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Hass und Antisemitismus in Telegram-Chats | BR24

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Ein Student aus Passau setzt sich gegen Antisemitismus ein. Als Beobachter besuchte er deshalb eine Anti-Corona-Demonstration in Plattling. Die Konsequenz: Schwere Anfeindungen in einer Telegram-Gruppe, auf die er nur durch Zufall stieß.

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Hass und Antisemitismus in Telegram-Chats

Ein Student aus Passau setzt sich gegen Antisemitismus ein. Als Beobachter besuchte er deshalb eine Anti-Corona-Demonstration in Plattling. Die Konsequenz: Schwere Anfeindungen in einer Telegram-Gruppe, auf die er nur durch Zufall stieß.

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Von
  • Julia Ruhs

Als Gerald Hetzels Telefon klingelt, kann er erst nicht glauben, was ein Bekannter ihm erzählt. Der habe zufällig Fotos von ihm entdeckt, in einer Gruppe auf Telegram. Die Fotos: Abfotografiert von seinem Facebook-Account. "Ich war erst mal ganz erschrocken und hab nachgeschaut. Und noch erschrockener, als sich das dann bestätigt hat", erzählt der 24-Jährige.

Fotos in Chatgruppe aufgetaucht

Drei Fotos von ihm tauchen in diesem Chat auf. Auf zwei der Fotos: Gerald, zusammen mit deutschen Politikern. Einmal mit Bundespräsident Steinmeier – ein Foto, das bei deutsch-israelischen Gesprächen in Jerusalem entstanden ist. Ein weiteres Foto zeigt ihn mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Und auf Foto Nummer drei: Gerald zusammen mit einer jüdischen Freundin aus Israel, Shoval Shirom. Dass ihr Foto in solch einem Chat in Deutschland auftaucht, schockte auch sie: "Ich hatte schon etwas Angst. Ich wusste ja nicht, wer diese Leute genau sind. Sie bezeichneten uns als Ungeziefer."

"Ungeziefer", für das man "einen Kammerjäger holen" müsse, steht unter den Fotos kommentiert. Und es folgen weitere Hass-Posts: Ratten-Emoticons, sexuelle Anspielungen. Und der Vorwurf: Die Politiker würden junge Leute wie Gerald und Shoval für "ihre Drecksarbeit missbrauchen".

Telegram-Chat: Eine Parallelwelt voller Verschwörungsmythen

Shoval und Gerald setzen sich beide gegen Antisemitismus und für gute Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ein. Gerald war deshalb ein paar Tage zuvor auf einer Anti-Corona-Demonstration in Plattling. Für die Nichtregierungsorganisation "Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" beobachtete er den Protest und filmte. Durch seine Videokamera wurden die Mitglieder der Gruppe auf ihn aufmerksam. Wohl deshalb landeten diese Fotos von ihm schließlich in der Telegram-Gruppe.

Die Gruppe, in der all das gepostet wurde, betitelt sich als "Bewegung für Freiheit und Wandel in Plattling". Darin finden sich etwa 60 Mitglieder mit meist anonymen Accounts. Sie sehen sich als eine Art "Widerstand" – als "Rudel", das zusammenhalten muss. In der Gruppe tut sich eine Parallelwelt auf: Es finden sich hier haufenweise krude Verschwörungsmythen, auch Links zur QAnon-Bewegung, Warnungen vor Cyberangriffen, vor Zensur, Zwangsimpfungen und dem vermeintlichen "Ermächtigungsgesetz" der Bundesregierung. Und die These, dass die Regierung unsere Gene manipulieren will und Telegram sowieso bald abgeschaltet wird.

Polizei ermittelt, Staatsschutz wurde eingeschaltet

Mitlesen kann diese Nachrichten in der Telegram-Gruppe jeder. Der Gruppe beitreten muss man dazu nicht. So kann die sogenannte Bewegung neue Mitstreiter gewinnen. Doch weil sie öffentlich ist, postet die Gruppe immer wieder den Hinweis, dass man aufpassen solle, was man schreibt.

