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System Ankerzentrum - Zwischen Integration und Abschiebung | BR24

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In Ankerzentren leben Asylbewerber weitgehend abgeschottet von der Gesellschaft. Sie sollen dort wohnen bleiben, bis ihr Fall entschieden ist. Alles soll schneller gehen. Das System aber ist voller humanitärer und organisatorischer Widersprüche.

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System Ankerzentrum - Zwischen Integration und Abschiebung

Seit dem Sommer 2018 sollen alle ankommenden Asylbewerber in sogenannten Ankerzentren untergebracht werden. Hier wird das gesamte Asylverfahren abgewickelt. Doch das System bringt Probleme mit sich - für die Flüchtlinge wie für die Gesellschaft.

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Seit August 2018 sollen alle ankommenden Asylbewerber in sogenannten Ankerzentren untergebracht werden. So hat es die Große Koalition auf Druck der CSU beschlossen. In Bayern gibt es in allen sieben Regierungsbezirken einen "Anker", wie die Behörden die Einrichtungen kurz und knapp nennen.

Blaupause Bamberg

In Bamberg ist das Konzept bisher am weitesten entwickelt. Auf dem Gelände einer ehemaligen US-Kaserne leben derzeit 1.248 Menschen, darunter 280 Kinder und Jugendliche. Alle wichtigen Behörden sind vor Ort.

"Wir managen hier eigentlich eine kleine Stadt." Stefan Krug, Regierung von Oberfranken

Das Regiment in dieser kleinen Stadt führt die Regierung von Oberfranken gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf. Die Asylverfahren sollen innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden. Das sei leicht zu schaffen, wenn die Asylbewerber aus sogenannten sicheren Herkunftsländern kommen, sagt Felizitas Graute vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. In Bamberg aber sind zum Beispiel viele Iraner untergebracht. Und in solchen Fällen sei die Sache oft komplizierter.

"Wir versuchen, die Verfahren zu verkürzen auch im Interesse der Antragsteller, aber da, wo wir wirklich unsere Zeit brauchen, um wirklich den Sachverhalt hundertprozentig aufzuklären, da haben wir die Zeit, die wir auch brauchen." Felizitas Graute, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Nicht immer geht es schnell

Auch im Fall von Amir T. dauert es. Er wartet bereits seit rund einem Jahr auf die Entscheidung seines Asylantrags. Am Anfang dagegen ging alles schnell - zu schnell, findet der Iraner.

"Wenn du ankommst, bist du müde und innerlich noch ganz mit dem Weg, den du gekommen bist, beschäftigt. Manche haben Dschungel oder Flüsse durchquert oder waren auf Lastwagen, was auch immer. Nach wenigen Tagen hast du dein Haupt-Interview. Und nach etwa einer Woche bekommst du deinen Bescheid. Meistens eine Ablehnung und dann beginnt dein langes Leben im Ankerzentrum." Amir T., Asylbewerber

Jede Nacht Abschiebungen

Nicht nur er, sondern noch hunderte andere Asylbewerber müssen bis zu einem Jahr und länger im Ankerzentrum verbringen. Wenn sie gegen die Ablehnung klagen, kann es manchmal Jahre dauern, bis das Verwaltungsgericht ihren Fall endgültig entscheidet. Das zermürbt.

"Das Leben im Ankerzentrum ist voller Stress. Wenn die Polizei wegen der Dublin-Abschiebungen kommt, sind alle total gestresst. Die Polizei trennt Familien, und dann schreien die Leute und weinen und jeder kommt aus den Zimmern oder ans Fenster, um zu schauen, was da los ist. Das raubt dir den Schlaf. Jede Nacht Polizei. Jede Nacht." Amir T., Asylbewerber

Wenig Selbstbestimmung

Auch können die Bewohner der Ankerzentren nicht selbst kochen, sondern müssen in einer Kantine zu festen Essenszeiten essen. Elektrische Geräte wie Wasserkocher sind verboten. Zimmer dürfen nicht abgesperrt werden. Es gibt keine Arbeitsgenehmigungen für Jobs außerhalb des Ankerzentrums. Außerdem sind die Bewohner ständig von Sicherheitsdiensten umgeben. Allein die Regierung von Oberbayern gibt pro Monat 2,9 Millionen Euro für die Rund-Um-die-Uhr-Bewachung der Anker-Einrichtungen in Manching-Ingolstadt und den weiteren Dependancen aus.

