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Tausende Grippe-Impfstoffdosen liegen in Bayern auf Halde | BR24

© dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow

Eine Dosis einer Grippeimpfung

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    Tausende Grippe-Impfstoffdosen liegen in Bayern auf Halde

    Während um ausreichend Corona-Impfstoff gerungen wird, liegt Grippe-Impfstoff in vielen Apotheken auf Lager. Jetzt droht der Verfall und Apothekern ein hoher finanzieller Verlust. Für die nächste Saison ab Oktober kommen zudem Änderungen per Gesetz.

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    Von
    • Claudia Grimmer

    Nach einem Impfaufruf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Oktober vergangenen Jahres wollten sich viele das Vakzin gegen Grippe verabreichen lassen. Der Andrang war so groß, dass in Arztpraxen Wartelisten mit Impfwilligen angelegt wurden.

    Vakzine kamen viel zu spät

    Aufgrund des großen Andrangs zur Grippeimpfung bestellten Apotheker daraufhin nach und auch das Bundesgesundheitsministerium gab die Nationale Reserve von sechs Millionen Dosen frei. Doch die Lieferungen verzögerten sich, die Reserve wurde spät ausgeliefert und erreichte viele Apotheken erst Anfang Dezember.

    Zu diesem Zeitpunkt war aber das Interesse an einer Grippe-Impfung bei vielen schon wieder gesunken. Die Menschen waren im Lockdown, arbeiteten im Homeoffice mit wenig Kontakten, das Augenmerk war auf eine Corona-Impfung, aber nicht mehr auf eine Influenza-Impfung gerichtet.

    Tausende unverbrauchte Grippeimpfdosen in Bayern

    Lediglich rund 14 Prozent der bayerischen Apotheken beteiligten sich an einer Blitzumfrage des bayerischen Apothekerverbandes. Sie meldeten 35.000 Grippe-Impfdosen, die in ihren Kühlschränken lagern. Hochgerechnet auf alle Apotheken im Freistaat könnten es weit mehr als 200.000 tatsächlich noch nicht verimpfte Dosen sein.

    Und auch die anderen Bundesländer haben Halden an nicht verbrauchtem Grippeimpfstoff. Der Hessische Apothekerverband geht davon aus, dass nach Ablauf des Verfallsdatums rund 70.000 Dosen im Wert von 700.000 Euro vernichtet werden müssen. Auch eine Umfrage des Apothekerverbandes Nordrhein ergab, dass an Rhein und Ruhr noch 100.000 Impfdosen für diese Grippesaison gelagert werden. Wenn sie jetzt vernichtet werden, kostet das die Apotheker pro Einheit zehn Euro, denn so hoch ist der durchschnittliche Einkaufswert pro Dosis.

    Grippe-Impfstoff für kommende Saison muss jetzt bestellt werden

    Durch den drohenden finanziellen Verlust sind viele Apotheker bei der Bestellung des Grippe-Impfstoffs für die kommende Saison zurückhaltend. Doch der muss jetzt bestellt werden.

    "Schon jetzt zeichnet sich deutlich ab, dass die meisten Kollegen über die Vorbestellungen der Ärzteschaft hinaus kaum noch zusätzliche Impfstoffe auf gänzlich eigenes Risiko vorbestellen." Thomas Preis, Apothekerverband Nordrhein

    Bis Ende Februar haben die Apotheken in der Regel Zeit, ihre benötigten Mengen anzugeben. Über sie laufen auch die Bestellmengen für Arztpraxen. Nun wird von verschiedenen Apothekerverbänden befürchtet, dass die einzelnen Apotheken nur noch die Menge für Arztpraxen bestellen und keine zusätzliche Reserve mehr aufgebaut wird. Ärzte, die wie auch in der vergangenen Saison nichts vorbestellt hatten, würden dann leer ausgeben.

    Hochdosierter Grippe-Impfstoff für Senioren

    Und auch gesetzgeberisch wird sich in der nächsten Grippe-Saison etwas ändern, was nach Angaben der Verbände bei vielen Apothekern zu noch mehr Verdruss führt.

