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Heilpraktiker vor ungewisser Zukunft | BR24

© picture alliance / Frank May

Sogenannte Globuli Kügelchen, ein homöopathisches Arzneimittel

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Heilpraktiker vor ungewisser Zukunft

Die Voraussetzungen, unter denen Heilpraktiker arbeiten, kommen auf den Prüfstand - denn viele halten die Anforderungen für zu lax. Bayern wäre von Reformen besonders betroffen, denn hier arbeiten weitaus die meisten Heilpraktiker.

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Die Bundesregierung will die Regeln, nach denen Heilpraktiker Patienten behandeln, auf den Prüfstand stellen. Ein in Auftag gegebenes Rechtsgutachten soll das Ausmaß des Reformbedarfs klären. Seitdem machen sich viele Heilpraktiker Sorgen, dass die Regeln für ihren Beruf drastisch verschärft werden - oder der Beruf ganz abgeschafft wird.

"Im Sinne einer verstärkten Patientensicherheit wollen wir das Spektrum der heilpraktischen Behandlung überprüfen." Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD

Anforderungen: Mindestens 25 Jahre, Hauptschulabschluss, ungefährlich

Die derzeit immer noch geltende Rechtsgrundlage für den Heilpraktikerberuf geht auf das Jahr 1939 zurück. Damals wurde festgelegt, dass alle diejenigen als Heilpraktiker arbeiten dürfen, die mindestens 25 Jahre alt sind, einen Hauptschulabschluss haben und in einer offiziellen Prüfung nachweisen, dass von ihnen keine Gefahr für die Gesundheit der Menschen ausgeht, die sie behandeln.

Derzeit gilt, dass angehende Heilpraktiker Prüfungen bei staatlichen Stellen ablegen müssen, bevor sie den Beruf ausüben dürfen. Diese Prüfungen sind aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ausgestaltet. Es gibt zwar zahlreiche Schulen, an denen man sich auf die Prüfungen vorbereiten kann. Zwingend vorgeschrieben ist eine geregelte Ausbildung aber nicht.

Wissenschaftler sprechen von "bizarrer Qualitätslücke"

Viele Ärzte, aber auch Wissenschaftler aus anderen Bereichen, sehen diese geringen Anforderungen ausgesprochen kritisch. Eine Gruppe von 17 Wissenschaftlern sprach 2017 in einem Thesenpapier von einer "bizarren Qualitätslücke". Sie forderten wesentlich strengere Regeln für den Heilpraktikerberuf - oder ihn ganz aus dem deutschen Gesundheitswesen zu streichen.

Bayern hat die meisten Heilpraktiker - Tendenz steigend

In Bayern werden die Reformpläne für den Heilpraktiker-Beruf besonders genau beobachtet, denn hier gibt es deutlich mehr Heilpraktiker als in anderen Teilen Deutschlands. In den letzten Jahren ist ihre Zahl rasant gewachsen: Zwischen den Jahren 2004 und 2018 hat sie sich nach Daten des Landesamts für Lebensmittelsicherheit und Gesundheit mehr als verdoppelt - von 11.672 auf 23.283.

Wie viele davon in Vollzeit die ganze Bandbreite des Berufs abdecken, lasse sich aber nur schätzen, erklärt der Vorsitzende des Heilpraktikerverbands Bayern, Wolfgang Hegge. Er geht von rund 10.000 bis 14.000 aus.

© BR

Heilpraktiker dürfen Infusionen legen und Blut abnehmen. Was haben sie eigentlich für eine Ausbildung?

Mehr Heilpraktiker als Ärzte?

In anderen Bundesländern wird die Zahl der Heilpraktiker nicht so gründlich erfasst wie in Bayern. Das Statistische Bundesamt hat aber aus verschiedenen Befragungen für ganz Deutschland die Zahl von 46.000 Heilpraktikern errechnet. Bayern ist also der Teil Deutschlands, in dem die meisten Heilpraktiker tätig sind. Dabei gibt es innerhalb des Freistaats einige Regionen, in denen besonders viele Praxen ihre Dienste anbieten.

In der Landeshauptstadt München kommen auf einen Heilpraktiker 340,9 Einwohner, im Landkreis Starnberg sind es nur 188,2 Einwohner je Heilpraktiker. Zum Vergleich: Auf einen berufstätigen Arzt kommen in Bayern 202 Einwohner, dabei sind Krankenhausärzte und niedergelassene Ärzte zusammengerechnet. In Brandenburg, dem Bundesland mit der geringsten Arztdichte, sind es 249 Einwohner je Arzt.

