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Trauer in Corona-Zeiten: Mehr Anzeigen und Feuerbestattungen | BR24

© BR/Susanne Pfaller

Corona verändert die Trauerkultur. Die Traueranzeigen am Wochenende mehren sich, obwohl die Bestatter deutschlandweit nach eigenen Angaben nicht mehr Todesfälle registrieren. Der bayerische Bestatterverband hat dafür eine unerwartete Erklärung.

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Trauer in Corona-Zeiten: Mehr Anzeigen und Feuerbestattungen

Corona verändert die Trauerkultur. Die Traueranzeigen am Wochenende mehren sich, obwohl die Bestatter deutschlandweit nach eigenen Angaben nicht mehr Todesfälle registrieren. Der bayerische Bestatterverband hat dafür eine unerwartete Erklärung.

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Besorgt bemerken viele Leser die steigende Zahl der Traueranzeigen in den Samstagszeitungen. Seit Wochen mehren sich diese Inserate in den Wochenendausgaben. Der Vorsitzende des bayerischen Bestatterverbandes und Vizevorsitzende des deutschen Dachverbands, Ralf Michal, erklärt das so: "Das Phänomen der Traueranzeigen ist keine Folge der Pandemie selbst, sondern der mit ihr verbundenen Verordnungen".

Hinweise auf Beerdigungen derzeit untersagt

"Bestattungen und auch Trauerfeiern dürfen derzeit nicht im Vorfeld bekanntgegeben werden", so Michal. Dadurch soll verhindert werden, dass sich zu viele Menschen versammeln. Das bedeutet: Die Traueranzeigen erscheinen erst im Nachhinein. Folglich haben die Angehörigen keinen Zeitdruck und lassen ihre Anzeigen überwiegend in den Wochenendausgaben veröffentlichen. Diese Zeitungsausgaben haben meist eine höhere Auflage und finden damit auch mehr Leser. "Über die Woche verteilt gibt es nicht mehr Todesanzeigen als sonst", betont der Bestatter. Die Mitteilungen konzentrierten sich derzeit auf die Wochenendausgaben.

Mehr Feuerbestattungen

Manche Angehörigen entscheiden sich auch deshalb für eine Feuerbestattung, weil sich so die Beisetzung der Urne verschieben lässt. "Anders als bei der Erdbestattung, die in Bayern 96 Stunden oder vier Werktage nach dem Ableben durchzuführen ist, gibt es keine vorgeschriebene Frist für Urnenbeisetzungen", so Michal. Bei einer Urnenbeisetzung können die Angehörigen folglich auf die Zeit warten, in der wieder mehr Menschen an einer Beerdigung teilnehmen dürfen.

Begrenzte Teilnehmerzahl bei Bestattungen

Derzeit ist mit Blick auf das Infektionsrisiko die Teilnehmerzahl bei Beerdigungen begrenzt, je nach Region auf zehn, maximal 15 Menschen. Damit verstärkt sich der allgemeine Trend - hin zu Feuerbestattungen. Laut Michal wird im bundesweiten Durchschnitt für etwa 70 Prozent der Verstorbenen eine Urnenbeisetzung gewählt. Dies schwanke jedoch von Region zu Region stark.

Italien nicht an Feuerbestattungen gewöhnt

In Italien ist eine Feuerbestattung eher selten. Deshalb "waren die italienischen Bestatter überfordert, als im Zuge der Corona-Pandemie der Staat die Feuerbestattung anordnete", analysiert Michal. Dafür waren die Bestatter nicht vorbereitet. Es fehlten Krematorien und die komplette Infrastruktur. "Deshalb musste das Militär helfen. So lassen sich die Aufnahmen aus Bergamo erklären, die zeigen, wie Armeelaster Särge mit Corona-Verstorbenen abtransportieren helfen". In Deutschland hat die Urnenbestattung längst Tradition. "Bilder wie aus Italien wird es bei uns nicht geben", sagt der Fachmann.

Mehr Tote in den Hotspots in Oberbayern

Die europaweite Studie des European Mortality Monitoring, kurz Euromomo, verzeichnet für Italien, Spanien und England in den vergangenen Wochen eine Übersterblichkeit, nicht aber für Deutschland. Allerdings muss man berücksichtigen, dass in die Euromomo-Studie für Deutschland lediglich Daten aus Berlin und Hessen fließen.

Laut Michal registrieren die deutschen Bestatter derzeit bundesweit "eher weniger Sterbefälle als sonst". Für Bayern sehen sie aber ein anderes Bild, vor allem für Oberbayern. "Im April gibt es signifikant mehr Sterbefälle im Regierungsbezirk Oberbayern, und zwar in den Hotspots München, Dachau, Fürstenfeldbruck, Traunstein und Rosenheim", so Michal. Er betont jedoch: "In unserer Branche muss man die Zahlen über das ganze Jahr sehen. Erst dann weiß man, ob es eine Übersterblichkeit gibt oder nicht".

Mehr zu Corona-Statistiken finden Sie hier.

Michal: Corona-Regeln beeinträchtigen Bestattungskultur

Ralf Michal sorgt sich aktuell um die Bestattungskultur. Diese werde durch die Infektionsschutz-Regeln extrem beschnitten: "Wenn Sie bedenken, dass sich manche Angehörige gar nicht mehr von ihrem Angehörigen verabschieden durften, sind das unhaltbare Zustände." Auch die Begrenzung der Teilnehmer pro Trauerfeier auf maximal 15 Menschen hält der Würzburger Bestatter für sehr schwierig. Schließlich gebe es "Verstorbene, bei denen schon der engste Familienkreis 25 und mehr Personen umfasst, Geschwister, Kinder, Enkel. Wer darf da kommen und wer nicht?"

In München bekommen Verstorbene nicht mehr die gewünschte Kleidung

Zudem treibe der Infektionsschutz "seltsame Blüten". So plädiere etwa die Stadt München dafür, die Verstorbenen nicht mehr nach deren Wünschen für die Beerdigung umzukleiden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Derartige Einschränkungen hält der Vorsitzende des bayerischen Bestatterverbands "für unmöglich, denn wir professionellen Bestatter wissen genau, wie wir uns schützen müssen. Wir gehen schließlich das ganze Jahr über mit potentiellen Infektionen um, ob die nun mit Corona zu tun haben oder nicht".

Bald Lockerungen auch für Beerdigungen?

Noch ist nicht klar, ob die ab Montag gelockerten Regeln für Gottesdienste mit dann bis zu 50 Menschen auch für Beerdigungen gelten. Der Bestatterverband hat eine entsprechende Anfrage an die Staatsregierung gestellt.

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