    Ab der nächsten Saison im Oktober gilt ein hochdosierter Grippeimpfstoff für Ältere ab 65 Jahren als Kassenleistung. Die Ständige Impfkommission stellte eine erhöhte Wirksamkeit dieser Vakzine fest. Sollte die Zulassung des entsprechenden Impfstoffs von Sanofi auch für die Altersgruppe zwischen 60 und 64 erweitert werden, hätten auch sie Anspruch auf Hochdosis-Impfstoff.

    Der Grund für den Einsatz dieses speziellen Impfstoffs für ältere Menschen ist, dass mit zunehmenden Alter die Leistungsfähigkeit des Immunsystems abnimmt, sodass Infektionen häufiger schwer verlaufen. Influenza-Hochdosis-Impfstoffe haben eine bessere Wirksamkeit bei Senioren.

    Der "Fluzone High Dose Quadrivalent" hat eine vierfache Antigenmenge und Sanofi wird auf dem deutschen Markt vorerst Alleinanbieter sein. Schon in diesem Jahr wurde er als US-Import auch in Deutschland verimpft. Im vergangenen Mai erhielt er nun die Zulassung in Deutschland und firmiert unter dem Namen Efluelda.

    Hochdosierter Impfstoff – teurer Impfstoff

    Doch diese Vakzine sind, nach Angaben des Vorsitzenden des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, viermal so teuer wie der normale Impfstoff. Angeboten werden zehn Dosen für rund 405 Euro. Eine Zehnerpackung des "normalen" Impfstoffs, wie zum Beispiel Flucelvax, hat einen Listenpreis von rund 130 Euro.

    Um jedoch den hochdosierten Influenza-Impfstoff rechtzeitig zur Impfsaison im Kühlschrank liegen zu haben, müsse der Apotheker auch ihn rechtzeitig bestellen und bevorraten. Das heißt, er müsse in Vorleistung gehen. Doch die Summe für die Bevorratung sei in diesem Jahr entsprechend viermal so hoch. Für manche Kollegen, so Preis, würde das bis zu sechsstellige Beträge bedeuten. Das sei jedoch wirtschaftlich nicht mehr tragbar.

    Käme es wieder zu einer Überbestellung sei auch der drohende Verlust diesmal viermal so hoch. Gleich bleibe jedoch die Vergütung, die ein Apotheker für eine Impfdosis erhält. Sie beträgt ein Euro, so Preis. Nach Berechnungen des Verbandes gibt eine Apotheke im Durchschnitt etwa 1.000 Grippeimpfstoffe pro Saison ab. Das Einkaufsvolumen pro Apotheke würde so rechnerisch von ca. 10.000 Euro auf bis zu 40.000 Euro steigen.

    "Wir kritisieren sehr heftig, dass die schon damals äußerst knappe Honorierung von einem Euro pro Impfdosis, die der Gesetzgeber im Zuge des im Mai 2019 in Kraft getretenen Gesetzes festgelegt hat, die Kosten für Vorfinanzierung, Beratung, Lieferung, Risikozuschlag für Warenuntergang, Nichtabnahme und Retaxationen durch Krankenkassen bei diesen Hochdosisimpfstoffen nicht ansatzweise decken." Thomas Preis, Apothekerverband Nordrhein

    Für jede Influenza-Saison ein eigener Impfstoff

    Erstmals im vergangenen Jahr wurde eine Bedarfsermittlung für den Influenzaimpfstoff in Deutschland durch das Paul-Ehrlich-Institut erstellt. Doch wie groß die Nachfrage tatsächlich nach Grippeimpfungen in einer Saison ist, kann trotzdem nur erahnt werden und hängt von vielen Faktoren ab. Doch die Herstellung der Vakzine gegen Influenza ist komplex und vor allem langwierig. Die Pharmaunternehmen fragen deshalb sehr früh im Jahr den Bedarf ab, damit er im Herbst geliefert werden kann.

    Grippeviren verändern sich ständig. Für jede Influenza-Saison wird deshalb ein eigener Impfstoff hergestellt. Wie der jeweilige Impfstoff für die kommende Saison aussehen muss, legt die Weltgesundheitsorganisation, WHO, fest. Weltweit beobachten Virologen die Entwicklung der Influenza-Viren. Zweimal jährlich spricht die WHO eine Empfehlung aus, gegen welche vier Virenstämme der saisonale Impfstoff wirken sollte. Der aufwändige Herstellungsprozess dauert bis zu sechs Monate.

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