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Tettenweis: Bauernhof statt Entziehungsklinik | BR24

© BR/Katharina Häringer

Im südlichen Landkreis Passau gibt es jetzt eine Einrichtung für Suchtkranke, die so in Niederbayern einmalig ist. Die Beschäftigungstherapie findet nicht in der Einrichtung statt sondern bei Landwirten in der Region.

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Tettenweis: Bauernhof statt Entziehungsklinik

Im Landkreis Passau gibt es eine Einrichtung für Suchtkranke, die in Niederbayern einmalig ist: Die Beschäftigungstherapie findet nicht in der Einrichtung statt sondern bei Landwirten. Raus aufs Feld und damit zurück ins Leben, lautet das Konzept.

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Wer alkoholabhängig ist, und sich nach dem Entzug therapieren lassen will, hat verschiedene Möglichkeiten: Einige Einrichtungen sind geschlossen, andere haben Werkstätten auf ihrem Gelände. In Tettenweis im südlichen Landkreis Passau gibt es jetzt eine Einrichtung für Suchtkranke, die einzigartig in Niederbayern ist. Die Suchtkranken werden nicht in der Einrichtung, sondern auf dem Bauernhof beschäftigt.

Das Konzept: Raus aufs Feld – Rein ins Leben

Jeden Morgen setzen sich die zehn Bewohner im Haus "Maria Rast" in Tettenweis an den großen Küchentisch. Eine Therapeutin geht mit ihnen den Tag durch: Wer kocht mittags, wer putzt und wer fährt heute zum Arbeiten auf den Bauernhof? Jeder muss mal ran, aber die Bewohner dürfen selber entscheiden, auf was sie Lust haben. Die zehn sind alle alkohol- und zum Teil auch tablettenabhängig. Sie sind zwischen Anfang 20 und 60 Jahre alt. Was sie eint: Sie hatten nicht nur einmal in ihrem Leben eine Krise, verbunden mit einem Absturz. Ihr Leben ist geprägt von der Sucht. Die meisten haben in der Pubertät schon mit dem Trinken angefangen. Ein Bewohner sogar mit neun Jahren, erzählt die Leiterin des Hauses, Michaela Weiß.

Den Lebensrhythmus lernen

Aufstehen, Frühstücken, zur Arbeit gehen - durch den Rhythmus sollen die Patienten Normalität erleben. "Außerdem ist das gelebte Inklusion", sagt Leiterin Weiß.

Einer der Bewohner ist der 34 Jahre alte Andreas K.. Als Soldat in Afghanistan erlebte er Krieg und Tod. Zurück in Passau versuchte er, wieder in seinem gelernten Beruf als Zimmerer Fuß zu fassen. Doch er tat sich schwer, griff erst zu Tabletten, dann zum Schnaps. Heute fährt er mindestens zweimal pro Woche auf einen Hof.

"Ich will körperlich stark sein, mich gut fühlen. Und dann auch geistig mit mir im Reinen sein. Ob man jetzt ein Glas Wasser oder ein Glas Schnaps trinkt, das ist alles irgendwie nur Wasser. Hauptsache mir geht es gut." Andreas K., Bewohner

Im Wald von Maria Glenz befreit er heute mit einem Trimmer das Unkraut um junge Bäume. Die Forstwirtin arbeitet auch selbst mit, spricht den Leuten zu und lobt sie. "Ich denke, man kann den Leuten auch helfen, dass sie später wieder in eine bessere Schiene reinkommen", sagt sie.

Interesse bei Landwirten ist groß

Andreas K. sagt, dass ihm die Arbeit gut tut. Am Anfang sei es ihm schwer gefallen, einen Hof zu kehren, mittlerweile mache ihm die körperliche Arbeit Spaß. Drei Rottaler Landwirte lassen die Suchtkranken derzeit bei sich arbeiten. Und die Warteliste ist lang. Derzeit gibt es mehr interessierte Landwirte als Suchtkranke. "Da waren wir wirklich sehr überrascht, welche Offenheit hier in der Region da ist von den Landwirten, weil es ja doch nicht so einfach ist. Manchmal hat man Berührungsängste unseren Bewohnern gegenüber, es sind vielleicht Vorurteile da. Aber da scheint hier recht locker darüber hinweg gegangen zu werden", sagt Hausleiterin Michaela Weiß.

Nach drei Stunden Arbeit zeigt sich Andreas K. begeistert. Am liebsten würde er noch weiter mähen, sagt er und freut sich auf seinen nächsten Einsatz.