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Studie: Sozial-Verbände haben enorme Wirtschaftskraft | BR24

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Mit knapp 450.000 Beschäftigten ist die Sozialbranche in Bayern größer als die Automobilindustrie.

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Studie: Sozial-Verbände haben enorme Wirtschaftskraft

AWO, Diakonie, Caritas: Die bayerische Sozialbranche erwirtschaftet jährlich mehr als 20 Milliarden Euro - und ist damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land, wie eine Studie nun belegt. Doch viele Beschäftigte wünschen sich mehr Anerkennung.

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Den Vertretern der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern geht es vor allem um Wertschätzung. Sie möchten wertgeschätzt werden für das, was die Sozialbranche hierzulande leistet. Mit rund 445.000 Beschäftigten schafft sie mehr Arbeitsplätze im Freistaat als etwa die Automobilindustrie und ihre Zulieferbetriebe. Krankenhäuser sind in diese Zahl noch nicht mit eingerechnet.

Meyer: Söder war bisher nicht zu Gesprächen mit uns bereit

Auch das Beschäftigungswachstum ist mit rund 17 Prozent höher als in der bayerischen Leitindustrie. Außerdem werden in der Branche, zu der Pflegeeinrichtungen und Kindertagesstätten zählen, jährlich brutto mehr als 20 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Das belegt eine Studie zur Sozialwirtschaft Bayern 2020, die von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern in Auftrag gegeben worden war. Diese zeige, dass die Verbände nicht nur Bittsteller seien, meint Brigitte Meyer, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Roten Kreuzes. Stattdessen nähmen sie auch Aufgaben wahr, die sie im Wirtschaftsunternehmen Bayern zu einem wichtigen Spieler machten. Außerdem zeige es, wie Meyer betont, "dass wir nicht nur Geld brauchen, sondern auch Geld bringen mit unserer Leistung." Enttäuscht zeigte sie sich von Ministerpräsident Markus Söder, der - anders als seine Vorgänger - bislang zu keinem Gespräch mit der Landesarbeitsgemeinschaft bereit gewesen sei.

Enormer Fachkräftemangel in Sozialbranche

Auch Landescaritasdirektor Bernhard Piendl wünscht sich mehr Wertschätzung für die Sozialbranche, in der zusätzlich 120.000 Menschen in Bayern ehrenamtlich tätig sind. Er betont, der Wert der Sozialwissenschaft könne nicht nur in Geld gemessen werden: "Wenn es sozial in einer Gesellschaft stimmt und das Gefühl herrscht, dass es zumindest halbwegs gerecht zugeht, dann ist das die entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft auch prosperieren kann."

Der Nebeneffekt: Genau die Branchen die wachsen, brauchen Nachwuchs und Fachkräfte. Und die fehlen in den sozialen Berufen. Unattraktive Arbeitszeiten und eine schlechte Bezahlung halten Menschen davon ab, sich für diese Branche zu entscheiden. Meist sind es Frauen - doch sie arbeiten häufig in Teilzeit. Zudem müssen aufgrund der steigenden Lebenserwartung in den nächsten Jahrzehnten deutlich mehr Menschen gepflegt werden - etwa ein Viertel der Beschäftigten im Sozialsektor geht jedoch in den kommenden Jahren in Rente. Schon jetzt sind in den Einrichtungen viele Stellen nicht besetzt. "Wir müssen sehr sehr viel Engagement zeigen, um Nachwuchskräfte zu gewinnen und das ist außerordentlich schwierig", meint Piendl.

Aiwanger für höhere Sozialabgaben

Die Vertreter der freien Wohlfahrtspflege fordern eine bessere Bezahlung der Beschäftigten und noch mehr Ausbildungsplätze. Doch das müsste beispielsweise in der Pflege finanziell auf die Patienten umgelegt werden. Höhere Sozialabgaben hält Piendl nicht für ausgeschlossen - fordern will er sie aber noch nicht, da dies eine Mehrbelastung für Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber bedeuten würde.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) spricht sich auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks für eine Erhöhung von Sozialabgaben - etwa für Kranken- und Pflegeversicherung - aus und appelliert insbesondere an die Unternehmen: "Ich bin der Überzeugung, dass höhere Sozialabgaben der Wirtschaft sogar nutzen, weil die Alternativen schlechtere sind. Wenn wir kein gut ausgebautes Kitasystem haben, können junge Mütter nicht zur Arbeit gehen, wenn wir die Senioren nicht pflegen, dann können viele nur Teilzeit arbeiten und fallen als Arbeitskräfte weg." Die Wirtschaft müsse erkennen, dass die sozialen Dienste ihre Partner und nicht ihre Widersacher und Kostentreiber seien. Oder wie es die Vertreter der freien Wohlfahrtspflege ausdrücken: "Wir sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor."