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Bayerns starke Frauen: Tessa Ganserer, die queere Galionsfigur | BR24

© Tessa Ganserer
Bildrechte: Tessa Ganserer

Tessa Ganserer kämpft als Politikerin für die Rechte schwulen, lesbischen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen.

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    Bayerns starke Frauen: Tessa Ganserer, die queere Galionsfigur

    Ihr Coming-out als trans* Frau war vor knapp zwei Jahren. Seither kämpft die Nürnberger Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer im Bayerischen Landtag für die Rechte von schwulen, lesbischen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen.

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    Von
    • Susanne Kruse

    Die Nürnberger Grünen-Abgeordnete Tessa Ganserer sticht hervor im konservativ regierten Bayerischen Landtag. Allein, wie sie das Rednerpult ansteuert, ist eine Ansage mit Ausrufezeichen. Federnd leichten Schrittes im signalrotfarbenen Jumpsuit oder im figurbetonten leuchtend blauen Minikleid, mit wippender blonder Mähne, entschlossenem Blick und zielstrebigem Gang. Tessa Ganserer so zu sehen, ganz bei sich als Frau, die sie nun auch äußerlich unverkennbar ist, hat was Ergreifendes.

    Spätes Coming-out mit 41 Jahren

    Für die Akzeptanz und den Schutz queerer Menschen tritt die Grünen-Politikerin mit Leib und Seele ein, seitdem sie selbst Ende 2018 ihr eigenes Coming-out als trans* Frau hatte. Mit 41 Jahren. Wie sie betont, war das keine Entscheidung oder Frage des Lifestyles.

    “Ich bin so. Ich habe jahrelang mich selbst verleugnet, um dem Ganzen auszuweichen. Bis ich irgendwann am Ende meiner Kräfte war. Und deswegen finde ich das nicht mutig. Ich glaube, wenn ich mutig gewesen wäre, dann hätte ich diesen Schritt schon vor vielen vielen Jahren gemacht." Tessa Ganserer

    Bis vor knapp zwei Jahren ging Tessa Ganserer noch als Mann in den Bayerischen Landtag. Ihre Themen damals: Mobilität und Schutz des Waldes. Dann, im Herbst 2018, gab sie öffentlich bekannt, weiblich zu sein und künftig als Frau Tessa Ganserer leben zu wollen. Als sie zum ersten Mal öffentlich als trans* Frau in Erscheinung tritt, ist Tessa Ganserer bereits seit über 20 Jahren bei den Grünen aktiv. Bis dato als Mann. Außerdem ist sie zum Zeitpunkt ihres Coming-outs verheiratet und hat zwei Kinder mit ihrer Ehefrau.

    Rückhalt in der Familie und im Bayerischen Landtag

    Tessa Ganserers Familie hält bis zum heutigen Tag zu ihr. Im Bayerischen Landtag erntet sie fraktionsübergreifend Zuspruch und Ermutigung für ihren bedeutsamen Schritt. Aus aller Welt treffen Glückwünsche bei ihr ein, nicht nur aus der queeren Community.

    Menschenverachtende Hasskommentare im Netz

    Die AfD dagegen hält sich in sozialen Netzwerken nicht zurück mit Spott und Hetze. Auch Hasskommentare von wildfremden Privatleuten sind im Internet keine Seltenheit. Von "Begeh doch Selbstmord, du scheiß Transe" bis zu "Da hätte man doch besser die Nachgeburt großgezogen" ist da alles dabei in der Bandbreite, so Ganserer.

    In der Tat sei es so, dass sie am Handy soziale Netzwerke nicht mehr bediene. Rein um sich zu schützen, sagt sie dann:

    "Okay, ich klapp jetzt den Laptop auf und ich schau, ob heute wieder jemand dabei ist, der um eine Strafanzeige bettelt. Sozusagen dieses emotionale Schutzschilder Hochfahren - nur dann ist man in der Lage, auch die sozialen Netzwerke weiter zu bedienen." Tessa Ganserer

    Ihre Schutzschilder kann Tessa Ganserer mittlerweile ganz schnell hochfahren. Die braucht sie nach dem Coming-out nicht nur in der virtuellen Welt.

