Unter den Augen der erfahrenen Hebamme Anne Braun Springer tastet Hebammen-Studentin Eva Maria Leitner den Bauch von Sabrina Schuhmann ab. Das Kind liegt gut, alle Anzeichen deuten darauf hin: es kann jetzt jeden Tag soweit sein. Anne Braun-Springer fragt nach dem Fundusstand, die junge Studentin soll anhand der Bauchmaße das Gewicht des Kindes schätzen. Ruhig und sicher beantwortet die junge Studentin alle Fragen.
Theoretisches Wissen wird in der praktischen Anwendung umgesetzt
Vier Semester Studium hat Eva Maria Leitner schon hinter sich, an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Den Berufswunsch Hebamme hatte sie schon, als sie klein war. Dass sie jetzt zu den ersten in Bayern gehört, die diesen Beruf studieren, freut die 21-Jährige besonders.
In den ersten vier Semestern gab es erstmal viel theoretischen Input, dann Übungen am Modell, in den Simulationsräumen an der Hochschule. Jetzt ist die Wittislingerin für zwölf Wochen hier am Dillinger Hebammenhaus, um "echte" praktische Erfahrungen zu sammeln: "Wir lernen an der Uni am Modell, aber es ist was ganz anderes, wenn man eine Frau vor sich hat, die ein Kind in sich trägt, als eine Mitstudentin, die einen Stoffrucksack mit Puppe hat."
Von der Erfahrung der älteren Kolleginnen profitieren
Auch Elisabeth Dischler aus Bergheim hat im Hebammenhaus Praktika absolviert und wird nach Abschluss ihres Studiums hier als Hebamme arbeiten. Sie profitiere sehr von ihren vier erfahrenen Kolleginnen: Jede habe ihr Spezialgebiet, ob Akupunktur, Stillberatung oder Geburtsvorbereitungskurse.
"Ich bin unglaublich froh, dass ich in so ein Hebammenteam reinwachsen durfte. Ich habe die ein oder anderen Mitstudenten, die mich beneiden", sagt Dischler. "Dass es hier dieses Team gibt, das sich die Studenten heranzieht, sich für Ausbildung einsetzt und dass ich als Hebamme starten darf, das ist unglaublich schön."
Weil Bayern später dran ist: Zum Studium nach Baden-Württemberg
Ihr Examen hat die 24-Jährige bereits bestanden, darf sich also schon "Hebamme" nennen, jetzt macht sie noch den Bachelor. Weil sie nicht warten wollte, bis es den Studiengang auch in Bayern gibt, hat sie sich an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg eingeschrieben.
Dort gibt es das Fach schon etwas länger. Insgesamt aber, sagt Hebamme Anne Braun-Springer, hinke Deutschland im europäischen Vergleich hinterher: In anderen Ländern sei die Akademisierung des Berufs schon weit fortgeschritten. Die Folge: Es seien zahlreiche, für den Beruf wichtige Studien im Ausland entstanden.
Da sei es jetzt von großem Vorteil, dass die angehenden Hebammen meist Abitur hätten und gut Englisch könnten. Im Unterschied zu früheren Hebammenschülerinnen könne sie in der Zusammenarbeit mit ihnen auf ein breiteres wissenschaftlich fundiertes Wissen zurückgreifen. Die jungen Studenten und Studentinnen wüssten, wie man recherchiert, fänden immer wieder Quellen auch über das altbewährte Standardwerk, die "Hebammenkunde" hinaus.
Hebammen forschen für Hebammen
An den Hochschulen unterrichten neben Ärzten auch viele Hebammen. Dementsprechend habe man die Inhalte angepasst, auch in den gut 2.000 Stunden praktische Ausbildung: Die angehenden Hebammen verbrächten jetzt mehr Zeit im Kreißsaal, auf der Kinderstation oder beim Wochenbett als etwa bei gynäkologischen Operationen.
Auch hinsichtlich der Datenlage tue sich einiges, da jetzt Hebammen für Hebammen forschten. Während Ärzte oft pathologische Befunde zur Grundlage ihre Studien machten, also Abläufe, die nicht der Normalität entsprächen, sei es für Hebammen wichtig, die Physiologie der Geburt mit Daten zu untermauern, erklärt Hebamme Carmen Veh, die ebenfalls im Dillinger Hebammenhaus arbeitet. Was spricht dafür, dass eine Geburt normal verläuft? Wie sehen die normalen Abläufe bei einer Geburt aus? Eine erfahrene Hebamme weiß das. Dieses jahrhundertelang gesammelte Wissen kann jetzt mit gezielten Studien mit Daten und Fakten untermauert werden.
Studienstart an mehreren Orten in Bayern geplant
Die Akademisierung des Berufs ist seit 2020 beschlossene Sache: Am 1.1.2020 ist das neue Hebammengesetz in Kraft getreten. 2023 wird der letzte Hebammenkurs an Hebammenschulen starten, dann wird es nur noch den Studiengang geben. Momentan sind knapp 100 Studierende in Bayern in dem Fach eingeschrieben, an der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg und der Katholischen Stiftungshochschule in München.
An der Augsburger Uniklinik will man den Studiengang ab dem Wintersemester 2023/2024 anbieten, auch in Würzburg soll es dann losgehen. An der Technischen Hochschule Nürnberg, der Uniklinik Erlangen und der Hochschule Coburg kann man sich bereits für das kommende Wintersemester bewerben, der Start an der Technischen Hochschule in Aschaffenburg ist zum Wintersemester 2022/2023 geplant, ebenso an der Hochschule Landshut. Bereits seit einem Jahr gibt es dort einen weiterqualifizierenden Studiengang für bereits examinierte Hebammen.
Beruf Hebamme ist wieder attraktiv geworden
Die Dillinger Hebamme Anne Braun-Springer ist überzeugt, dass der Beruf dadurch an Attraktivität gewonnen habe. Bereits jetzt sei die Nachfrage nach Praktika gestiegen. Genug Hebammen werde es wohl aber nie geben, sagt sie und schmunzelt: Das liege wohl daran, dass Hebammen einfach selber viel zu gerne Kinder bekommen würden.
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