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Tausendjährige Bäume - in Wahrheit viel jünger | BR24

© BR/Christine Meder

Alte Bäume in Mitteleuropa sind oft zwischen 300 und 700 Jahren alt - und nicht tausendjährig, wie es mitunter heißt

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    Tausendjährige Bäume - in Wahrheit viel jünger

    So manches bayerische Dorf rühmt sich mit tausendjährigen Eichen oder anderen ur-alten Bäumen. Allerdings: Oft stimmt das gar nicht. Meist beruhen die Daten auf Schätzungen und Überlieferungen.

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    Beeindruckend steht sie da, die "tausendjährige Eiche" bei Küps in Oberfranken: vier Meter Stammdurchmesser, über zehn Meter Stammumfang. Es braucht fünf Menschen, die sich an den Händen fassen, um die Eiche zu umgreifen. Allerdings: Der Baum ist gar nicht 1.000 Jahr alt. Vermutlich sind es nur 500 Jahre, höchstens 700. Und das zeigt schon das Problem.

    Kein 1.000-jähriger Baum in Deutschland

    In Deutschland erreichen Bäume nur selten ihr mögliches Maximalalter. Der Baumforscher Prof. Andreas Roloff von der Technischen Universität Dresden hat dazu eine Studie durchgeführt.

    "Für die alten Bäume sieht es in unserem Land sehr tragisch aus. Es gibt meines Wissens keinen tausendjährigen Baum in Deutschland. In England dagegen hunderte. Wir machen irgendetwas anders und das muss sich ändern." Andreas Roloff, Baumforscher an der TU Dresden

    Alte Bäume als Nationalerbe schützen

    Daher hat Andreas Roloff eine Initiative gegründet und ruft alte Bäume, die mindestens 400 Jahre alt sind, als "Nationalerbe Baum" aus. So auch die sogenannte tausendjährige Eiche bei Küps - im Rahmen einer kleinen Feier am vergangenen Samstag. Das Ziel: Roloff will mehr Bewusstsein für den Schutz und Erhalt alter Bäume schaffen, so dass diese die Chance haben tatsächlich einmal 1.000 Jahre alt zu werden.

    Warum es in Deutschland im Vergleich zu England so wenige alte Bäume gibt, ist unklar. Denn auch dort werden Bäume als Bau und Brennholz genutzt, fallen Stürmen zum Opfer, leiden unter Trockenheit und Schädlingen. Andreas Roloff hat daher einen anderen Verdacht und das hat mit der "Verkehrssicherungspflicht" zu tun: "Eine wesentliche Ursache ist unsere, ich sage mal ganz nüchtern, Überängstlichkeit. Der Eigentümer eines Grundstücks ist für Sachen und deren Sicherheit dort zuständig und Bäume sind Sachen".

    Aus Angst vor Schäden werden Bäume 'verstümmelt'

    Ein Baum, der alt ist, hat mehr morsche Äste, die herunterfallen und Passanten verletzen können. Um das und Schadenersatzklagen zu verhindern, wird der Baum dann beschnitten, meist mehr als nötig ist, um jede Gefahr zu beseitigen.

    Wenn der Baumpfleger anrückt, kann das schon mal 1.500 Euro kosten. Die Devise vieler Besitzer alter Bäume lautet daher: Lieber einmal stark zurückschneiden, auch wenn der Baum dann kürzer lebt. Als Baum Experte weiß Roloff, dass falscher und zu starker Beschnitt dem Baum schadet: "Dann entwickelt sich dort eine Fäule, die in den Stamm wandert, sich im ganzen Baum ausbreitet und dann das Lebensende einleitet".

    Mit der Aufnahme in die Liste "Nationalerbe Baum" übernimmt deshalb eine Stiftung alle weiteren Kosten und sorgt für eine sanfte Pflege. Mehr als 100 alte Bäume will Roloff in den nächsten Jahren begutachten und in das Schutzprogramm aufnehmen. Die tausendjährige Eiche bei Küps in Oberfranken ist der erste so geschützte Baum in Bayern.

    Erhalt genetischer Besonderheiten

    Der Erhalt der Eiche hat für Andreas Roloff auch wissenschaftliche Gründe. In den Bäumen leben geschätzt bis zu 600 Insektenarten. Hinzu kommen Spinnen, Vögel, Moose, Flechten und Pilze – eine oft über Jahrhunderte entstandene, einzigartige und noch nicht erforschte Artengemeinschaft. Und auch die Bäume selbst entwickeln sich auf überraschende Weise, sagt Andreas Roloff.

    "Wenn wir uns bei dieser alten Eiche mal oben die Äste ansehen, die sind 200 Jahre alt, wo der eine nach links, der andere nach rechts geht. Die haben jedes Jahr unterschiedliche genetische Mutationen, da findet kein genetischer Austausch mehr statt. Da ist die Vermutung, dass die verschiedener sind als zwei verschiedene Bäume". Andreas Roloff, Baumforscher an der TU Dresden

    Solche epigenetischen Veränderungen können Reaktion auf Umweltveränderungen sein – auf Trockenheit, Kälte oder Schädlinge. Der Wissenschaftler hofft künftig wertvolle Informationen zu bekommen, wie es die alten Bäume schaffen, sich so der Umwelt immer wieder anzupassen. Andreas Roloff ist zuversichtlich, dass mit seiner Initiative die alten Bäume Deutschlands künftig bessere Chancen haben, noch viel älter zu werden – und auch besser erforscht werden können.

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