    “Neben den diskriminierenden Erfahrungen, die man im Alltag immer wieder machen muss als trans* Person, ist das einfach emotional eine sehr anstrengende Phase. Eine gegengeschlechtliche Hormontherapie bedeutet, dass Sie als erwachsener Mensch eine zweite Pubertät erleben." Tessa Ganserer

    Es gehe dann ein Marathonlauf von Ärzten zu Ärzten los, "regelmäßig zum Endokrinologen, die Logopädie an ihrer Stimme, die Sie ändern, der Kampf mit den Krankenkassen, das ist ewig belastend. Es war mir klar, dass das nicht einfach wird", betont Tessa Ganserer.

    Das Geschlecht ist nicht zwischen den Beinen

    Einfach ist so ziemlich nichts im Leben eines Menschen, dessen Geschlechtsempfinden von Kindesbeinen an nicht überein stimmt mit dem Geschlecht, das ihm bei der Geburt aufgrund äußerlich sichtbarer Merkmale gegeben wurde. Das nicht mit der Geschlechterrolle übereinstimmt, die ihm anerzogen wird. Unsere Geschlechtsidentität ist ein untrennbarer Teil unserer Persönlichkeit.

    "Ich bin eine Frau. Ich weiß es! Und da gibt es nichts zu beweisen! Ich weiß, wer und was ich bin. Unser Geschlechtsempfinden hat nichts mit unseren Genitalien zu tun, was ein Mensch unterm Rock oder in der Hose hat. Das ist wissenschaftlicher Fakt." Tessa Ganserer
    © Christian Hilgert
    Bildrechte: Christian Hilgert

    Tessa Ganserer hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Transsexuellengesetz abzuschaffen.

    Transsexuellengesetz in Teilen verfassungswidrig

    Wissenschaft und Justiz sind in dem Fall weiter als die Politik. Bezeichnend dafür ist das umstrittene Transsexuellengesetz aus den 1980er-Jahren, das das Bundesverfassungsgericht bereits mehrfach in Teilen als grundgesetzwidrig eingestuft hat. Nach dem Gesetz müssen trans* Personen in Deutschland (im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Dänemark oder Malta) einen wahren Spießrutenlauf aushalten: sich zum Beispiel einer Psychotherapie unterziehen, bevor sie überhaupt ernst genommen werden. Psychiatrische Gutachten über ihren sogenannten "Zwang" vorlegen, intimste Fragen über sich beantworten.

    "Wie oft masturbieren Sie in der Woche? Welche Sexualpraktiken üben Sie mit Ihrem Lebenspartner aus? Wann hatten Sie das erste Mal mit wem Sex und welche Fantasien hatten Sie dabei? - Ich entscheide, mit wem und wann ich Sex habe, das geht aber diesen Staat nichts an. Und mir solche Fragen gefallen zu lassen, damit ein Richter oder Gutachter entscheiden darf, ob ich der Mensch bin, der ich bin, das ist einfach entwürdigend. Das ist Menschenrechtsverletzung." Tessa Ganserer

    Demütigende Begutachtungen

    Tessa Ganserer ist nicht bereit, diese Prozedur über sich ergehen zu lassen. Weder jetzt noch in Zukunft. Deshalb steht in ihren amtlichen Dokumenten weiterhin ihr alter Vorname neben einem Foto, das sie als Mann zeigt, der sie nie wirklich war. Erniedrigend sei das, sagt Tessa Ganserer, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Transsexuellengesetz abzuschaffen. Genügend Zorn und Kampfgeist dafür hat sie.

    "Ich werde nicht darum bitten und betteln. Sondern ich erwarte, dass dieser Staat meine Menschenrechte akzeptiert! Und ich möchte nicht noch fünf oder zehn Jahre warten müssen!" Tessa Ganserer

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