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Umfrage: Pflegerinnen und Pfleger leiden unter Pandemie

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    Umfrage: Pflegekräfte leiden massiv unter Corona-Pandemie

    Mangelnde Schutzausrüstung, keine oder unsystematische Tests und Überlastung: Das sind auch in der zweiten Pandemiewelle die zentralen Probleme in der Pflege. Das hat eine bundesweite Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe ergeben.

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    Von
    • Claudia Gürkov

    Sylvia* ist Pflegefachkraft in einem Krankenhaus in Unterfranken. Täglich hat sie mit Covid-19-Patienten zu tun. Corona ist ihr Alltag geworden, daran gewöhnt hat sie sich nicht. Sylvia berichtet, dass die Arbeit auch vor der Pandemie schon stressig gewesen sei, aber nun - mit den ganzen Schutzmaßnahmen und Ausfällen - gehe es gar nicht mehr. Auch weil viele Kollegen ausfielen, die sich angesteckt haben.

    "Wir haben hier Personalnot hoch zehn. Einige von uns haben gesagt, sie können die Arbeitsbedingungen nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren und haben gekündigt." Pflegefachkraft aus Unterfranken

    Vorgesetzte wollen nicht, dass Personal sich testen lässt

    Ganz sicher fühlt auch Sylvia sich nicht bei der Arbeit: Die Masken säßen schlecht, sodass sie Aerosole einatmen könnte. Jetzt in der zweiten Pandemiewelle, sagt sie, könne sie sich testen lassen. Gern gesehen werde es nicht - die Chefs hätten Angst, dass dann noch jemand ausfällt.

    So wie Sylvia geht es vielen beruflich Pflegenden in Deutschland. Das zeigt eine bundesweite Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), an der im Dezember rund 3.600 Menschen teilnahmen. Die Ergebnisse liegen BR Recherche und der Rheinischen Post jetzt exklusiv vor. Sie zeigen eine Reihe von Problemen in der zweiten Pandemiewelle.

    Teils keine Corona-Tests für Pflegekräfte

    Entgegen den Ankündigungen der Politik sind regelmäßige und kostenfreie Corona-Tests für Pflegekräfte nach wie vor nicht Standard: Knapp 14 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, dass sie gar nicht getestet werden. DBfK-Präsidentin Prof. Christel Bienstein bezeichnet das im BR-Interview als "Drama", zumal ein Großteil dieser nicht getesteten Pflegekräfte im Krankenhaus arbeitet.

    Wie aus der DBfK-Umfrage hervorgeht, wird weniger als ein Drittel der Pflegekräfte auf Isolier- und Intensivstationen getestet. Und selbst bei Beschäftigten, die einer Risikogruppe angehören, geben nur 13 Prozent an, die Möglichkeit zu haben, sich kostenlos testen zu lassen. "Ohne konkrete Anzeichen für eine vorliegende Infektion sind kostenfreie Tests offenbar auch in der zweiten Welle Mangelware", so das Fazit der Autoren der Umfrage.

    Immer noch Mangel an persönlicher Schutzausrüstung

    Im Vergleich zur ersten Pandemiewelle hat sich die Ausstattung mit Schutzausrüstung zwar im Durchschnitt verbessert, allerdings geben über 30 Prozent an, bei ihnen fehle es vor allem an Masken. Auch Schutzkittel und Handschuhe werden in der Umfrage als Mangelware oder aber als qualitativ schlecht bezeichnet. Einzelne Pflegekräfte geben an, dass ihre Arbeitgeber Schutzausrüstung nur dank Spenden stellen könnten oder dass die Kollegen selbst Material kaufen würden.

    Ungutes Sicherheitsgefühl und Überlastung

    Viele Pflegekräfte fühlen sich bei der Arbeit nicht ausreichend vor einer Infektion geschützt. Laut Umfrage liegt das daran, dass Patienten teils ungetestet oder falsch-negativ getestet seien, außerdem an fehlenden oder schlechten Masken, zu wenigen Tests und am Personalmangel. Im Zuge der Pandemie hat laut Umfrage ein Viertel der Teilnehmenden ein neues Einsatzgebiet zugewiesen bekommen, etliche arbeiteten auf der Intensivstation. Demnach fühlte sich keine der befragten Pflegekräfte gut eingearbeitet und 17 Prozent erklärten, gar nicht eingearbeitet worden zu sein.

    Zu Unsicherheit und Überlastung komme zunehmend das Problem einer fehlenden Aufarbeitung hinzu, mahnt DBfK-Präsidentin Christel Bienstein: "Die Kollegen fühlen sich mit der Aufarbeitung des Erlebten im Stich gelassen. Wir haben vielfach gehört, dass zum Beispiel Patienten allein verstorben sind. Das ist belastend."

    Nur gut ein Drittel der Pflegekräfte kann auf psychosoziale Hilfsangebote zurückgreifen. In der Pandemiezeit ist die Zahl von Angeboten wie etwa Supervision laut DBfK sogar zurückgegangen. Laut Umfrage fehlt es Pflegekräften an Zeit für solche Hilfsangebote, manche Arbeitgeber hätten kein Verständnis, andere lehnten sie aus Kostengründen ab.

    Jede(r) dritte Befragte denkt über Berufsausstieg nach

    Angesichts der Arbeitsbedingungen zu Pandemiezeiten spielen viele Pflegekräfte mit dem Gedanken, sich beruflich zu verändern. Fast 70 Prozent wollen den Arbeitgeber wechseln, ein Drittel erwägt, aus dem Pflegeberuf auszusteigen.

    Angesichts dieser Zahlen befürchtet DBfK-Präsidentin Christel Bienstein, dass der sogenannte Pflexit weiter an Fahrt gewinnt: "Viele Kollegen halten nur noch durch, weil sie in der Pandemie Patienten und Kollegen nicht im Stich lassen wollen." Um eine weitere Abwanderung zumindest abzubremsen, fordert Christel Bienstein die Politik auf, sich zunächst um Testlücken und fehlende Schutzausrüstung zu kümmern und langfristig die Arbeitsbedingungen wie auch die tarifliche Vergütung zu verbessern.

    Sylvia hält noch durch. Aber es muss sich was ändern, meint sie. Denn so, wie es jetzt in der Pflege sei, habe sie nur die Wahl zwischen Beruf oder Gesundheit.

    *Name von der Redaktion geändert

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