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Trocken, trockener, Würzburg: Unterfranken spürt Klimawandel | BR24

© pa/dpa/Heiko Becker

Weinreben in Landkreis Würzburg.

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    Trocken, trockener, Würzburg: Unterfranken spürt Klimawandel

    In Teilen Unterfrankens hat es zuletzt weniger geregnet als in der tunesischen Hauptstadt Tunis. Die Region um Würzburg ist besonders vom Klimawandel betroffen. Winzer, Bauern und Politiker ziehen eine traurige Bilanz, werden aber auch erfinderisch.

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    Die Wurzeln der Weinstöcke fanden kaum noch Wasser, für die künstliche Bewässerung wurde das Wasser des Mains knapp. Die Trauben wurden dieses Jahr früher als üblich geerntet, denn aufgrund der Wärme im Frühjahr kam auch der Austrieb viel früher. Jetzt wird in den Weinhängen rechts und links vom Main nur noch zurückgeschnitten und aufgeräumt. Winzer Artur Steinmann, der auch Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes ist, steht ganz oben auf einem Berg, wo der Sommerhäuser Steinbach wächst, und blickt mit Sorge zurück.

    Trockenstress führte zu geringerer Ernte

    Denn er hat erlebt, wie seine Pflanzen diesen Sommer regelrechten Trockenstress durchmachen mussten, immer weniger Blätter sind gewachsen. Dazu kamen wegen des frühen Austriebs im Mai dann Frostschäden. Zusammen hat das in diesem und im vergangenen Jahr zu historisch niederen Erntemengen geführt. Der Boden mancher Südwesthänge hatte sich in diesem Sommer auf bis zu 70 Grad aufgeheizt, und selbst vierzig Jahre alte, tief verwurzelte Weinstöcke fanden im Boden kein Wasser mehr.

    Es gibt in Sommerhausen zwar einen Beregnungsverband, ein ehrenamtlicher Wasserwart kümmert sich um die Schläuche. Das Wasser, das in die Weinberge hochgepumpt wird, stammt allerdings aus dem Main, und der führt auch immer weniger Wasser mit sich. Bisher verfügt nur ein Sechstel der 6.000 Hektar großen Weinbaufläche in Franken über die sparsame Tropfbewässerung. Die Winzer bräuchten vor allem auch Speicherbecken. Artur Steinmann klagt: "Alleine schaffen wir das nicht. Es ist fünf nach zwölf. Wir brauchen Fördermittel und da brauchen wir die Politik."

    "Ein Niederschlagsjahr komplett ausgefallen"

    Der Klimaforscher Heiko Paeth von der Würzburger Universität empfängt inzwischen oft Wissenschaftler von anderen Universitäten auf der sogenannten Schindelmannhütte in den Weinbergen nahe bei Thüngersheim. Hier unterhält das Landesamt für Weinbau und Gartenbau eine Forschungsstation. Paeth erklärt die auffallende Erhitzung und Trockenheit der Region mit der Geographie, das heißt die Mittelgebirge Spessart und Rhön schirmen niederschlagsbringende Luftmassen ab.

    Gleichzeitig erzeugen höhere Temperaturen und mehr Sonnenschein auch mehr Verdunstung. Seine Langzeitstudien ergaben: Während sich die Erde insgesamt seit Beginn der Messungen im Jahr 1881 im Durchschnitt um 0,9 Grad Celsius erwärmt hat, waren es in Unterfranken zwei Grad, also mehr als doppelt so viel.

    "Unsere Messdaten zeigen, dass in den letzten fünf Jahren ein Niederschlagsjahr komplett ausgefallen ist." Klimaforscher Heiko Paeth

    Der Kampf ums Wasser

    Der Wissenschaftler fürchtet, dass sich die Region in Zukunft weiter erhöht, bis auf das Niveau etwa von Bordeaux oder noch höher.

