein Semester, das voraussichtlich komplett digital stattfinden muss. Das gab es so noch nie.

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Uni in der Corona-Krise: Das Sommersemester wird digital

Eine Herkulesaufgabe für Studierende, Dozenten, Professoren, Dekane: In Bayern beginnt ein außergewöhnliches Sommersemester - ein Semester, das voraussichtlich komplett digital stattfinden muss. Das gab es so noch nie.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Daniela Michnay-Stolz bereitet seit Tagen Webkonferenzen, Video-Vorträge, vertonte Powerpoint-Präsentationen, Literaturlinks, Mindmaps oder digitale Hausaufgaben vor. Michnay-Stolz ist Dozentin für Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sämtliche Lehrinhalte für ihre Studierende musste sie binnen weniger Tage digitalisieren. "Welche Präsentationen muss ich vertonen oder per Video aufnehmen, wo muss ich noch Videos extern über Links einbinden, damit ich sie veröffentlichen kann? Das dauert, bis das bearbeitet und in das richtige Format eingefügt ist. Und das sind alles Dinge, mit denen man vorher nichts zu tun hatte, und das kostet einfach Zeit", erzählt Michnay-Stolz.

"Alle sind gerade ein bisschen kribbelig"

Professor Alexander Filipovic geht es nicht anders. Er unterrichtet an der Münchner Hochschule für Philosophie. "Die Stimmung ist ein kleines bisschen aufgeregt, weil wir als Hochschule der Philosophie normalerweise sehr viele Präsenzveranstaltungen haben. Dieses Semester ist also ein großes Wagnis und alle sind gerade ein bisschen kribbelig."

Für Filipovic ist die digitale Uni kein Neuland. Gemeinsam mit Kollegen hat er vor rund vier Jahren Online-Vorlesungen und -Seminare für die virtuelle Hochschule Bayern erstellt. Es gebe dafür bereits viele Tools und Lernplattformen – für Fächer wie Mathematik sicher hilfreich, aber bei Geisteswissenschaften wie der Philosophie gestalte sich das alles ein bisschen komplizierter.

"Normalerweise treffen wir uns in Seminaren mit rund fünfzehn Leuten und es gibt Diskussionen über Texte, Ideen und Gedanken. Das muss man jetzt eins zu eins in eine Online-Umgebung bringen. Das heißt: Alle sitzen vorm Bildschirm, können sich sehen und diskutieren dann gemeinsam. Man muss ausprobieren, ab wie vielen Personen das unübersichtlich wird und unter welcher Last die Tools zusammenbrechen." Alexander Filipovic, Professor für Medienethik Hochschule München

Studierende fordern freiwilliges Semester

Ganz so locker sehen es viele Studierende nicht. "Wir sind hier die Hauptleidtragenden", sagt Constantin Pittruff. Der 28-jährige Student ist Delegierter der Bayerischen Studienvertretung und Mitinitiator der Petition "Kann-Semester". Die inzwischen über 20.000 Unterstützer der Petition fordern ein Semester, das auf Freiwilligkeit basiert.

"Studierende, die jetzt unter besonderen Herausforderungen stehen, weil sie Kinder betreuen, Familienangehörige pflegen, die vielleicht im Ausland feststecken, ihren Studentenjob verloren haben oder sich keine entsprechende technische Ausrüstung leisten können, all die können jetzt keine Leistungen erbringen, die normalerweise in einem Semester gefordert sind." Constantin Pittruff, Mitinitiator Petition "Kann-Semester"

Konkret fordern die Initiatoren eine Aussetzung der Regelstudienzeit, eine freiwillige Nutzung von Lehrangeboten, eine Verschiebung aller Abgabefristen sowie ein Recht auf Wiederholung von Prüfungen. "Dieses Semester darf nicht auf Pump passieren. Es muss den Studierenden so leicht wie möglich gemacht werden, nur so viel zu studieren und so viele Prüfungen abzulegen, wie es für sie in der Krisensituation möglich ist", erklärt Pittruff.

Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) sicherte zu, dass das Semester zumindest "BAfÖG-neutral" verlaufe und "nicht auf die Studienzeit angerechnet" werde.

Technische Unterstützung durch E-Scouts

Videokonferenzen, Chats mit Dozenten, Interaktionen zwischen den Studierenden, digitale Präsentationen, Referate und Diskussionen. Damit das digitale Semester klappt, müssen sich alle innerhalb kürzester Zeit technische Kompetenzen aneignen. "Ich habe einen Kollegen, der hält immer ein Hegel-Seminar, und da geht es darum, über den Text von Hegel zu sprechen und ihn zu verstehen. Der benutzt bislang überhaupt keine Onlinelehre oder digitalen Angebote", erzählt Professor Alexander Filipovic.

An einigen Hochschulen sollen deshalb Studierende oder Mitarbeiter als "E-Scouts" abgestellt werden, die den "Digitalmuffeln" unter die Arme greifen. "Ich sehe an meiner Hochschule, dass da gerade daran gearbeitet wird. Die E-Scouts sind ein toller Vorschlag, sie müssen jetzt nur auch noch kommen", meint Constantin Pittruff.

Und dann steht da ja noch die Gretchenfrage im Raum: Wie es die Unis am Ende mit den Prüfungen halten, weiß niemand so recht. "Das Versenden einer PDF-Datei ist jetzt noch keine digitale Prüfung, das ist also eine Frage, die offen ist", findet Pittruff. Es gibt Möglichkeiten für Online-Prüfungen via Skype oder Video, weiß Professor Filipovic. Aber insgeheim hoffen irgendwie alle darauf, dass die Prüfungen gegen Ende des Semesters in der realen Welt und nicht in der virtuellen stattfinden können.

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