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Studium statt Gartenarbeit: Immer mehr Senioren an der Uni | BR24

© picture alliance/Waltraud Grubitzsch

Geisteswissenschaften wie Geschichte sind besonders beliebt bei Seniorenstudenten (Symbolbild)

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    Studium statt Gartenarbeit: Immer mehr Senioren an der Uni

    Nach der Rente legen viele Senioren nochmal richtig los – an der Uni. Schätzungsweise 55.000 Seniorenstudenten sitzen derzeit bundesweit in Vorlesungen und Seminaren. Weil wir immer älter werden, wird auch der Anteil der Rentner an den Unis wachsen.

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    Manfred Strobl ist früh dran: noch eine halbe Stunde, bis seine Vorlesung zur Französischen Revolution bei Professor Mark Hengerer beginnt. Der Hörsaal ist fast leer. Der 77-Jährige setzt sich in die zweite Reihe und packt seine Thermoskanne aus. Jeden Tag fährt er mit dem Zug von Pfaffenhofen nach München, um an der Ludwig-Maximilians-Universität zu studieren – er sei ein Fanatiker, sagt er und lacht.

    Drei Vorlesungen am Stück: Senioren wollen Lernen

    "Weil ich mich betätigen will und die Gartenarbeiten mich nicht so ausfüllen, auch nicht, auf die Enkel aufzupassen", sagt Strobl. Es interessiere ihn einfach. "Ich habe Maschinenbau studiert und jetzt suche ich was ganz anderes."

    Die Kommilitonen, ob jung oder alt, sind Nebensache. Strobl ist zum Lernen hier. Im Anschluss an die Vorlesung zur Französischen Revolution besucht er noch zwei weitere Vorlesungen: eine zum Faschismus und eine zur Ukrainische Landeskunde.

    Geisteswissenschaften besonders beliebt bei Seniorenstudenten

    Inzwischen ist der Hörsaal voll. In den ersten Reihen sitzen fast ausschließlich Senioren. Geisteswissenschaften wie Geschichte sind besonders beliebt bei den späten Studenten. Damit es mit den jungen Regelstudenten keinen Streit um die Plätze gibt, mahnt Professor Mark Hengerer zu Beginn jeder Vorlesung, nicht zuerst die Randplätze zu besetzen. Und er begrenzt die Zahl der Seniorenstudenten in seinen Veranstaltungen.

    "Wenn es mehr als 50 Prozent Seniorenstudenten sind, beschweren sich manche von den Jüngeren bei der Hochschulleitung und die Stimmung kippt manchmal", berichtet Hengerer. Bis zu einem Drittel würde aber noch passen.

    Seniorenstudenten können mit Lebenserfahrung Bereicherung sein

    Wenn die Alten nicht in der Überzahl seien, empfände der Geschichtsprofessor sie sogar als Bereicherung: "Sie sind hellwach dabei, bringen ihre ganze Lebenserfahrung mit, nehmen rege an Diskussionen teil." Außerdem seien in den Geisteswissenschaften die regulären Studentenzahlen auf Grund der demografischen Entwicklung, den Mietpreisen in München und der unklaren Berufsaussichten eher rückläufig.

    Und die jungen Studenten selbst? Sie sitzen, anders als die Älteren, nicht zum Vergnügen in der Uni. Sie brauchen Scheine, müssen Prüfungen schreiben. Dennoch äußern sie Verständnis: Jeder habe ein Recht auf Bildung, die Wortbeiträge der Senioren seien oft spannend, weil so viel Erfahrung dahinterstecke, das sei eine Bereicherung. Und höflich seien die älteren Studenten auch.

    Seniorenstudenten zahlen zwischen 100 und 300 Euro pro Semester

    Etwa 2.000 Seniorenstudenten sind offiziell am Münchner Zentrum Seniorenstudium eingeschrieben. Sie bezahlen zwischen 100 und 300 Euro pro Semester und dürfen dafür so viele Vorlesungen und Kurse besuchen wie sie wollen.

    Das Münchner Zentrum Seniorenstudium ist eine Besonderheit in der bayerischen Uni-Landschaft: Es regelt, welche der normalen Vorlesungen und Seminare die Seniorenstudenten besuchen dürfen und bietet dazu ein breites Angebot an Veranstaltungen extra für Senioren an. Sogar ein eigenes Vorlesungsverzeichnis gibt es.

    Mehr als die Hälfte selbst Akademiker

    Deutlich mehr als die Hälfte der Seniorenstudenten sind Akademiker. Der Rest hat überwiegend Abitur – auch wenn das kein Muss ist. Zur Hochschulreife können zum Beispiel auch abgeschlossene Berufsausbildungen führen.

    Seniorenstudentin Gabriele Urban findet, das Seniorenstudium sollte jedem offen stehen, Hochschulreife hin oder her. Sie selbst hat ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, zum Studium hatte sie nie eine Gelegenheit. Mit dem Seniorenstudium geht für sie ein Traum in Erfüllung. Sie ist jetzt im dritten Semester, ein bisschen Biologie, ein bisschen Antike – sie interessiert sich für vieles. Sogar im Senioren-Unichor singt sie schon mit.

    "Es war erstmal total spannend, etwas ganz anderes zu machen nach dem Beruf." Gabriele Urban, Seniorenstudentin

    Extra Vorlesungen nur für Seniorenstudenten

    Die späte Studentin will an diesem Tag eine Vorlesung zum Thema "Ernährung" im Fachbereich Biologie besuchen, eine Vorlesung nur für Senioren. Die Dozentin ist die Professorin Elisabeth Weiss, die Direktorin des Münchner Zentrums Seniorenstudium. Weiss ist selbst schon 71 Jahre alt und aus dem regulären Lehrbetrieb ausgestiegen. Und sie genießt die Vorlesungen mit den gleichaltrigen Hörern.

    "Für mich ist das ein Miteinander. Die Studenten verfügen ja über ein ganz breites Wissen, da gestaltet sich die Vorlesung einfach anders als bei jungen Regelstudenten", sagt Elisabeth Weiss. Sie versuche aber immer, eine Balance zu finden: "Wissenschaftlichen Anspruch, aber so, dass man auch ohne fachspezifische Vorbildung folgen kann."

    Nicht nur Lernen, sondern auch neue Freundschaften knüpfen

    Nach der Vorlesung bilden sich Grüppchen, wie bei den jungen Studenten. Hansjörg Schreitmüller, Cläre Forster und noch ein paar andere gehen zum ersten Mal zusammen einen Kaffee trinken. Cläre Forster, 83, studiert seit 19 Jahren, seit sie und ihr Mann ihre Apotheke aufgegeben haben. Und nach dem Tod ihres Mannes hat sie beim Studium vor sieben Jahren ihren Freund kennengelernt. Auch das ist Seniorenstudium.

    Oder, wie Seniorenstudent Hansjörg Schreitmüller, 79, es ausdrückt: "Es ist für mich eine Riesenbereicherung, eine Bereicherung für den Kopf, aber auch für die Seele. Mein Leben ist dadurch bunter, lebhafter und schöner geworden."