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"Aus Liebe": 92-Jähriger gesteht Tötung von dementer Frau | BR24

© BR / Björn Möller

Nach fast 70 Jahren Ehe soll er seine Frau im November 2019 getötet haben. Dafür muss sich ein 92-Jähriger aus dem Raum Gemünden nun vor dem Würzburger Landgericht verantworten.

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"Aus Liebe": 92-Jähriger gesteht Tötung von dementer Frau

Nach fast 70 Jahren glücklicher Ehe hatte der Mann aus dem Raum Gemünden (Lkr. Main-Spessart) seine Frau im November 2019 erstickt. Er habe "aus Liebe" gehandelt, betonte der 92-Jährige in seiner Einlassung vor Gericht.

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Von
  • Carolin Hasenauer

Wegen Totschlags steht der 92-Jährige jetzt vor dem Würzburger Landgericht. Die Anklage legt dem 92-Jährigen zur Last, im November 2019 seine hochgradig demente Frau nach 70 Ehejahren im gemeinsamen Schlafzimmer erstickt zu haben.

92-Jähriger gesteht

"Ja, ich habe ihr die Luft zum Leben genommen", las der Verteidiger die schriftliche Einlassung des Angeklagten vor. "Und ich vermisse sie seitdem sehr." Nach der Tat habe er noch eine Stunde neben seiner Frau gelegen und getrauert, bevor er Abschiedsbriefe schrieb und sich selbst umbringen wollte. Das Ehepaar war kinderlos, "wir hatten nur uns, uns gab es nur im Doppelpack".

Hausarzt: „Ehe war liebevoll und wertschätzend“

Der langjährige Hausarzt des Paares bestätigte vor Gericht die besondere Beziehung der beiden. Er habe ihre Ehe als "liebevoll, wertschätzend und fürsorglich" empfunden und ihre Beziehung immer bewundert, so der Arzt. Sich um den Haushalt und den Partner zu kümmern, "das alles war sehr viel" für den Ehemann gewesen. Die Lebenslust beider sei geschwunden.

Überfordert mit der Pflege

Im Oktober 2019 war aufgrund der stärker werdenden Demenz und des höheren Pflegeaufwands ein Heimaufenthalt nicht mehr abzuwenden gewesen. Durch die bevorstehende Trennung von seiner Frau und die Überforderung mit der Pflege, die der 92-Jährige größtenteils allein stemmte – zwei Mal pro Woche kam eine Pflegerin der Sozialstation – litt der Angeklagte unter einer Depression. "Meine Frau war zuletzt nicht mehr auf der Welt", heißt es in seiner Einlassung. "Ich habe aber nicht aus Eigennutz gehandelt, sondern aus Liebe."

Abschiedsbriefe geschrieben

"Meine Frau und ich waren 70 Jahre glücklich verheiratet", zitierte der Verteidiger seinen Mandanten. Der bevorstehende Heimaufenthalt seiner Frau – ohne Kontakt und Berührungen - sei für den Angeklagten "eine schlimme Vorstellung" gewesen, deshalb fasste der 92-Jährige den folgenschweren Entschluss, seine Frau zu töten: Kurz nach Allerheiligen, am 3. November 2019, erstickte der Mann aus dem Raum Gemünden im Landkreis Main-Spessart seine Frau im gemeinsamen Schlafzimmer. Dann schrieb er Abschiedsbriefe: Darin führte er aus, dass es der Wille der Eheleute gewesen sei, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Nach der Tat rief der Angeklagte den Notarzt an: Er habe seine Frau getötet und wolle nun auch sich selbst umbringen. Er bat darum, die Leichname unauffällig zu bergen und schonend mit den Hinterbliebenen umzugehen. Die Rettungskräfte trafen ein, bevor der Rentner sich das Leben nehmen konnte.

Verminderte Schuldfähigkeit

Der Angeschuldigte fühlte sich offenbar in Anbetracht des eigenen hohen Alters mit der häuslichen Pflege seiner Frau immer mehr überfordert. "Die Tat steht vor dem Hintergrund nicht ausschließbarer Überlastung des Angeklagten mit der Demenz sowie der häuslichen Pflege seiner Frau und einem vom Angeklagten vorgetragenen zurückliegenden Versprechen der Eheleute, einmal gemeinsam aus dem Leben scheiden zu wollen", teilt das Landgericht mit.

Aussage von Polizisten

Vor Gericht sagten auch zwei Polizisten aus, die kurz nach dem Notdienst zum Tatort kamen. Sie hätten den Angeklagten körperlich und seelisch völlig erschöpft und verzweifelt vorgefunden. "Das war für uns alle sehr viel. Nach 30-jähriger Berufslaufbahn war mir diese Situation neu", sagte einer der Polizisten.

Ein vorläufiges Gutachten lässt erwarten, dass der Angeklagte zur Tatzeit an einer schweren depressiven Verstimmung litt und daher vermindert schuldfähig gewesen sein könnte. Der Prozess wird am 12. November fortgesetzt, an diesem Termin wird auch ein Urteil erwartet.

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