BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© pa/dpa/Christophe Gateau
Bildrechte: pa/dpa/Christophe Gateau

Tarifvertrag in Altenpflege: Caritas unter Druck

11
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Tarifvertrag in Altenpflege: Caritas unter Druck

Die Caritas hat einen Tarifvertrag für die Altenpflege scheitern lassen - und damit auch eine bessere Bezahlung für die Pflegekräfte. Am Montag plant die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Protestkundgebungen vor Caritas-Einrichtungen.

11
Per Mail sharen
Von
  • Tilmann Kleinjung
  • BR24 Redaktion

"Nach dem Klatschen kommt die Klatsche", hieß es bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, als die Caritas den bundesweiten Tarifvertrag hat platzen lassen – in Anspielung auf die Solidaritätsbekundungen vor einem Jahr in der Corona-Krise.

Die Nürnberger Altenpflegefachkraft Tatjana Sambale war enttäuscht: Da rackere man sich ab und habe so gehofft, dass es mit dem Tarifvertrag einen Schritt weiter gehe.

Bundesregierung wollte einheitlichen Tarifvertrag

Sambale arbeitet in einem Nürnberger Pflegeheim in privater Trägerschaft. Sie ist Betriebsratsvorsitzende und engagiert sich bei Verdi dafür, dass alle Pflegekräfte – egal ob bei einem kirchlichen oder privaten Arbeitgeber unter vergleichbaren Bedingungen beschäftigt sind. Vor allem die Bundesregierung wollte einen branchenweit gültigen Tarifvertrag, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil allgemeinverbindlich erklären kann.

Caritas: Wir zahlen besser

Auf den letzten Metern ist der Tarifvertrag am Einspruch der Caritas, dem katholischen Wohlfahrtsverband in Deutschland, gescheitert. Dem könne man nicht zustimmen, weil der [Tarifvertrag] einfach hinter den Erwartungen zurückbleibe, meint Norbert Altmann von der Caritas.

Er hält den Caritas-Tarifvertrag in der Altenpflege für deutlich besser. Die Caritas zahle höhere Löhne, habe bessere Arbeitszeitregelungen. Kurz: Man will sich nicht nach unten anpassen. Auch wenn es nicht so klingt: Altmann spricht für die Arbeitgeberseite bei der Caritas.

Seine Sorge: Wenn es einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag für alle gibt, drücken die Pflegekassen die Preise.

Caritas will Wettbewerbsvorteil nicht verlieren

Es gebe noch einen weiteren Grund für die Weigerung der Caritas, sagt Sambale von Verdi. Kirchliche Träger wie Caritas und Diakonie zahlen in der Regel deutlich besser als private Pflegedienste, und die Caritas hat wenig Interesse, dieses Lohngefälle auszugleichen.

Denn es verschafft ihr bei der Suche nach Personal einen Vorsprung. "Bei einem Pflegemarkt, der gerade leergefegt ist, ist das ein Wettbewerbsvorteil. Aber es ist in der Fläche für Leute, die aus verschiedensten Gründen bei privaten Anbietern arbeiten, eine schlechte Entwicklung," meint Sambale.

"Die Stimmung ist gerade sehr sparsam," meint auch Thomas Rühl, Sprecher der Caritas-Mitarbeiter. "Wir sind auf der Mitarbeiterseite noch sehr entsetzt über das Abstimmungsverhalten unserer Dienstgeberseite letzte Woche. Und wir sind im Moment nicht in der Lage, mit denen zu kommunizieren."

Private Pflegedienste profitieren von niedrigen Lohnkosten

Rühl hat in der sogenannten "Arbeitsrechtlichen Kommission" der Caritas vergeblich für den Flächentarifvertrag geworben. Er sah die hohen Caritas-Standards nicht in Gefahr. Sehr wohl aber das Image des katholischen Wohlfahrtsverbandes. Viele hätten diesen Tarifvertrag nicht gewollt, sagt er. Allen voran private Anbieter, die von den niedrigen Lohnkosten profitierten.

Gerechte Bezahlung: Fehlanzeige!

Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche haben im zurückliegenden Corona-Jahr immer wieder eine gerechte Bezahlung in der Pflege angemahnt. Am Ende haben sich die großen Träger und Einrichtungen der Caritas durchgesetzt. Auch gegen Widerstand im eigenen Verband.

Caritaspräsident Peter Neher schimpft: Der Beschluss schade der Glaubwürdigkeit der Caritas, denn er verhindere eine höhere Entlohnung von vielen Pflegekräften außerhalb der Caritas - und das mitten in einer Pandemie, die diesen Menschen "unheimlich viel" abverlange.

Schaden für Ansehen der katholischen Kirche

Die Entscheidung untergrabe die Gemeinwohlorientierung der Caritas, schreiben auch Deutschlands katholische Sozialethiker. Damit werde dem ohnehin schon angeschlagenen gesellschaftlichen Ansehen der katholischen Kirche weiterer Schaden zugefügt.

© BR
Bildrechte: BR

Der "Pflegenotstand" war schon vor Corona ein Begriff, doch nun wird er noch deutlicher, das Personal ist am Limit. Viele, so wird befürchtet, könnten sich nach der Pandemie aus dem Pflegeberuf verabschieden.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!