    Was jetzt schon dramatisch ist: Seit 15 Jahren wird mehr Grundwasser verbraucht als neu gebildet wird. Denn in den vergangenen fünf Jahren sind die Niederschläge in der bayerischen Main-Region um 20 Prozent gesunken. Das führt auch zu Interessenskonflikten. Der CSU-Politiker Konrad Schlier, seit 2008 Bürgermeister von Bergtheim, sorgt sich zum Beispiel sehr um die Trinkwasserversorgung der 4.000 Einwohner-Gemeinde. Fast 90 Brunnen zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen gibt es in der sogenannten Bergtheimer Mulde mit ihren ausgedehnten Ackerflächen. Großbetriebe haben sich rechtzeitig Entnahmerechte gesichert. Konrad Schlier: "Es muss auch genügend Wasser für die Allgemeinheit da sein."

    Zwar schränkt das zuständige Wasserwirtschaftsamt inzwischen die Vergabe neuer Wasserrechte ein, aber die Gemeinde Bergtheim bleibt nichts anderes übrig, als ihr Trinkwasser künftig von der Fernwasserversorgung zu beziehen.

    Gemüsebauer wurde erfinderisch

    Thomas Schwab ist erfinderisch geworden. Der Bio-Gemüsebauer, der südwestlich von Bergtheim auf seinen Äckern Möhren, Zwiebeln und Kartoffeln anbaut, hat bis 2018 noch mit Sprinklerbewässerung von oben bewässert, dabei aber viel zu viel kostbare Flüssigkeit verbraucht. Er besitzt zwar einen 35 Meter tiefen Brunnen, aber aus dem tropft es nur noch, und sein Speicherbecken war auch nie voll. Also experimentierte Schwab. Er bastelte, schweißte und legte schließlich Schläuche bei der diesjährigen Aussaat unmittelbar in den Boden. Im Sommer wurde dann nur noch wenig Wasser direkt an die Pflanzen abgegeben. Thomas Schwab: "Man hält die Pflanze wissentlich knapp mit Wasser."

    15.000 neue Bäume für Würzburg

    Das ergab zwar keine Maximalerträge, aber Schwab verbrauchte mit der neuen Methode nur halb so viel Wasser wie im Jahr davor. Inzwischen kommen Landwirte bis aus der Schweiz, um sich über seine Innovation zu informieren.

    Wassermanagement ist der Dreh-und Angelpunkt in Regionen, die so stark vom Klimawandel betroffen sind wie Unterfranken. Darauf setzt Martin Heilig, der seit der Kommunalwahl im Frühjahr hauptamtlicher "Klimabürgermeister" von Würzburg ist und der erste in Deutschland überhaupt. Er setzte bereits durch, dass dieses Jahr 15.000 statt nur 10.000 neue Bäume in der unterfränkischen Großstadt gepflanzt werden. Sie sollen im nächsten Sommer helfen, Würzburg abzukühlen.

    Außerdem will Martin Heilig von den Grünen versiegelte Flächen aufbrechen und begrünen lassen. Denn im Würzburger Kessel kulminieren die Effekte des Klima-Hotspots Unterfranken. An heißen Tagen wurde die Stadt zum Glutofen, mit bis zu 7 Grad Celsius höheren Temperaturen als im Umland. Der gleichzeitig geringer werdende Niederschlag kommt dafür oft als Starkregen nieder.

    Würzburg soll zur "Schwammstadt" werden

    Eine Möglichkeit, um das Wasser in der Stadt zu halten, ist die Begrünung von Hausdächern und Fassaden. Das ist ein Teil des Konzepts des Klimabürgermeisters, Würzburg in eine "Schwammstadt" umzuwandeln. Martin Heilig: "Starker Regen darf auf keinen Fall einfach schnell in der Kanalisation und dann im Main verschwinden."

    Inzwischen gibt es ein sogenanntes "Klimahaus", es ist eine Versuchsfläche des Würzburger Zentrums für Angewandte Energieforschung (ZAE). Entlang der Fassade wachsen Pflanzen in Blechkästen und lassen eine grüne Wand entstehen. Durch Messungen des ZAE ist belegt: Im Sommer ergibt sich durch die Begrünung ein Kühlungseffekt von mindestens zwei Grad und jetzt im beginnenden Winter dämmt die Bepflanzung das Gebäude. Martin Heilig will, dass Neubauten schon im Vornherein als "Wasserschwamm" konzipiert werden: "Da muss eine Dachbegrünung hin und Fassadenbegrünung muss von Anfang an eingeplant werden."

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