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Suchtgefahr bei Sportwetten: Experten schlagen Alarm | BR24

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Wettbüro von Tipico (Symbolbild)

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Suchtgefahr bei Sportwetten: Experten schlagen Alarm

Sportwetten können süchtig machen - vor allem die Live-Variante im Internet. Experten kritisieren, dass gerade im Fußball die Werbung für Glücksspiel zunimmt. Dazu kommt: Ein Teil des Geschäfts ist den Aufsichtsbehörden zufolge illegal.

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Fünf Männer sitzen in einem Stuhlkreis in der Suchtberatungsstelle der Caritas in Landsberg am Lech. Sie alle sind glücksspielsüchtig beziehungsweise seit einiger Zeit spielfrei. Einer von ihnen ist gerade einmal 26 Jahre alt und erzählt, dass er sogar schon im Gefängnis saß, weil er als Bankmitarbeiter Geld abgezweigt hat, um auf Sportereignisse zu wetten.

Süchtig nach Sportwetten: "wirtschaftlich ruiniert“

Ein anderer, auch erst 25, bricht in Tränen aus. Er habe am Wochenende einen Rückfall gehabt, erzählt er.

"Ich habe am Samstag leider wieder angefangen. Um 11 Uhr abends. Online-Sportwetten, bis um vier Uhr morgens habe ich durchgespielt. 2.000 Euro verspielt." Sportwetten-Süchtiger

Die anderen bauen ihn auf. "Glaub' an Dich“, sagt Ernst Forstner. Er ist der einzige, dessen Namen wir nennen dürfen.

"Man stellt halt dann fest, dass man kein Gewinner ist, weil man sich selber wirtschaftlich ruiniert. Man verliert sehr viel - Ehe, Partnerschaften, Freunde, die Arbeitsstelle." Ernst Forstner zu Glücksspielsucht

Zum Thema Sportwetten und Spielsucht fehlt es an Studien. Und exakte Zahlen zu den Betroffenen gibt es nicht, heißt es von der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern.

Suchtberatungsstellen schlagen Alarm

Doch die Beratungsstellen in Bayern beobachten einen gefährlichen Trend: Allein unter den Spielsüchtigen, die sich in den Beratungsstellen in Bayern melden, sei der Anteil der Sportwetten-Teilnehmer schon auf knapp über 13 Prozent gestiegen, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht. Vor allem der Online-Bereich sei problematisch. Deshalb fordert Landgraf eine stärkere Regulierung.

"Wir plädieren dafür, dass Werbung für Sportwetten, für Glücksspiele stark eingeschränkt wird." Konrad Landgraf, Landesstelle Glücksspielsucht Bayern

Ursache für die steigende Zahl der Wettsüchtigen ist für Landgraf das gigantische Sportwettenangebot im Internet und die Möglichkeit, online rund um die Uhr auf so ziemlich jedes Sportereignis zu wetten.

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100 Euro Bonus, 150 oder noch mehr: Mit hohen Boni locken sie zum Zocken, die Anbieter von Sportwetten. Aber Achtung: Wer's wagt, riskiert viel.

Live-Wetten rund um die Uhr

Früher hat man seinen Tippschein für die Spiele der Fußball-Bundesliga am Wochenende ausgefüllt und gewartet, was passiert. Heute kann man online quasi auf alles tippen: Tennis, Basketball, Cricket. Oder: Wer schießt das erste Tor in der 1. Fußballliga des Oman beim Spiel Al Aruba gegen Muscat? Welches Team erzielt den sechsten Punkt im vierten Satz beim Spiel zwischen Severyanka Cherepovets-3 gegen Tulitsa-2 Tula im russischen Frauen-Volleyball?

Gerade die Live-Wetten seien das Problem, sagt Tobias Hayer, Diplom-Psychologe an der Universität Bremen und einer der Experten auf dem Gebiet.

"Das hat eine ganz andere Spiel-Geschwindigkeit, wir nennen das Ereignis-Frequenz. Das kickt viel mehr. Entsprechend ist auch das Suchtpotenzial höher." Tobias Hayer, Diplom-Psychologe

Überall Werbung für Sportwetten

Ein weiteres Problem ist aus Sicht der Suchtexperten die allgegenwärtige Werbung.

Logos von Wettanbietern im Stadion, an der Bande, auf den Trikots, auf der Homepage der Vereine und Verbände, im Fernsehen. Und das in verschiedenen Sportarten: Eishockey, Basketball, Volleyball, vor allem aber eben im Fußball.

Fast jeder Verein der Bundesliga wird inzwischen von einem Sportwettenanbieter gesponsert.

Konrad Landgraf von der Landesstelle Glücksspielsucht kritisiert hier vor allem die Deutsche Fußball Liga DFL und den FC Bayern München für deren Werbe-Partnerschaft mit dem Wettanbieter Tipico. Weil Tipico auch Online-Casino-Spiele wie Black Jack und Poker anbietet. Die sind nach deutscher Rechtssprechung verboten.

"Das sehen wir sehr problematisch, weil hier natürlich einem illegalen Glücksspiel das Deckmäntelchen der Legalität gegeben wird." Konrad Landgraf, Landesstelle Glücksspielsucht Bayern

Tipico bestreitet auf Anfrage nicht, im Internet auch Online-Casino-Spiele anzubieten. Das Unternehmen sieht darin aber nichts Verbotenes und beruft sich auf Urteile des Europäischen Gerichtshofs.

Unübersichtliche Rechtslage: Verbot von Online-Casinos umstritten

Das Bundesverwaltungsgericht hatte allerdings schon 2017 geurteilt, dass Online-Casinos und Online-Poker-Angebote in Deutschland illegal sind. Allerdings ist die Rechtslage unübersichtlich, weil nicht in allen Bundesländern die gleichen Regeln gelten.

"Abgesehen von der Sondersituation in Schleswig-Holstein ist die Veranstaltung von Casinospielen im Internet in Deutschland verboten." Bayerisches Innenministerium

Das Bayerische Innenministerium bekräftigt zwar das Verbot von Online-Casinospielen, weicht aber bei der Frage aus, weshalb Tipico Online-Casinospiele in Bayern anbieten kann.

Wer auf der FC-Bayern-Seite auf das Logo von Tipico klickt, kommt zunächst zu den Sportwetten, aber von dort aus weiter auf die Online-Casino-Seite des Anbieters.

Fußballvereine im Visier der Aufsichtsbehörden

Nach Informationen der ARD-Radio-Recherche Sport sind inzwischen mehrere Fußball-Bundesligisten, darunter Dortmund, Bremen, Köln und Düsseldorf ins Visier der Aufsichtsbehörden geraten, weil sie Werbung für einen Wettanbieter machen, der nicht nur Sportwetten im Angebot hat, sondern auch Online-Casinospiele.

Einige Vereine sollen durchaus konstruktiv reagieren. Zwei Verfahren wurden demnach wieder eingestellt. Eines davon offenbar gegen Fortuna Düsseldorf, das auf Wunsch der Aufsichtsbehörde seinen Online-Auftritt angepasst hat.

Ob Tipico oder der FC Bayern auch schon von den Aufsichtsbehörden kontaktiert wurden, wollen weder das Wettunternehmen noch der Verein beantworten.

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Sportwetten, vor allem live im Internet, können süchtig machen. Experten kritisieren, dass gerade im Fußball die Werbung für Glücksspiel zunimmt. Dazu kommt: Ein Teil des Geschäfts ist den Aufsichtsbehörden zufolge illegal.