"Leider ein Modeberuf geworden"

Einzelne Angehörige des Heilpraktikerberufs sprechen inzwischen von einer "Heilpraktikerschwemme". Reiner Ossmann aus Untersteinbach bei Kulmbach etwa schreibt auf seiner Internetseite: "Seit über zehn Jahren ist der Beruf des Heilpraktikers leider ein sogenannter Modeberuf geworden". Seiner Ansicht nach drängen zu viele Menschen mit den verschiedensten Spezialgebieten in den Markt der Heilpraktikerpraxen. Viele könnten ihre Tätigkeit nur nebenbei betreiben.

"Nur die wenigsten werden es schaffen, mit dem Beruf des Heilpraktikers in einer eigenen Praxis dauerhaft ihren Lebensunterhalt zu verdienen." Rainer Ossman, Heilpraktiker in Untersteinach

Huml will schwarze Schafe unter den Heilpraktikern ausbremsen

Die Beziehungen zur Landespolitik seien im Freistaat besonders gut, sagt der Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern, Wolfgang Hegge. Viele Politiker auf Bundes- und Landesebene sprechen sich keineswegs für eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs aus, wohl aber für Reformen.

So will auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) verhindern, dass Heilpraktiker ihre Kompetenzen überschreiten. Sie plädiert deshalb für einheitliche Regeln bei der Ausbildung und für einheitliche Prüfungsmaßstäbe. Zunächst aber will sie abwarten, was das entsprechende Rechtsgutachten ergibt, das die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat. Es soll auch aufzeigen, welchen rechtlichen Spielraum es bei Reformen des Heilpraktikerwesens überhaupt gibt.

"Ich erlebe ganz, ganz viele Heilpraktiker, die sehr verantwortungsvoll mit ihrem Beruf umgehen. Aber gleichzeitig gibt es natürlich auch da und dort immer wieder schwarze Schafe. Und da sollte man vielleicht genauer hinschauen, um die Patientensicherheit und den Patientenschutz im Fokus zu haben."Melanie Huml, Gesundheitsministerin Bayern

Landtag zieht Homöopathie als Alternative zu Antibiotika in Erwägung

Für überregionale Aufmerksamkeit hat auch ein Beschluss des Bayerischen Landtags von Anfang November gesorgt. Danach soll die Staatsregierung untersuchen lassen, welche Rolle homöopathische Arzneimittel spielen können, um die Entstehung von lebensbedrohlichen Antibiotika-Resistenzen zurückzudrängen. Homöopathische Medizin ist ein Schwerpunkt vieler Heilpraktiker.

Beamte und Privatversicherte: In Bayern werden Kosten teilweise erstattet

Bei den meisten Beamten erstattet die staatliche Beihilfe einen großen Teil der Behandlungskosten. Das ist zwar nicht in allen Bundesländern so, das Saarland und Bremen haben keine entsprechenden Regelungen. Bayern aber gehört zu den Ländern, in denen die Beihilfe einen Teil der Heilpraktiker-Rechnungen übernimmt. Auch die meisten privaten Krankenversicherer erstatten - je nach dem Tarif, den ein Versicherter wählt - Heilpraktikerleistungen.

Kassenpatienten hingegen müssen für Behandlungen beim Heilpraktiker selbst aufkommen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen nur Behandlungen bei Ärzten und Zahnärzten mit Kassenzulassung.

Berufsverbände: Bayern hat die besten Schulen

Die Berufsverbände der Heilpraktiker verfolgen die Diskussion mit gemischten Gefühlen. Für den Vorsitzenden des Heilpraktikerverbandes Bayern, Wolfgang Hegge, hat der Druck erheblich zugenommen. Sein Verband sei aber durchaus für Reformen offen, um die Ausbildung deutschlandweit auf ein möglichst hohes Niveau zu heben. Auch der Bund Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger hält Änderungen bei Ausbildung und Prüfungen für sinnvoll:

"Wir möchten eine Vereinheitlichung der Ausbildung. Denn es ist tatsächlich so, dass es sehr, sehr große Unterschiede gibt in der Bundesrepublik und Bayern mitunter die besten und anspruchsvollsten Schulen hat und Prüfungen macht. Und das möchten wir ganz gerne überall so sehen." Homeira Heidary, Sprecherin Bund Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger