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Tabuthema: Warum so wenige Ärzte Abtreibungen vornehmen | BR24

© dpa/picture-alliance

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Bayern ist seit Jahen nahezu unverändert.

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Tabuthema: Warum so wenige Ärzte Abtreibungen vornehmen

Immer weniger Ärzte in Bayern führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Angst vor Anfeindungen und Stigmatisierung spielen eine Rolle. Frauen müssen für eine Abtreibung zum Teil weite Wege auf sich nehmen.

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2018 gab es etwas mehr als 101.000 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland, davon rund 11.000 in Bayern. Das ist in etwa das Niveau der Vorjahre. Was hingegen seit Jahren abnimmt, ist die Anzahl der Ärzte, die den Eingriff noch durchführt. Das wird deutlich durch mündliche und schriftliche Aussagen der Beratungsstelle Pro Familia, entspricht aber auch den Angaben zweier bayerischer Ärzte, mit denen wir sprechen. Auch deutschlandweit ist die Zahl rückläufig, ergab eine Recherche des Politikmagazins Kontraste, das sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes beruft - um 40 Prozent von 2003 bis 2018.

Was sind die Gründe? Dieser Frage ist der BR bei einem Seminar der Bayerischen Landesärztekammer zum Thema "Medizinische und ethische Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs" nachgegangen. Wer als Arzt in Bayern Abbrüche vornehmen will, muss das jährlich stattfindende Seminar mindestens einmal belegt haben.

Angst vor Anfeindungen der Abtreibungsgegner

Ende März, ein Hotel in Feldkirchen bei München. Im Seminarraum referieren Psychologen etwa über die "Psychodynamik des Schwangerschaftskonflikts". Sieben Personen nehmen am Seminar teil, das ist nicht viel, entspricht aber dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. Die meisten wollen anonym bleiben.

Ein Arzt sagt ganz offen, dass er Anfeindungen befürchtet, wenn an die Öffentlichkeit gelangt, dass er Abtreibungen durchführt. Er will nicht auf den gefürchteten Webseiten der Abtreibungsgegner landen.

Auf dem Land haben es Frauen schwerer

Nur ein Mediziner ist bereit, anonym ein Interview zu geben. Er wird in Zukunft Abtreibungen vornehmen, gerne tue er das nicht, aber gerade im ländlichen Raum gebe es für die Frauen noch weniger Ärzte, sagt er.

"Es ist ein großer Bedarf da und deshalb muss, auch wenn ich das jetzt nicht gerne mache, es muss halt qualitativ gut betreut werden. Ich bin in Schwaben tätig und da gibt es nur wenige Gynäkologen, die das durchführen. Die Frauen müssen weit fahren." Arzt, der anonym bleiben möchte

Offiziell haben elf Arztpraxen in Schwaben die Erlaubnis, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. So steht es auf einer Liste, die vor etwa zwei Jahren nach einer Anfrage der Grünen-Politikerin Kerstin Celina vom Bayerischen Gesundheitsministerium herausgegeben wurde und die dem BR vorliegt.

"Viele haben zwar die Erlaubnis, aber führen das dann doch nicht durch." Arzt, der anonym bleiben möchte

Nur wenig Ärzte führen Abtreibungen durch

Laut Gesundheitsministerium haben 107 Arztpraxen und 27 Kliniken in Bayern die Erlaubnis, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Doch nicht alle nehmen Abbrüche vor.

Auch in Niederbayern zeigt sich ein ähnliches Bild wie in Schwaben: Hier führt die Liste des Gesundheitsministeriums vier Arztpraxen auf. Ein Mediziner aus Passau, der selbst Abbrüche vornimmt, teilt mit: Er sei der einzige Arzt, der in Niederbayern noch Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Die Beratungsstelle Pro Familia bestätigt das.

Dagegen kommen zwei Drittel der Arztpraxen, die die Erlaubnis haben, nämlich 76 von 107, aus Oberbayern. Für Eva Zattler von der Beratungsstelle "Pro Familia", die als Referentin beim Seminar dabei ist, ein Zeichen für die großen regionalen Unterschiede. Die Versorgungslage in Bayern hat für sie "große Löcher regional. Auch in München werden es immer weniger Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche machen." Rückfrage des BR-Autoren Niklas Schenk: "Wie viele sind das denn in München noch?" Referentin Zattler: "Wir haben diese Liste nicht, auf der alle Ärzte aufgeführt sind. Aber ich würde jetzt mal sagen, uns sind in etwa zehn Ärzte bekannt. Wir haben immer wieder Ärzte von dieser Liste genannt bekommen in München, die schon längst in Pension waren und deren Praxen geschlossen waren."

