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Besonders Frauen haben in Bayern mit Altersarmut zu kämpfen.

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Trotz Grundrente: Frauen in Bayern stark von Altersarmut bedroht

Trotz Grundrente: Frauen in Bayern stark von Altersarmut bedroht

In keinem anderen Bundesland sind so viele Frauen im Alter von Armut bedroht wie in Bayern. Viele hoffen auf die Grundrente – die Bescheide sollen noch in diesem Jahr kommen. Für einige könnte es dann aber eine Enttäuschung geben.

Renate Werner aus Deggendorf muss genau rechnen: Rehasport oder Friseur, den Kühlschrank etwas aufstocken oder doch lieber noch mehr Geld für die kommende Nebenkostenabrechnung zurücklegen. Rund 800 Euro beträgt die Rente der 72-Jährigen – nach Abzug der Fixkosten bleiben 180 Euro. Um Cafés macht sie bereits seit Jahren einen großen Bogen.

Wie Renate Werner geht es vielen älteren Frauen in Bayern: Gemessen an der Armutsgefährdungsquote waren in 2021 mehr als ein Viertel der über 65-jährigen Frauen von Armut bedroht. Damit gibt es kein anderes Bundesland, in dem diese Gefahr für Seniorinnen so hoch ist wie im Freistaat – ein Trend, der sich bereits seit 2005 jährlich wiederholt.

Die folgende interaktive Karte zeigt die ungleichen Verhältnisse zwischen den Bundesländern. Wählen Sie ein Bundesland aus, um auch die Quote für die Über-65-jährigen Männer zu erfahren:

Grafik: Armutsgefährdung von Frauen im Alter in Deutschland

Mit der Armutsgefährdungsquote wird angegeben, welcher Teil einer Bevölkerungsgruppe als armutsgefährdet gilt. Nach EU-Standard bedeutet das, dass diesen Menschen weniger als 60 Prozent des mittleren vergleichbaren Einkommens zur Verfügung steht. In diesem Artikel werden die Werte dargestellt, die anhand des mittleren vergleichbaren Einkommens der einzelnen Bundesländer (Landesmedian) berechnet wurden.

Klaffende Lücke zwischen Frauen und Männern

Schaut man sich die Armutsgefährdung innerhalb Bayerns nach Alter und Geschlecht an, sind es wieder die Frauen über 65, die seit mehr als 10 Jahren die höchsten Quoten aufweisen. Auch die klaffende Lücke zwischen den Geschlechtern ist in Bayern besonders groß: Die Armutsgefährdungsquote der älteren Frauen in Bayern war 2021 um etwa ein Drittel höher als die der gleichaltrigen Männer. Deutlich größer ist der Abstand nur im Saarland (48 Prozent) und in Rheinland-Pfalz (40 Prozent) – am anderen Ende der Skala sind Berlin (0,5 Prozent) und Brandenburg (4 Prozent), wo es kaum Unterschiede zwischen den Seniorinnen und Senioren gibt.

Die folgende Grafik zeigt, dass sich die Lücke in Bayern in den vergangenen Jahren kaum verändert hat:

Grafik: Armutsgefährdung im Alter - Männer und Frauen in Bayern

Ob die Zahlen 2021 wirklich einen deutlichen Sprung nach oben gemacht haben, lässt sich aus den Daten nicht sicher folgern. Die statistischen Ämter des Bundes und der Länder raten davon ab, die Daten nach 2020 in zeitlichen Bezug zu den vorigen Jahren zu stellen. 2020 wurde die Methodik geändert und auch die Corona-Pandemie hat die Erhebung erschwert.

Warum ist die Armutsgefährdungsquote grade für ältere Frauen in Bayern so hoch?

Die beschriebenen Trends bleiben jedoch bestehen: Die Armutsgefährungsquote der über-65-jährigen Frauen in Bayern ist die höchste im Bundesländervergleich – und auch die Lücke zwischen Frauen und Männern bleibt hoch. Warum? Laut dem bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales muss die Aussagekraft der Armutsgefährdungsquote für Bayern hinterfragt werden.

Sie misst Armutsgefährdung anhand des Einkommens und das lasse, so das Ministerium, andere Aspekte des Lebensstandards unberücksichtigt, die bei älteren Menschen in Bayern eine große Rolle spielten – etwa aufgebautes Vermögen und selbst genutztes Wohneigentum. Eine Sprecherin verweist auf Zahlen aus dem Jahr 2018, wonach in Bayern rund 66 Prozent der älteren Menschen in Eigentum lebten. Der Bundesdurchschnitt lag damals bei 58 Prozent.

