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Unabhängig und alltagsnah: Die Münchner Gebetsbeduinen | BR24

© Antje Dechert / BR

Imam Ahmad Popal predigt 2017 vor den Besuchern des Freitagsgebets der MUM.

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    Unabhängig und alltagsnah: Die Münchner Gebetsbeduinen

    Sie beten in einem katholischen Seminarraum, ihr Imam verdient sein Geld im Drogeriemarkt: Die "Münchner Unabhängigen Muslime" sind anders als traditionelle Moscheevereine. Gerade bei jungen deutschen Muslimen kommen die "Gebetsbeduinen" gut an.

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    Muslimisches Freitagsgebet in der Münchner Innenstadt: Rund 40 Männer und Frauen stehen vor kleinen, bunten Gebetsteppichen, knien nieder und verneigen sich rhythmisch zum Gebet. Die "Münchner Unabhängigen Muslime" - kurz MUM - beten im Hinterhof, nicht in einer Moschee. Sie verrichten ihr Freitagsgebet in einem schlichten Seminarraum im Hansa Haus, einer katholischen Einrichtung in der Münchner Brienner Straße. Statt der üblichen Ornamente und Kalligraphien schmückt dort ein einfaches Holzkreuz die Wand.

    Eine islamische Theologie jenseits von Labels

    Imam Ahmad Popal steht der kleinen Gemeinde vor. Er trägt eine schwarze Robe mit goldbestickten Rändern, auf dem Kopf einen kleinen Turban. Der 29-Jährige stammt aus Afghanistan. Aufgewachsen ist er in München, wo er heute Wirtschaftsingenieurwesen und Islamwissenschaften studiert. In Südafrika und Ägypten hat er sich zum Imam ausbilden lassen. Es ist ihm wichtig, in seinen Predigten aktuelle Themen anzusprechen, welche er grundsätzlich in deutscher Sprache hält.

    Popal will weder als liberal noch konservativ gelten. Sein Ideal, sagt er, sei eine islamische Theologie jenseits von Labels, die selbstkritisch ist und zum Nachdenken anregt. Wenn er predigt, gibt er auch Unterricht in Religionsgeschichte. Er zieht Parallelen zwischen Friedensverträgen aus der Frühzeit des Islam und dem Westfälischen Frieden nach dem 30-Jährigen Krieg. Er zitiert muslimische wie nichtmuslimische Philosophen und erklärt, warum radikale Islamisten mit ihrer Interpretation bestimmter Koransuren falsch liegen. Er will zeigen: Der Islam steht nicht im Gegensatz zur europäischen Kultur, es gibt gemeinsame Werte.

    "Mein Ziel ist, zu zeigen, dass der Islam in diese Gesellschaft passt. Das ist gleichzeitig eine Kritik in alle Richtungen, die nicht so denken." Imam Ahmad Popal

    In der Moschee Imam - im Drogeriemarkt an der Kasse

    Seine Tätigkeit als Imam macht Ahmad Popal ehrenamtlich. Sein Geld verdient der Student an der Kasse eines Münchner Drogeriemarktes.

    "Wer zahlt, der bestimmt. Wenn die Gemeinde zahlt, dann muss der Prediger so reden, wie es die Gemeinde will - je nach Kultur, Sprache, Denke. Aber ich möchte unabhängig bleiben, damit ich auch unabhängig sprechen kann." Imam Ahmad Popal

    Ahmad Popal predigt einen Islam, den er historisch-kritisch auslegt und der zudem nah dran ist an der Lebenswirklichkeit der Gläubigen, an ihrem Alltag in Deutschland. So erreicht er vor allem junge Muslime, die - wie er - hier geboren und aufgewachsen, also deutsche Staatsbürger sind. Seine Zuhörer schätzen, dass er auf Deutsch predigt und Themen anspricht, die sich an ihrem Alltag orientieren.

    Die Besucher des Freitagsgebets sind jung und multikulturell

    Das Publikum bei MUM ist nicht nur jung, sondern auch multikulturell: Zum Freitagsgebet ins Hansahaus kommen muslimische Schüler, Studenten und junge Berufstätige, deren Eltern aus unterschiedlichsten Ländern stammen - aus Europa, Afrika und Asien. Viele kommen zu den Unabhängigen Muslimen, weil sie die Angebote in den Moscheegemeinden ihrer Eltern nicht mehr ansprechen. So zum Beispiel die 39-Jährige Münevver Cansel, die Münchnerin und gelernte Schusterin ist.

    "Wir tragen zwei manchmal sogar drei Kulturen in uns. Und Ahmed Popal ist halt einer, der hier geboren und aufgewachsen ist, auch die islamische Kultur mit in sich trägt und das noch studiert hat. Er versteht, was wir hier für Verluste, für Ängste oder Verzweiflungen zum Teil erleben müssen." Münevver Cansel

    Eine Erfahrung, die die meisten, die sich bei MUM engagieren, teilen. Viele erzählen, dass sie sich von den traditionellen Moscheevereinen, die an ein bestimmtes Herkunftsland angebunden sind, nicht mehr repräsentiert fühlen. Deshalb nennen sie sich "Gebetsbeduinen". Sie wollen unabhängig bleiben und gehören deshalb keinem Dachverband an.