BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Toter Junge aus Dillingen: Behörden wussten von der Gefahr | BR24

© BR/Judith Zacher

Im Oktober ist ein dreijähriger Bub in Dillingen gestorben. Offenbar haben Behörden die Familie des Kindes, die eigentlich betreut werden sollte, aus den Augen verloren. Hinweise sind versandet. Die Kripo ermittelt nun wegen Verdachts auf Totschlag.

28
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Toter Junge aus Dillingen: Behörden wussten von der Gefahr

Im Oktober ist ein dreijähriger Bub in Dillingen gestorben. Offenbar haben Behörden die Familie des Kindes, die eigentlich betreut werden sollte, aus den Augen verloren. Exklusive Recherchen des BR belegen Versäumnisse der Ämter.

28
Per Mail sharen
Teilen

Tragen die Behörden Mitschuld am möglicherweise gewaltsamen Tod eines drei Jahren alten Jungen aus Dillingen? Exklusive Recherchen des Bayerischen Rundfunks belegen Versäumnisse der Ämter in Dillingen an der Donau und Halle an der Saale.

Kripo Dillingen ermittelt wegen Verdachts auf Totschlag

Die Kripo Dillingen ermittelt inzwischen im familiären Umfeld des Jungen wegen des Verdachts auf Totschlag. Der Junge ist am Abend des 21. Oktober nach einem Notarzteinsatz im Augsburger Universitätsklinikum an seinen schweren inneren Verletzungen gestorben. Seine kleine Schwester wurde noch am selben Abend vom Dillinger Jugendamt in Obhut genommen, weil der Zustand der Wohnung im zweiten Obergeschoss des Mietshauses "nach Einschätzung des Jugendamtes für Kleinkinder nicht geeignet" war.

Hinweis auf mögliche Kindswohlgefährdung versandet

Das Dillinger Jugendamt hatte bis dahin keine Kenntnis von den prekären Verhältnissen in der Familie, obwohl eine Nachbarin Wochen zuvor das Landratsamt telefonisch informiert hatte. Sie habe in erster Linie wegen der Hunde der Familie beim Veterinäramt angerufen, sagte die Frau dem BR. Die hätten zwar oft in der Wohnung gebellt, seien aber nie nach draußen gekommen. Im Telefonat sei es dann auch um die beiden Kinder gegangen. Auf die Frage der Veterinäramtsmitarbeiterin, ob eine Kindswohlgefährdung vorliegen könne, habe sie mit "ja" geantwortet.

Landrat Leo Schrell bestätigt den Anruf, es gibt sogar eine Aktennotiz. Passiert ist dann aber nichts. Das Jugendamt hat die Information über die Kinder nicht erreicht. Das hätte auch aus Sicht des Landrats nicht passieren dürfen: "Wenn in irgendeinem Fachbereich Informationen eingehen, die für einen anderen Fachbereich von Bedeutung sind, sollten diese Informationen selbstverständlich an diesen Fachbereich weitergegeben werden."

Jugendamt wird viel zu spät informiert

In diesem Fall habe man der Frau am Telefon geraten, selbst beim Jugendamt anzurufen, und hätte sich darauf verlassen. Das Jugendamt allerdings wird erst von der Kripo informiert - an dem Abend Ende Oktober, als der Bub mit lebensgefährlichen Verletzungen in die Augsburger Uniklinik gefahren wird.

Wohnung der Familie des Buben war völlig verwahrlost

Vor Ort erkennen die Jugendamtsmitarbeiter erst das Ausmaß der Katastrophe: Die Schwester des verletzten Buben, ein einjähriges Mädchen, kommt sofort in ein Heim, bestätigt Landrat Leo Schrell, "weil die Wohnung nicht so ausgesehen hat, wie eine Wohnung auszusehen hat, wenn Kinder darin sind".

Familie entzog sich dem Jugendamt - problemlos

Dabei hätte das Dillinger Jugendamt schon viel früher informiert werden müssen - es hätte nicht mal den Anruf der aufmerksamen Nachbarin gebraucht: Die heute 21 Jahre alte Mutter bekam ihr erstes Kind mit 15 in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Dort wurden sie und ihre Kinder vom Jugendamt betreut. Dem konnte sich die Familie offenbar ganz einfach entziehen - indem sie wegzog, nach Schwaben. Im Januar war das.

Jugendämter tauschen Daten nicht aus

In den Monaten danach hätte das Jugendamt in Halle merken müssen, dass die Familie weg ist - und die Akten an das Dillinger Jugendamt weitergeben müssen, was offenbar aber nicht geschehen ist. Bis heute sind beim Dillinger Jugendamt dem Amt zufolge keine weiterführenden Informationen aus Halle eingegangen. Auch der BR hat trotz mehrfacher Nachfrage bis Montagabend keine offizielle Stellungnahme aus Halle bekommen. Aus Datenschutzgründen und wegen der laufenden polizeilichen Ermittlungen sei das derzeit nicht möglich, erklärte der Sprecher der Pressestelle der Stadt Halle. Man prüfe die Angelegenheit und wolle dem BR baldmöglichst eine Antwort zukommen lassen.

Informationen wegen Datenschutz nicht weitergegeben?

Automatismen bei der Weitergabe von Daten gibt es wegen gesetzlicher Vorgaben nicht - deswegen gibt Landrat Schrell auch den Vorschriften die Schuld am Tod des Buben. "In dem Fall wäre weniger Datenschutz hilfreich, deshalb wünsche ich mir schon, dass in Fällen, wo Kindeswohlgefährdung sein könnte, Datenschutz ein kleines Stück zurückgenommen werden würde, sodass wir notwendige Infos bekommen können."