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Terror-Prozess: Rechte Chatgruppen Nährboden für Angriffe? | BR24

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In Nürnberg hat der Prozess gegen einen mutmaßlichen Rechtsextremen wegen möglicher Terrorpläne begonnen. Der 23-jährige Angeklagte soll sich in Chat-Gruppen im Internet über Anschlagspläne ausgetauscht und sich bereits Waffen dafür beschafft haben.

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Terror-Prozess: Rechte Chatgruppen Nährboden für Angriffe?

In Nürnberg muss sich ein 23-Jähriger wegen Vorbereitung eines Terror-Anschlags vor Gericht verantworten. Er war zuvor in einer rechten Chatgruppe aktiv. Die Terror-Szene nutzt solche Foren, um Menschen zu radikalisieren.

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Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus wirft einem 23-Jährigen aus dem Landkreis Cham vor, einen Terroranschlag vorbereitet zu haben. An einem "Ort der Andacht" wollte er einen Anschlag begehen und somit "Heiliger" werden, so der Vorwurf. Der Oberpfälzer muss sich nun vor dem zuständigen Landgericht Nürnberg-Fürth verantworten.

Hintergründe zum Prozess finden Sie hier

Der 23-Jährige war laut Anklage zuvor Teil einer rechtsextremen Chatgruppe, die sich "Feuerkrieg Division" (FKD) nannte. Dort tauschten sich laut Recherchen des Nachrichtenmagazins Spiegel bis zu 70 Mitglieder aus etwa 15 Ländern aus. Die Gruppe kommunizierte über die Messengerdienste Wire und Telegram.

Terror für die "weiße Vorherrschaft"

BR24 sprach über diese Gruppierung mit dem Terrorismus-Experten Roland Sieber. Er beobachtet Chatgruppen wie die der FKD seit mehreren Jahren. Laut seinen Erkenntnissen wollen die Anhänger mit Gewalttaten und Terroranschlägen einen "globalen apokalyptischen Rassenkrieg" auslösen. "Sie glauben an eine angebliche 'weiße Überlegenheit' (White Supremacy), sind überzeugte Nationalsozialisten und folgen dem Konzept des führerlosen Widerstands", sagte Sieber im Interview mit BR24.

Als Vorbilder dienen Adolf Hitler, andere Terrorgruppen wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) oder beispielsweise der Attentäter von Halle. Auch der nun in Nürnberg angeklagte Oberpfälzer beschäftigte sich mit dem zur Tatzeit live-gestreamten Anschlag von Halle. Dem BR liegen Informationen vor, wonach sich der 23-Jährige mit dem heimlichen Öffnen von Türen beschäftigt haben soll. Der Attentäter von Halle scheiterte vor einem Jahr beim geplanten Massaker in der Synagoge in Halle an einer massiven Holztür. Er tötete stattdessen zwei Menschen auf der Straße und in einem Döner-Imbiss.

In dem Chat der "Feuerkrieg Division" soll der Angeklagte ein Bild aus der Chamer Innenstadt gepostet haben. Auf dem Bild, das dem BR vorliegt, sind zwei Passanten mit schwarzer Hautfarbe zu sehen - verbunden mit der Frage, ob man sie töten soll oder nicht. Anderer Chat-Teilnehmer antworteten darauf: "Natürlich musst du sie töten".

Terroranschläge für den Zusammenbruch der Demokratie

Laut Sieber berufen sich die Chat-Teilnehmer der "Feuerkrieg Division" auf Schriften eines bekannten US-Neonazis, wonach jede Gewalttat und jeder Terroranschlag den Zusammenbruch demokratischer Länder beschleunigen würde. Anhand dieser Auslegung würden auch sexuelle Gewalttaten, Amok-Attacken und willkürliche Angriffe auf die Zivilgesellschaft zum ersehnten Zusammenbruch von demokratischen Gesellschaftsordnungen beitragen.

