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Dieter Wolf aus Neustadt bei Coburg setzt sich für Kinder aus Tschernobyl ein. Mit im Bild die Flüchtlinge Linda, Marianna und Tanja (von links).

Bildrechte: BR / Richard Padberg
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Tschernobyl-Kinderhilfe: Frühere Gäste als Flüchtlinge zurück

Einst waren sie als Kinder zur Erholung aus dem strahlenbelasteten Gebiet rund um Tschernobyl im Landkreis Coburg zu Gast. Jetzt kommen viele der früheren Gäste mit ihren Kindern wieder - auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine.

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Richard PadbergRichard Padberg
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Seit 25 Jahren setzt sich Dieter Wolf aus Neustadt bei Coburg für Kinder aus der Region Tschernobyl ein. Der von ihm gegründete Verein Tschernobyl-Kinderhilfe hat im Laufe der Zeit für etwa 500 ukrainische Kinder einen Erholungsaufenthalt im Landkreis Coburg organisiert. Das Ziel: Oftmals strahlenbelastete und sozial benachteiligte Kinder sollen sorglose Wochen fernab des Katastrophengebiets erleben. Jetzt kehren ehemalige Gastkinder in den Landkreis Coburg zurück, mit ihren eigenen Kindern und auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine.

Das Telefon der Familie Wolf steht in diesen Tagen kaum still. Dieter Wolf und seine Frau Siegrid organisieren Termine, fragen bei Ämtern und Behörden nach und versuchen den Überblick zu behalten. Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine helfen sie, wo sie nur können. Anfang März haben sie die 27-jährige Lina und ihre sieben Jahre alte Tochter Marianna bei sich aufgenommen. Die beiden stammen aus Fedorifka, einem Ort mit 600 Einwohnern, etwa 60 Kilometer von Tschernobyl entfernt.

Flucht mit nur wenigen Sachen

Drei Tage dauerte die Flucht der jungen Mutter mit ihrer Tochter aus der Ukraine über Polen nach Deutschland. Mitnehmen konnten sie nur das Allernötigste: Medikamente, ein paar Kleidungsteile und etwas Essen. Lina kennt Neustadt bei Coburg, sie war vor Jahren eines der Kinder, die im Landkreis eine Erholungsfreizeit verbracht haben. Es sei immer ihr Traum gewesen, den Landkreis Coburg noch einmal zu besuchen, erzählt sie - aber nicht unter diesen Umständen. Der Krieg habe die Menschen im Heimatort überrascht, ihre Mutter habe direkt Dieter Wolf kontaktiert und um Hilfe gebeten. Dann begann die Flucht.

Gästezimmer als sichere Unterkunft

Jetzt sitzen die beiden auf dem Sofa im Wohnzimmer der Familie Wolf und sind froh, in Sicherheit zu sein. Nach etwa zwei Wochen in Deutschland sind Mutter und Tochter etwas zur Ruhe gekommen, berichtet Dolmetscherin Tanja. Die 49-Jährige unterrichtete vor dem Krieg Deutsch an der Universität in Kiew, floh nach Bombennächten im Keller mit ihrer Tochter und Enkelin ebenfalls nach Deutschland. Das ehemalige Gastkind Lina und ihre Tochter haben sich im Gästezimmer der Wolfs eingerichtet, über der Tür hängen kleine ukrainische und deutsche Fahnen. Mariannas Tagesablauf gleicht dem vieler Siebenjähriger: spielen, lernen und ab und zu Zeichentrickfilme schauen.

Ehemalige Gastkinder aus Tschernobyl kehren zurück

Diese Momente sind es, für die Dieter Wolf und seine Frau momentan fast rund um die Uhr arbeiten. Sicherheit bieten, für Essen sorgen und zumindest etwas Freude bei den geflüchteten Menschen verbreiten, die sich in ihrer Not an sie gewandt haben. Insgesamt 23 Menschen aus der Region um Tschernobyl sind inzwischen über ihn und den Hilfsverein im Landkreis Coburg untergekommen, erzählt Dieter Wolf auf dem Weg zu seinem Kleinbus mit der Ukraine-Flagge auf dem Armaturenbrett. Heute geht es nach Rödental, dort hat eine Familie eine Wohnung in ihrem Haus angeboten, in der drei dankbare Mütter mit ihren vier Kindern untergekommen sind.

