Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

KZ-Überlebender: "Die Ideologie der Nazis ist wieder da" | BR24

© BR

Vor 74 Jahren befreiten die Alliierten Deutschland vom Nationalsozialismus – und damit hunderttausende Häftlinge der KZs. Einer der letzten Überlebenden ist der Münchner Ernst Grube. Er erklärt, welche Bedeutung das Gedenkens für die Zukunft hat.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

KZ-Überlebender: "Die Ideologie der Nazis ist wieder da"

Vor 74 Jahren befreiten die Alliierten Deutschland vom Nationalsozialismus – und damit auch Hunderttausende Häftlinge der KZs. Einer der letzten Überlebenden ist der Münchner Ernst Grube. Im BR-Interview erklärt er, welche Bedeutung das Gedenken hat.

Per Mail sharen
Teilen

Heute vor 74 Jahren, am 27. April 1945, erreichte die US-Armee den KZ-Außenlagerkomplex Kaufering bei Landsberg. Zwei Tage später wurde auch das Stammlager in Dachau befreit. Allein in Kaufering hatten die Nationalsozialisten mehr als 6.000 Menschen ermordet.

Nur noch wenige Überlebende können von den Gräueln der Nationalsozialisten berichten. Einer von ihnen ist der Münchner Ernst Grube, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, die von einstigen Häftlingen gegründet wurde. Im "B5-Interview der Woche" spricht der 86-Jährige über die Bedeutung des Gedenkens auch für die Zukunft.

Mit der Erinnerung gegen das Vergessen kämpfen

In den vergangenen Jahren war er es, der die große Rede bei der großen Gedenkfeier am Krematorium gehalten hat. Auch dieses Jahr wird er in Dachau sprechen. Die Aufgabe hat er sich selbst gestellt. Mit der Erinnerung gegen das Vergessen zu kämpfen. "Dieses Nie-wieder", wie er es nennt. Er sei kein Redner, dem spontan die richtigen Wörter über die Lippen kommen, sagt er über sich selbst. Dafür ist das Thema viel zu emotional. Die Nazis haben Grubes Tanten und Onkel ermordet, seine Freundinnen und Freunde aus dem jüdischen Kinderheim umgebracht.

Es werden immer weniger Überlebende – vor allem solche, die sich sehr aktiv gegen Hass und für Frieden einsetzen. Der letzte war Max Mannheimer, der vor zwei Jahren gestorben ist.

Notwendiger Streiter für Frieden, gegen Rassismus

Mit seinen 86 Jahren ist Grube immer noch höchst aktiv. Er ist regelmäßig in Schulklassen als Zeitzeuge zu Gast und wird auch am kommenden Wochenende bei der Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Dachau sprechen:

"Ich fühle mich als einen notwendigen Streiter für Frieden, gegen Rassismus, vor allen Dingen auch gegen den Antisemitismus." Ernst Grube

Beunruhigende politische Entwicklungen in Europa

Umso beunruhigender sind für Ernst Grube die aktuellen politischen Entwicklungen: die Abschottung Europas gegenüber Flüchtlingen, die Spannungen im Verhältnis zu Russland – und der zunehmende Rassismus auch hierzulande.

"Dass Organisationen in Parlamenten oder in anderen Einrichtungen gegen Ausländer hetzen, gegen andere hetzen, dass das alles möglich ist – irgendwo ist die Ideologie der Nazis wieder da." Ernst Grube

Grubes Wunsch: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg – das hatten die befreiten Häftlinge der deutschen Konzentrationslager einst geschworen. Ernst Grube will sich dafür auch im hohen Alter weiter einsetzen.

Die Zeit des Gedenkens ist für Ernst Grube jedes Jahr sehr wichtig. Dann trifft er ehemalige Häftlinge und Leidensgenossen, sieht ihre Kinder und Familien und weiß: Er ist mit seinen Erlebnissen und Erinnerungen nicht allein.

"Halt's Maul, sonst kommst nach Dachau!"

Grube selbst war kein Dachau-Häftling. Dort waren vor allem politisch verfolgte Menschen eingesperrt: Kommunisten, Sozialisten, bürgerliche Politiker und Priester. Grube wurde rassisch verfolgt. Seine Mutter war Jüdin, weshalb er jahrelang ausgegrenzt und schließlich ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Wie viel hat er als Münchner vom KZ Dachau mitbekommen?

"Das war ein Schlagwort bei uns in der Familie: Halt's Maul, sonst kommst nach Dachau! Ohne dass ich das mit zehn oder elf Jahren schon wirklich in seiner ganzen Brutalität verstanden habe. Dann hat man ja auch öfter Menschen in Kolonnen gesehen mit den blau-weiß gestreiften Sträflingsanzügen." Ernst Grube

Jüdische Mutter und ein standhafter Vater

Im Jahr 1938 wurden Grube, seine Eltern und die beiden Geschwister aus ihrer Wohnung in der Innenstadt Münchens vertrieben. Da war er noch nicht ganz sechs Jahre alt.

"Wir habe neben der Synagoge gewohnt – sie wurde abgebrochen. Die jüdische Gemeinde hatte neben der Synagoge einige Häuser, die ihr von den Nazis gestohlen wurden. In den Häusern haben wir gewohnt. Alle Mieter mussten raus – nur wir sind nicht gegangen. Der Vater war ja nicht jüdisch und hat gesagt: Ich gehe nicht raus." Ernst Grube

Es waren fast vier Monate, in denen die Familie allein in diesen drei Häusern lebte. Die Einsamkeit und die Ratlosigkeit seiner Eltern blieben Grube für immer in Erinnerung.

Seine Freunde wurden mitgenommen und erschossen

Der sechsjährige Ernst und seine beiden Geschwister Ruth und Werner kamen in ein jüdisches Kinderheim an der Antonienstraße in Schwabing – eine relativ unbeschwerte Zeit. Bis zum 20. November 1941, als der erste Transport von München erfolgte und die Hälfte der Kinder in diesem Heim von den Nazis mitgenommen wurden. Die Kinder wurden ins litauische Kaunas gebracht und dort erschossen.

Es folgte der nächste Transport. Das Heim wurde schließlich aufgelöst. Grubes Familie kam in ein Juden-Ghetto der Nazis nach Milbertshofen.

Trotz des Drucks und der Schikanen kam für den kommunistischen Vater eine Scheidung von seiner jüdischen Frau nie infrage – er hätte sie damit der Vernichtung preisgegeben. Durch diesen Widerstand konnte die Familie bis zum Februar 1945 in München bleiben. Dann ging es doch noch Richtung Osten ins KZ Theresienstadt bei Prag. Drei Monate später, am 8. Mai 1945, befreite die Rote Armee das Lager.

"Das ist eine meiner stärksten Erinnerungen. Wir sind zum Tor, das geöffnet war. Da waren Lastwagen mit den Rotarmisten drauf. Ich bin auf einen dieser Lastwagen gestiegen. Das war ein riesiges Hallo, das hat mich geprägt." Ernst Grube