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Vor 30 Jahren bekam das Dreiländereck zwischen Bayern, Hessen und Thüringen von der Unesco den Titel "Biosphärenreservat Rhön" verliehen. Der Festakt fällt wegen Corona leider aus.

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Unesco-Biosphärenreservat Rhön wird 30 Jahre alt

Vor 30 Jahren bekam das Dreiländereck zwischen Bayern, Hessen und Thüringen von der Unesco den Titel "Biosphärenreservat Rhön" verliehen. Der Festakt fällt wegen Corona leider aus. Grund zum Feiern hätte das Biosphärenreservat Rhön aber allemal.

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Von
  • Frank Breitenstein

Land der offenen Fernen – so wird die Rhön oft genannt. Denn von ihren Bergen und Kuppen aus eröffnet sich bei entsprechendem Wetter ein Blick von grenzenloser Weite. Doch solange der eiserne Vorhang diese Vulkanlandschaft noch zerschnitt, wäre ein gemeinsames Großschutzgebiet undenkbar gewesen. Gleich nach dem Fall der deutsch-deutschen Grenze aber wurde genau das Wirklichkeit. Am 6. März 1991 feierten die drei beteiligten Bundesländer - auf thüringischer Seite - die Gründung des Unesco-Biosphärenreservates. Die Urkunde überreichte der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer.

Drei Bundesländer beteiligt

Damals gehörten auf bayerischer Seite 22 Gemeinden zu diesem Gebiet. Die unterfränkischen Rhöner beäugten das Projekt zunächst durchaus skeptisch. Friedolin Link, seit 36 Jahren Bürgermeister von Hausen, einer der kleinsten Gemeinden, musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Leute hatten Angst, dass sie nun "unter die Glocke kämen" und sie sich künftig nicht mehr frei bewegen könnten, beschreibt er die Anfänge des Biosphärenreservats. Er selbst war aber von Anfang an überzeugt, dass die Region nur durch den pfleglichen Umgang mit der Natur eine Zukunft habe.

Bewirtschaftung der Wiesen- und Weideflächen

Das Besondere an einem Biosphärenreservat ist, dass es – anders als in einem Naturpark - auch um den Menschen geht. Er spielte in der Rhön seit jeher eine entscheidende Rolle. Die Bewirtschaftung der Wiesen- und Weideflächen hat die Kulturlandschaft über die Jahrhunderte geprägt. Und das soll auch so bleiben. Deshalb dienen alle Naturschutz-Maßnahmen immer auch der Bevölkerung als Lebensgrundlage: Nur etwa 3 Prozent der Gesamtfläche des Biosphärenreservats sind als Schutzzone ausgewiesen und damit für den Menschen tabu. Sie dürfen weder landwirtschaftlich genutzt, noch von Wanderern betreten werden. In der anschließenden Kernzone dürfen Landwirte nicht nur Mähen oder Schafe halten - sie sollen es sogar und werden für die Mindereinnahmen, die sich aus den Einschränkungen zugunsten des Umweltschutzes ergeben, entschädigt.

Biosphärenreservat als Erfolgsmodell

Vertragsnaturschutz nennt sich dieses Prinzip. Ein echtes Erfolgsmodell, sagt Michael Geier. Er ist als Verwaltungschef seit 1994 für den bayerischen Teil des Reservates verantwortlich. Für seine Aufgabe brachte er aus dem Münchner Umweltministerium wichtige Vorerfahrungen mit, die in der Rhön praktische Anwendung fanden. Inzwischen funktioniere die Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und heimischer Landwirtschaft so reibungslos, dass es einen solchen Schulterschluss in ganz Bayern kein zweites Mal geben dürfte, meint der Verwaltungschef. Naturschutzfachlich also eigentlich alles im grünen Bereich? Im Prinzip ja, sagt Michael Geier, wenn nur die Lupine nicht wäre! Denn die mache viele Anstrengungen seit Jahrzehnten zunichte.