Hilfstransporte müssen wegen des Krieges warten

Auf dem Weg hält Dieter Wolf an einer Halle in Neustadt bei Coburg und zeigt das Lager des Hilfsvereins. Hunderte fertig gepackte Päckchen und Pakete, ein Kinderwagen und Rollstühle liegen dort gestapelt und warten auf die Spedition, erklärt der 73-Jährige. Neben den Erholungsaufenthalten für häufig strahlengeschädigte Kinder aus der Region Tschernobyl sind Hilfstransporte in die Region der zweite Schwerpunkt des Vereins. Doch Transporte in die Ukraine sind wegen des Krieges momentan unmöglich, die Pakete und die Hilfe darin müssen weiter warten. Kleidung und Spielzeug sind für die geflüchteten Menschen ausreichend vorhanden, was jetzt benötigt werde, seien Medikamente, Verbandsmaterial, Lebensmittel und Geld, um die ankommenden Menschen vorübergehend versorgen zu können, sagt Wolf.

"Wir machen weiter, mit aller Kraft die wir haben." Dieter Wolf, Vorsitzender Tschernobyl-Kinderhilfe e.V. Neustadt bei Coburg

Kennenlernen beim Fußballtraining

Die Begrüßung in der Erdgeschosswohnung im Haus der Familie Schwede in Rödental ist herzlich. Es ist wieder Leben eingezogen, seit wenigen Tagen wohnen hier drei Mütter mit ihren vier Kindern. Dieter Wolf hat sich etwas ausgedacht und lädt alle zu einem Kinderfest im April in Neustadt ein. Das freut auch Andrii. Auch der Zwölfjährige war vor drei Jahren als Gastkind schon einmal im Landkreis Coburg zu Besuch. Jetzt ist er mit seiner Mutter und der kleinen Schwester hier und hat sich inzwischen ganz gut eingelebt. Zusammen mit Ludwig, dem achtjährigen Sohn der Familie Schwede, war er schon zweimal beim Fußballtraining. Die Jungs dort sind nett und wollen viel über die Ukraine wissen, berichtet Andrii. Die Kommunikation ist dabei kein wirkliches Problem: Entweder hilft das Smartphone mit einem Übersetzungsprogramm oder man verständigt sich einfach mit Händen und Füßen, erzählt Ludwig.

Flüchtlinge halten per Smartphone Kontakt in die Heimat

Der Kontakt und der Austausch unter den geflüchteten Müttern und ihren Kindern ist für Dieter Wolf sehr wichtig. Alle teilen die gleichen Sorgen, die Männer und Väter und die volljährigen Söhne sind in der Ukraine geblieben. Sie kämpfen, um das Land zu verteidigen, erzählen die Frauen. Das Smartphone ist die einzige Verbindung in die Heimat. Jeden Morgen schaut sie als erstes nach, ob ihr Mann eine Nachricht geschickt hat, berichtet Dolmetscherin Tanja.

Hoffen auf Frieden in der Ukraine

Zurück in Neustadt bei Coburg müssen Sigrid und Dieter Wolf zusammen mit Dolmetscherin Tanja direkt weiter. Eine Teenagerin möchte ihre Handykarte freischalten lassen. Außerdem gibt es Schwierigkeiten, um Termine für die Registrierung der geflüchteten Mütter und der Kinder zu bekommen. Weitere ehemalige, inzwischen erwachsene, Ferienkinder sind auf der Flucht und auf dem Weg in den Landkreis Coburg. Der Verein und die Menschen in der Ukraine sind für Dieter Wolf und die Familie eine Lebensaufgabe. Man muss weiter zweigleisig planen, sagt Dieter Wolf abschließend. Auf der einen Seite die Erholungsaufenthalte und die Hilfstransporte wie bisher und auf der anderen Seite die Versorgung und die Unterbringung der ankommenden Menschen aus der Ukraine. Die große Hoffnung aller: ein baldiger Frieden und eine Rückkehr der einstigen Gastkinder und ihrer Kinder in die Heimat.

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