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Tierschutzskandal: Weiter Missstände auf Allgäuer Milchviehhof | BR24

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Vor eineinhalb Jahren stand das schwäbische Bad Grönenbach im Zentrum eines Tierschutzskandals. Bei drei Rinderhaltern stellten die Behörden Verstöße fest. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, doch nur zum Teil wurden die Missstände abgestellt.

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Tierschutzskandal: Weiter Missstände auf Allgäuer Milchviehhof

Misshandelte Tiere, übervolle Ställe - im Sommer 2019 kamen grausame Bilder ans Licht. Die Politik hatte versprochen, die Missstände in der Milchviehhaltung zu beheben. Doch nach BR-Recherchen ist das nicht überall geschehen.

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Von
  • Eva Achinger
  • Peter Allgaier

Auf den ersten Blick sieht der Stall relativ modern aus: hell, es gibt Fressplätze im Außenbereich. Keine Skandalbilder. Doch bei genauerer Betrachtung des Videomaterials, das dem BR zugespielt wurde, wird deutlich: Es ist voll in diesem Stall in Bad Grönenbach. Das Video zeigt, wie Rinder sich dicht an dicht an Fressplätzen drängen. Einige stehen im Hintergrund, kommen überhaupt nicht an das Futter ran.

"Es ist nicht artgerecht, Rinder so zu halten"

"Es ist sehr eng", sagt Frigga Wirths, die das Videomaterial begutachtet. Die Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin von der Akademie für Tierschutz in Neubiberg bei München vergleicht die Situation in dem Stall mit einem übervollen Parkplatz, auf dem es keine Lücken gibt: "Es ist nicht artgerecht, Rinder so zu halten", sagt die Expertin.

Tierschutz gemäß sei es, wenn jedes Tier einen eigenen Fress- und einen eigenen Liegeplatz habe. Ist dem nicht so, müssten einige Rinder extrem lange auf hartem und oftmals verdrecktem Spaltenboden stehen. Und das wiederum führe zu Gelenk- und Klauenerkrankungen.

Betrieb bereits negativ aufgefallen

Der Betrieb, in dem die Tiere so beengt leben, ist den Überwachungsbehörden nicht unbekannt. Seit der Aufdeckung der Tierschutzverstöße im Allgäu ermittelt die Staatsanwaltschaft Memmingen unter anderem gegen eben diesen Betrieb. Der Verdacht lautet: Rinder sollen verwahrlost gewesen sein, verletzt, ohne ärztliche Versorgung. Das Verfahren läuft noch, solange gilt die Unschuldsvermutung.

Seit Sommer 2020 werden die großen Allgäuer Milchviehbetriebe von der bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) überwacht. Die wurde nach zahlreichen Lebensmittelskandalen eigens geschaffen, um große, komplexe Betriebe zu kontrollieren.

Nach BR-Recherchen hat Tierbestand sogar zugenommen

Die KBLV überwacht den Betrieb, auf dem die Videoaufnahmen entstanden sind, seit gut acht Monaten. Auf Anfrage heißt es, dass sich der Bestand seit 2019 bereits um "mehrere hundert Tiere" reduziert habe. Trotzdem sind immer noch zu viele von ihnen im Stall. Die Behörde teilt mit, dass im Gesamtbetrieb aktuell noch eine Überbelegung von fünfzehn Prozent herrsche.

Nach BR-Recherchen hat sich jedoch, seitdem die KBLV den Betrieb überwacht, in Sachen Bestandsreduzierung nichts mehr getan. Im Gegenteil: In einer der Betriebsstätten hatte sich die Anzahl der Tiere im Februar 2021 sogar noch erhöht. Das zeigen Auszüge aus der amtlichen Veterinärsdatenbank, die dem BR vorliegen. Auch die Behörde räumt ein, dass aktuell 186 Tieren in dieser Betriebsstätte "rechnerisch" kein eigener Liegeplatz zur Verfügung stehe.

Tierschutzaktivist spricht von Behördenversagen

"Eine eigens installierte Sondereinheit für Großbetriebe hat es innerhalb von Monaten nicht geschafft, die Überbelegung in den Griff zu bekommen", kritisiert Philipp Hörmann von der Tierschutzorganisation Black Hood, der den Allgäuer Skandal mitaufgedeckt hat.

Überwachungsbehörde weiß von Überbelegung

Auf BR-Anfrage erklärt die Kontrollbehörde, man habe den Betrieb in den vergangenen Monaten insgesamt fünf Mal kontrolliert. Die von der Behörde gesetzte monatelange Frist zum Abbau der Tiere ist Ende Februar ausgelaufen und man habe nun ein zwangsgeldbewehrtes Verfahren eingeleitet, so die Pressestelle.

"Der Abbau muss zwar so schnell wie möglich erfolgen, kann aber in Großbetrieben nur schrittweise geschehen", sagte der Pressesprecher Henning Brinkmann in einem BR-Interview im Februar. Vor allem in Betrieben mit vielen Tieren sei das komplexer. Und in Pandemie-Zeiten erst recht, so Brinkmann, weil beispielsweise Schlachthöfe nur mit eingeschränkten Kapazitäten arbeiten können. Der Betrieb gab auf Anfrage keine Stellungnahme ab.

Frigga Wirths von der Akademie für Tierschutz kann die Toleranz der Überwachungsbehörde nicht nachvollziehen. Man müsse hier kurze Fristen setzen, selbst in Zeiten von Corona vielleicht ein, zwei Wochen. Erst Recht bei einem Betrieb, so die Expertin, mit so einer Vorgeschichte.

© Eva Achinger/BR
Bildrechte: Peter Allgaier/BR

Immer noch Missstände auf Allgäuer Milchviehhof

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