"Tal der Ahnungslosen"

Auch gibt es in den Ankerzentren keine unabhängige Rechtsberatung. Die Münchner Asyl-Anwältin Anna Frölich bietet deshalb in der Ingolstädter Innenstadt mit anderen Rechtsanwälten einen kostenlosen Beratungstermin an – ehrenamtlich.

"Ich bin jedes Mal entsetzt, wie wenig die Leute wissen. Die Flüchtlinge im Ankerzentrum leben im Tal der Ahnungslosen.“ Anna Frölich, Rechtsanwältin

Gefährliche Isolation

Es ist diese Isolation von der Gesellschaft, die auch Ulrike Tontsch vom Bamberger Verein "Freund statt fremd" Sorge bereitet. Denn nicht nur die Flüchtlinge kommen kaum in Kontakt mit der einheimischen Gesellschaft, sondern umgekehrt sind die Massenunterkünfte für Einheimische abschreckend.

"Eine so große Masse an Menschen macht auch Angst. Es verstärkt die Ausländerfeindlichkeit zum Teil, insbesondere in der Umgebung einer solchen Einrichtung. Das hat sich ja bei den Wahlen sehr deutlich gezeigt. Wir haben Ergebnisse der Wahlen, die genau das widerspiegeln.“ Ulrike Tontsch, Verein Freund statt fremd

Sie hält die Ankerzentren deshalb für kontraproduktiv und findet, Asylbewerber seien in dezentralen Unterkünften besser aufgehoben.

Bayern will Ankerzentren weiterentwickeln

Innenminister Joachim Herrmann ist dennoch von dem Konzept überzeugt. Im Mittelpunkt steht für ihn, dass die Behörden jetzt alle unter einem Dach sind.

"Auf dieser Basis wollen wir diese Einrichtungen jetzt auch weiterentwickeln und zum Teil besser einrichten, zum Beispiel was die Kinderbetreuung anbetrifft oder was die Situation von alleinstehenden Frauen, die vielleicht von Gewalt bedroht sind, anbetrifft. All dem muss man dann in der besonderen Ausstattung der Einrichtung gerecht werden.“ Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister
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Bayern hat als erstes Bundesland Ankerzentren für Flüchtlinge eingerichtet. Die Zentren machten Asylverfahren schneller, sagen Befürworter. Gegner kritisieren, die Gewaltbereitschaft würde in den Zentren steigen. Kontrovers blickt hinter die Mauern.

💡 Was ist ein Ankerzentrum?

Das Wort "Anker" steht für für An(kunft), k(ommunale Verteilung), E(ntscheidung) und R(ückführung). Um diese Aufgaben zu bewältigen, sollen vier Institutionen in den Ankerzentren eng vernetzt miteinander arbeiten: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die Bundesagentur für Arbeit, Jugendämter sowie Ausländerbehörden und Verwaltungsgerichte. Kurze Wege sollen Verfahren beschleunigen. Die Aufgaben werden gebündelt erfüllt.

Zunächst wird die Identität der Flüchtlinge festgestellt. Nach der Altersbestimmung werden unbegleitete Minderjährige durch Jugendbehörden in Obhut genommen. Erwachsene bleiben in den Anker-Einrichtungen.

Der Aufenthalt in den Ankerzentren soll in der Regel maximal 18 Monate dauern, bei Familien mit minderjährigen Kindern sechs Monate. Laut Koalitionsvertrag sollen nur noch diejenigen auf die Kommunen verteilt werden, für die eine positive Bleibeprognose bestehe. Alle anderen sollen aus den Ankerzentren in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.

Insgesamt gibt es sieben Anker-Einrichtungen in Bayern:

- Oberbayern: Manching/Ingolstadt

- Niederbayern: Deggendorf

- Oberpfalz: Regensburg

- Mittelfranken: Zirndorf

- Unterfranken: Schweinfurt

- Schwaben: Donauwörth