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"Terror gegen Juden" von Ronen Steinke | BR24

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Auch 75 Jahre nach Kriegsende werden Menschen jüdischen Glaubens diskriminiert und angefeindet. Der Journalist Ronen Steinke hat eine wütende Anklage gegen das Wegschauen geschrieben.

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"Terror gegen Juden" von Ronen Steinke

Auch 75 Jahre nach Kriegsende werden Menschen jüdischen Glaubens diskriminiert und angefeindet. Der Journalist Ronen Steinke hat ein Buch geschrieben über antisemitische Vorfälle. "Terror gegen Juden" ist eine wütende Anklage gegen das Wegschauen.

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Im Dezember 1980 werden Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke durch mehrere Schüsse regelrecht hingerichtet. Obwohl am Tatort eine Brille gefunden wird, die keinem der Opfer gehört, befassen sich die Ermittler zunächst mit der Rolle des jüdischen Verlegers. Sie gehen Hinweisen nach, Shlomo Lewin sei ein Mossad-Agent gewesen, was nicht stimmt. Auch sein angeblich "schillerndes Privatleben" wird thematisiert. Der Verleger war zwei Mal verheiratet und hatte ein uneheliches Kind. Erst viel später stellt sich heraus, dass es sich bei dem Täter allem Anschein nach um ein Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann handelt. Doch da ist der Judenhasser nicht mehr zu fassen. Er habe sich im Libanon das Leben genommen, heißt es.

Ronen Steinke über die anhaltende Diskriminierung von Juden

Für den in Erlangen geborenen und in Nürnberg aufgewachsenen Journalisten Ronen Steinke ist der Fall nur eines von vielen Beispielen, wie Juden in Deutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer diskriminiert und attackiert werden.

"Ich bin aufgewachsen wie die meisten Juden in Deutschland mit Polizei vor der Synagoge, mit Kameras und Zäunen vor jüdischen Einrichtungen und als Kind und auch als Jugendlicher war das normal für mich. Das war der Zustand, mit dem wir einfach aufgewachsen sind. Und im Laufe der Jahre ist mir immer mehr bewusst geworden, dass daran überhaupt nichts normal ist und dass man sich daran auch überhaupt nicht gewöhnen darf. Mit dem Anschlag in Halle letztes Jahr war für mich der Punkt erreicht, zu sagen: Ich weigere mich, mich daran zu gewöhnen, dass das so weitergeht." Ronen Steinke, Autor

Juden haben Angst, ihren Glauben öffentlich zu leben

Steinke packt die Wut, er reist durch Deutschland, besucht 20 Synagogen und trifft die Vertreter jüdischen Glaubens. Er sammelt Fakten und stellt immer wieder fest, dass viele Juden Angst haben, ihren Glauben öffentlich zu leben. Da wird die Mitgliederzeitschrift der jüdischen Gemeinde nicht mehr in einer Klarsichtfolie ausgeliefert, sondern im braunen Umschlag. Die Kippá, die Kopfbedeckung für jüdische Männer, verschwindet beim Verlassen der Synagoge schnell in der Hosentasche oder unter einer Baseballkappe. Und Steinke registriert, dass der deutsche Staat oft nicht für die Sicherheit der Juden aufkommen will.

"Der Schutz jüdischer Gemeinden, das ist ja nicht etwas, woran die Juden schuld sind, dass es den braucht. Man kann nicht zu einer vulnerablen Gruppe, die bedroht ist, sagen: In erster Linie bist du selbst dafür verantwortlich. Gefahrenabwehr ist Aufgabe des Staates und da kommt der Staat wirklich systemisch seiner Aufgabe nicht nach, wenn er sagt: 'Ja mei, legt mal bitte Geld auf die Seite, jüdische Gemeinde, kümmert euch selbst darum und vielleicht erstatten wir euch einen Teil. Nein, einhundert Prozent ist das die Verantwortung des Staates, da darf es keine Kompromisse geben.'" Ronen Steinke, Autor

Steinke legt den Finger in die Wunde

Ronen Steinke hat eine gefällige Art zu schreiben. Er skizziert die Angst der Juden im heutigen Deutschland und spricht die Probleme schonungslos an. Und so ist es nur logisch, dass er selbst sein Buch als "Anklage" verstanden wissen will. Steinke legt den Finger in die Wunde und zeigt absurd anmutende Fälle, in denen sich Ermittler hartnäckig weigern, Straftaten als antisemitisch zu bezeichnen, etwa wenn Steine gegen die Fenster einer Synagoge geworfen werden. Und er zeigt klar, dass Antisemitismus nicht nur bei Rechtsextremen vorherrscht. Der erste Anschlag auf eine jüdische Einrichtung im Nachkriegsdeutschland wurde nämlich von einem Mitbegründer der Kommune 1 verübt, Dieter Kunzelmann. Ein linksradikaler Aktivist als Antisemit? Für Ronen Steinke schließt sich das nicht aus.

© Berlin Verlag

Buchcover "Terror gegen Juden"

"Der Antisemitismus unterscheidet sich vom plumpen Rassismus dadurch, dass der Antisemit immer meint, nicht nach unten zu treten gegen eine Gruppe, die ihm unterlegen ist, sondern nach oben zu treten gegen eine Gruppe, die – angeblich und in seiner Vorstellung – eine große Macht hat. Und das heißt, der Antisemit meint immer, dass er nicht niederen Instinkten nachgeht, sondern im Gegenteil, einer höheren Gerechtigkeit zur Geltung verhilft." Ronen Steinke, Autor

Appell an Gesellschaft und Staat

Wer Steinkes Buch aufklappt, sieht zuerst eine Deutschland-Karte mit Markierungen der antisemitischen Vorfälle seit Kriegsende. Die Auflistung der Fälle am Ende des Buches umfasst 100 Seiten, sie zu lesen macht zutiefst betroffen. Ronen Steinke hat ein wütendes und aufrüttelndes Buch geschrieben, in dem er die Gesellschaft als Ganzes in die Pflicht nimmt, sich gegen antisemitische Tendenzen zu stellen, allen voran den Staat. Der schockierende Buchtitel „Terror gegen Juden“ sollte sehr viele Menschen ansprechen.

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