Gerald hat sich den Chatverlauf auch angeschaut: Angst vor diesen Leuten hat er eigentlich keine. Auch, weil die Polizei jetzt ermittelt, unter anderem wegen eines möglichen antisemitischen Hintergrunds. Der Staatsschutz wurde ebenfalls eingeschaltet. Aber ein mulmiges Gefühl, das bleibt schon bei ihm: "Wenn mich jemand googelt, dann kann der sehr schnell herausfinden, wo ich wohne. Und dadurch ist das schon immer so ein Gefühl, das irgendetwas passieren kann. Das schüchtert einen auf jeden Fall ein."

Immer wieder offene antisemitische Anfeindungen auf Telegram

Solche Anfeindungen, wie sie Gerald erlebt, kommen immer wieder vor: In Chatgruppen und auch auf den Anti-Corona-Demos. Das bestätigt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Bayern. Beobachter dieser Demonstrationen und Journalisten seien ein starkes Feindbild von großen Teilen der Szene. Der Stelle wurden seit Beginn der Corona-Pandemie bayernweit 94 antisemitische Vorfälle mit Coronabezug gemeldet.

Ob die Zahlen seit der Pandemie gestiegen sind, lässt sich jedoch nicht genau sagen. Denn wegen den Corona-Einschränkungen bietet das öffentliche Leben weniger Bühne für antisemitische Äußerungen. Jedoch bemerkt RIAS Bayern, dass antisemitische Inhalte auf Telegram deutlich offener und unverblümter verbreitet werden als analog.

Verschwörungsmythen haben oft einen antisemitischen Ursprung

Gerade die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung würden antisemitische Tendenzen verstärken, sagt Andreas Franck, Antisemitismusbeauftragter der Generalstaatsanwaltschaft München.

"Entgegen rassistischer Denkweise geht es beim Antisemitismus immer darum, gegen die Mächtigen da oben zu treten. Die da oben haben sich verschworen, zum Nachteil der freien Bürger, und die gilt es zu bekämpfen. Eine Verschwörung ist nicht zwingend antijüdisch, antisemitisch, aber es ist eine sehr naheliegende Interpretation der Verschwörungstheorien, die da verbreitet werden." Andreas Franck, Antisemitismusbeauftragter der Generalstaatsanwaltschaft München

Um nachzufragen, was die Gruppe selbst zu den Vorwürfen sagt, hat der BR sie kontaktiert. In ihrer Stellungnahme schreibt die Gruppe, dass sie sich gänzlich von Antisemitismus distanziere. Und auch Beleidigungen seien im Chat nicht gefallen. Die Kommentare und die Fotos, um die es geht, sind zu diesem Zeitpunkt schon gelöscht.

Anti-Corona-Bewegung: "Systemmedien" seien Teil der Verschwörung

Dafür geht es in der Telegram-Gruppe jetzt wieder rund: "Der systemtreue BR" habe sich eingeschaltet. Wieder hagelt es Provokationen gegen Gerald. Obwohl die Mitglieder der Gruppe genau wissen, dass auch die Presse alles mitliest.

Dass Telegram eine Plattform für solche Äußerungen bietet, macht der Israelin Shoval Sorgen: "Auf der einen Seite ist das das Recht dieser Menschen, ihre eigenen privaten Chat-Konversationen zu haben. Aber auf der anderen Seite können sie so viel Hass und Antisemitismus verbreiten. Und sie beeinflussen damit immer mehr Leute."

Neben dieser öffentlichen Gruppe hat die sogenannte Bewegung auch eine geschlossene Telegram-Gruppe. Hier kann keiner so leicht mitlesen. Der Antisemitismusbeauftragte Andreas Franck geht davon aus, dass es in solch einem Chat noch weitaus schlimmer zugeht.

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