In den Chatgruppen der "Feuerkrieg Division" (FKD) ging es nach Erkenntnissen des Terrorismus-Experten hauptsächlich um die Verteilung von Zuständigkeiten der einzelnen Länder-Zellen. Zudem wurde Schulungs- und Propagandamaterial ausgetauscht. Inhalte des Chats, die dem BR vorliegen, zeigen unter anderem Bilder einzelner Nutzer, die mit Waffen posierten. Die weiteren Unterhaltungen in der Chatgruppe handelten von FKD-Plakataktionen in Europa bis hin zu Berichten vom Bombenbau oder missglückten Anschlagsversuchen.

In den USA wurde beispielsweise ein 23-Jähriger festgenommen, der ebenfalls der "Feuerkrieg Division" zugerechnet wird und sich bereits Sprengstoff und eine Waffe besorgte. Laut Bundespolizei FBI soll er einen Angriff auf eine Synagoge geplant haben.

Rechtsterroristen werden zu "Heiligen" stilisiert

Besorgniserregend aber ist der Effekt der Nachahmer-Taten. So spielen live ins Internet gestreamte Videos von Attentätern eine wichtige Rolle für die Szene. Die Videos werden hunderttausendfach weiterverbreitet, kommentiert und analysiert. Der Halle-Attentäter beispielsweise habe aus der Sicht des überwiegenden Teils der rechtsextremen Subkultur-Szene "zwar mit zwei Todesopfern zu wenige Menschen getötet um ein 'Heiliger' zu werden und bekam in Kommentaren dennoch Pluspunkte für seinen stabilen Livestream", beobachtete Sieber.

Der Attentäter von Christchurch hingegen habe einen neuen "Standard" in der terroraffinen rechtsextremen Subkultur gesetzt. Der 30-Jährige tötete bei einer Terrorattacke in zwei Moscheen in Neuseeland im März vergangenen Jahres 51 Menschen.

Videos der Attentate sollen Anhänger rekrutieren

Nach Einschätzung von Roland Sieber werde durch diese live-gestreamten Videos ein Tätertypus angesprochen, der sich von Gewaltszenen angezogen fühlt. Auch die Terroristen des selbsternannten Islamischen Staates wollen durch bestialische Gewaltvideos einerseits schockieren, andererseits aber auch neue Anhänger rekrutieren.

Innerhalb der rechtsterroristischen Szene gebe es laut dem Soziologen Sieber verschiedene Tätertypen. Die Taten des NSU seien eine Botschaft gewesen, die Täter wollten zunächst unerkannt bleiben. Der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik aber hingegen wollte sich als Person in den Vordergrund stellen und werde nun von der rechtsterroristischen Szene als "Heiliger" verehrt. Dieser tötete vor neun Jahren 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya.

Neue Generation von rechtsextremen Terroristen

Für die Sicherheitsbehörden stellt diese Szene allerdings eine neue Herausforderung dar. So haben es die Beamten mit Akteuren zu tun, die vormals nicht zwangsläufig in einer klassischen Neonazi-Szene sozialisiert wurden. Diese neue Generation vernetzt sich vielmehr in abgeschotteten Chatgruppen, auf Imageboards oder Computer-Spieleplattformen. Auch der 23-Jährige aus der Oberpfalz, der sich nun in Nürnberg vor Gericht verantworten muss, war laut bisherigen Erkenntnissen kein Teil der aktiven Neonazi-Szene.

In diesem Fall aber haben die Ermittler offenbar früh genug eingegriffen und konnten einen möglichen Terroranschlag vereiteln. Ob der Vorwurf der Vorbereitung einer staatsgefährdenden Straftat haltbar ist, wird sich am Ende des Prozesses zeigen, für den vier Verhandlungstage angesetzt sind. Offiziell hat sich die "Feuerkrieg Division" vor Monaten aufgelöst. Doch gibt es etliche anderen Gruppen mit ähnlichem Inhalt.

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