Weitere Faktoren seien die frühere landwirtschaftliche Prägung und die geringere Erwerbsbeteiligung der Frauen. Das Ministerium argumentiert: Auch wenn Frauen kein Einkommen ausgezahlt wurde und sie somit auch kaum Renteneinkünfte erhalten, müssen sie nicht zwingend armutsgefährdet sein.

Für Verena Bentele, Vorsitzende des Sozialverbands VdK, trägt diese Argumentation nicht. Frauen müssten im Alter das Recht haben, für ihre gesellschaftlich relevante Arbeit entlohnt zu werden – unabhängig von anderen Faktoren, etwa ihrem Mann.

60 Prozent der Berechtigten nehmen Grundsicherung im Alter nicht in Anspruch

Ein besserer Maßstab ist laut dem Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales der Anteil der älteren Menschen, die Grundsicherung im Alter beziehen. Der war in Bayern über die vergangenen Jahre hinweg meist unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. 2020 lag er bei 2,8 Prozent – deutschlandweit bei 3,2 Prozent. Hier gibt es auch keine großen Unterschiede zwischen den Werten von Männern und Frauen.

Allerdings wehren sich Sozialverbände und Fachleute immer wieder gegen dieses Vorgehen. Im Jahr 2019 hat eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben, dass 60 Prozent der älteren Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung im Alter hätte, diesen nicht in Anspruch nehmen. Die Forscher gehen deshalb davon aus: Wenn man Armutsgefährdung im Alter anhand der Grundsicherungsquote bewertet, gibt es eine hohe Dunkelziffer. Gründe für die Nicht-Inanspruchnahme seien Scham davor, als bedürftig zu gelten oder hohe bürokratische Hürden. Auch hätten Berechtigte oft Angst, dass die eigenen Kinder belangt werden.

Egal, welchen Indikator man bemüht – für die Vorsitzende des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, besteht kein Zweifel: Die Altersarmut von Frauen in Bayern ist dramatisch.

Sozialverband: Grundrente wird viele Frauen enttäuschen

Viele hoffen nun auf die Grundrente. Dieses Instrument, das von der Großen Koalition beschlossen wurde, ist eine Zuzahlung zur Rente unter bestimmten Bedingungen. So muss man etwa mindestens 33 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben – aber auch Zeiten der Kindererziehung und der Pflege sollen berücksichtigt werden.

Auch Renate Werner aus Deggendorf hatte sich auf die Grundrente gefreut – um sich vielleicht mal wieder eine Kleinigkeit leisten zu können. 42 Jahre lang hat die großteils alleinerziehende Mutter eines inzwischen erwachsenen Sohnes gearbeitet. Das Problem war bisher, dass sie vor allem im Niedriglohnsektor beschäftigt war – als Verkäuferin, später im Büro, dann als Montagearbeiterin. Noch hat sie keinen Bescheid bekommen und keine Beratungsstelle konnte ihr sagen, ob sie überhaupt einen Anspruch auf die Grundrente hat. Das Verfahren ist kompliziert, kritisiert auch der Sozialverband VdK. Bis Ende des Jahres aber will die Rentenversicherung alle Bescheide verschickt haben.

Dann könnte trotzdem eine große Enttäuschung folgen, sagt Verena Bentele vom VdK. Gerade in Bayern hätten im Ländervergleich recht wenige Menschen Anspruch auf die Grundrente. Viele Frauen kämen nicht auf die 33 Jahre Berufstätigkeit, und wenn doch, dann hätten sie häufig in nicht-sozialversicherungspflichtigen Berufen gearbeitet.

Renteneintritt der Babyboomer wird Armutsgefährdungsquoten steigen lassen

Und selbst die wenigen, die die Grundrente bekommen, könnten enttäuscht sein. "Viele Menschen hatten extrem hohe Erwartungen an die Grundrente, sie haben gedacht, sie bekommen für die Lebensleistung noch mal einen ordentlichen Aufschlag", erklärt Bentele. "Im Schnitt erhalten sie 75 Euro mehr."

Die Expertin befürchtet, dass die Armutsgefährungsquote bei Frauen über 65 in Bayern in den kommenden Jahren wieder ansteigen wird. Denn jetzt gehen die Babyboomer in Rente – eine Generation, so Bentele, für die es noch immer keine guten Betreuungsmöglichkeiten für Kinder gab und in der die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern groß waren.

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