Gesetz schreibt ausreichendes Angebot zum Abbruch vor

Paragraph 13 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes schreibt vor: "Die Länder stellen ein ausreichendes Angebot ambulanter und stationärer Einrichtungen zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen sicher." Unsere Recherchen in Bayern zeigen: Es gibt keine belastbaren Zahlen, aber starke Indizien dafür, dass es in einigen bayerischen Regierungsbezirken kaum behandelnde Ärzte gibt beziehungsweise weniger, als auf der Liste stehen. Es ist daher nicht klar, wie viele der 107 Arztpraxen und 27 Kliniken mit der grundsätzlichen Erlaubnis, Abbrüche durchzuführen, tatsächlich auch Abtreibungen vornehmen.

Ministerium geht von ausreichendem Angebot aus

Aus dem bayerischen Gesundheitsministerium heißt es dazu, es sei grundsätzlich davon auszugehen, dass es in Bayern ein ausreichendes Angebot an Einrichtungen gibt, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Sollte künftig ein Mangel eintreten, würden die zuständigen Staatsministerien zusammen mit der ärztlichen Selbstverwaltung und der Bayerischen Krankenhausgesellschaft geeignete Maßnahmen prüfen und umsetzen.

"Im Übrigen liegen dem Bayerischen Gesundheitsministerium keine Beschwerden vor, dass das Angebot an entsprechenden Einrichtungen in Bayern nicht ausreichend sei." Stellungnahme des Bayerischen Gesundheitsministeriums

Aber auch das Ministerium räumt ein: Da jeder Arzt eigenverantwortlich entscheide, ob er Schwangerschaftsabbrüche anbiete, sei nicht bekannt, wie viele der 107 Ärzte, die die Erlaubnis dazu hätten, tatsächlich Schwangerschaftsabbrüche durchführten.

Warum Ärzte vor Abtreibungen zurückschrecken

Stoßen durch das Seminar nun sieben neue Ärzte zu den bisher 107 hinzu? Wohl nicht ganz. Zwei der Teilnehmerinnen sind sich noch unsicher, ob sie den Eingriff in Zukunft wirklich durchführen wollen. Andere Teilnehmer haben das Seminar schon mehrfach belegt, gehören also schon längst zu den 107 Arztpraxen mit der Erlaubnis, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.

Warum aber finden sich kaum noch Mediziner, die Abtreibungen durchführen? Für den Arzt aus Schwaben, der bereit ist, sich anonym zu äußern, gibt es mehrere Gründe.

"Zum Teil ethisch begründet, zum Teil in der Ausbildung der Assistenten oder der nächsten Generation wird das kaum gelehrt. Das ist zum Teil schwierig und man braucht viel Erfahrung, dass da keine Komplikationen sind." Arzt, der anonym bleiben möchte

Praktischer Eingriff wird kaum gelehrt

Im Medizinstudium werden Schwangerschaftsabbrüche in einem Semester im Fach Gynäkologie thematisiert. Dabei geht es vor allem um die rechtlichen und ethischen Fragen eines Schwangerschaftsabbruchs. Der praktische Eingriff wird vielerorts kaum oder gar nicht gelehrt.

Medizinstudenten der Berliner Charité organisierten im vergangenen Jahr selbstständig ein Seminar, um an einer Papaya den Schwangerschaftsabbruch zu üben. "Lernt, was die Uni euch nicht lehrt" stand auf ihren Plakaten im Seminarraum.

Forderung: Facharztausbildung verbessern

Auch der Münchner Arzt Friedrich Stapf sieht die Hauptursache für die aktuelle Situation nicht in der Angst vor Abtreibungsgegnern, sondern in der Ausbildung.

"Wenn eine junge Kollegin eine Facharzt-Weiterbildung im Fach Gynäkologie macht, hat sie ja die ganze Zeit in der Klinik mit ungewollt Schwangeren nichts zu tun. Wie soll dann ein Frauenarzt sich motiviert sehen." Friedrich Stapf, Arzt

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe widerspricht dieser Darstellung. Denn auch bei einer Fehlgeburt werde der Embryo aus der Gebärmutter entfernt, in der Klinik.

"Die Ausschabung ist ein technischer Eingriff, der unabhängig davon ist, ob der Embryo lebt (Abbruch) oder nicht (Abort). Er gehört verpflichtend zur Facharztausbildung und ist in dem Weiterbildungskatalog vorgesehen. Jeder Frauenarzt sollte zu diesem Eingriff nach Abschluss seiner Facharztausbildung in der Lage sein." Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Friedrich Stapf findet dagegen: Eine Fehlgeburt und einen Schwangerschaftsabbruch könne man nicht vergleichen. Eine Fehlgeburt sei viel leichter zu behandeln, da der Uterus seit Tagen auf den Eingriff vorbereitet und der Gebärmutterhals bereits offen sei.