Lupine verfälscht Landschaftsbild

Die Stauden-Lupine wurde während der Nazi-Diktatur in der Rhön zur Bodenverbesserung ausgesät. Ziel war es, hier die Kornkammer des Reiches zu etablieren, was jedoch am rauen Klima scheiterte. Doch die Lupine greift bis heute um sich und verdrängt mittlerweile auf einer Fläche von mehreren 100 Hektar wertvolles Grünland wie Borstgrasweiden und Goldhaferwiesen. Alle Bekämpfungsmaßnahmen waren bislang erfolglos: Die Lupine wurzelt bis 1,80m tief und schlägt selbst aus kleinen Wurzelresten wieder aus.

Birkhuhn als Sorgenkind

In puncto Vogelschutz bedauert Geier besonders, dass es in 30 Jahren nicht gelungen ist, das Birkhuhn wieder stärker zu verbreiten. Es ist ursprünglich heimisch in der Rhön und in Deutschland nördlich der Alpen auch nirgendwo anders zuhause. Obwohl man sechs Jahre lang immer wieder Birkwild aus Schweden ausgesetzt habe, vermehrten sich die Vögel einfach nicht. Gleichwohl gebe es in Bayerns Mittelgebirgen keinen besseren Ort für seltene Wiesenbrüter als die Rhön.

Rhön als Wanderparadies

Die Anfängliche Skepsis in der Bevölkerung wurde mit den Jahren deutlich geringer. Repräsentative Umfragen bestätigen das. Die starke Heimatverbundenheit der Rhönerinnen und Rhöner machte sie zu anfänglichen Zugeständnissen bereit, die sich inzwischen jedoch vielfach ausgezahlt haben. Das Image der Rhön als Wanderparadies zieht Menschen an, die Ruhe und Erholung suchen und sich für ursprüngliche, regionale Produkte begeistern können.

Regionale Produkte aus der Rhön

Das macht sich auch in der kleinen Gemeinde Hausen bemerkbar, wie Bürgermeister Friedolin Link richtig vorhergesehen hatte. Zielstrebig machte er sein Dorf schon vor über 20 Jahren zur ersten Modellgemeinde im Biosphärenreservat. Seitdem versilbern sie ihre wertvollen Streuobstbestände, die sich wie ein Gürtel um den Ort legen. Die Hausener wiesen einen Streuobstlehrpfad aus, legten einen Sortengarten an, in dem über 200 verschieden heimische Äpfel wachsen. Das Obst veredeln sie mit großem Erfolg, egal ob getrocknet, als Saft oder Schnaps. Denn die regionalen Produkte der Rhöner Natur- und Kulturlandschaft sind heute gefragter denn je.

Einnahmequelle Urlauber

Auch der kleine Dorfladen in Hausen hätte ohne die Urlauber schwer zu kämpfen. So beliefert die Familie Hippeli außer den Einheimischen und den Nachbardörfern seit Jahren in zunehmendem Maße Hotels und Pensionen in der Umgebung mit frischen Backwaren. Die Auswärtigen nehmen aus dem urigen, kleinen Geschäft auch gern etwas mit nach Hause: typisch Regionales eben, wie Honig, Wurstwaren oder Edelbrände. In der Modellgemeinde Hausen möchte man heute das Biosphärenreservat nicht mehr missen. Fördergelder und ein neues Selbstbewusstsein führten nicht zuletzt auch zu einer sichtbaren Dorferneuerung.

Fläche gewachsen

Im Jahr 2014 wuchs das Biosphärenreservat auf seine heutigen Ausmaße: Der gesamte Naturpark Bayerische Rhön des Landkreises Bad Kissingen kam hinzu. Das Biosphärenreservat vergrößerte sich schlagartig um 80 Prozent seiner bisherigen Fläche auf nunmehr 130.000 Hektar. Damit sind über die Hälfte des Großschutzgebietes heute bayerisch.

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