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Strukturwandel in Bayern: Automobilindustrie unter Druck | BR24

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In Bayern haben große Arbeitgeber Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen angekündigt. Wie geht es nun an diesen Standorten weiter? Was bedeutet der Umbau für Menschen, die um ihren Job fürchten? Unterwegs in Sonthofen, Roding und Bamberg.

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Strukturwandel in Bayern: Automobilindustrie unter Druck

In Bayern haben große Arbeitgeber Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen angekündigt. Wie geht es nun an diesen Standorten weiter? Was bedeutet der Umbau für Menschen, die um ihren Job fürchten? Unterwegs in Sonthofen, Roding und Bamberg.

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Sonthofen im Allgäu: Hier produziert Getriebehersteller Voith Turbinen für Kraftwerke. Es ist der größte Arbeitgeber in der 21.000 Einwohner-Stadt. Über 500 Angestellte arbeiten hier. Viele davon könnten bald arbeitslos sein. Das Werk soll in wenigen Monaten geschlossen werden, maximal 150 Angestellte sollen künftig noch im "Büro Allgäu" arbeiten. Voith begründet die Werksschließung damit, Kosten sparen zu wollen, indem sich die Produktion auf "weniger, dafür aber schlagkräftigere Standorte" konzentriert.

"Da sind sämtliche Gefühlslagen durch die Mitarbeiter gegangen. Manche waren sogar den Tränen nahe, was auch verständlich ist, weil sie einfach langjährige Mitarbeiter und mit der Firma sehr verbunden sind." Bastian Daschner, Industriemechaniker bei Voith

Bastian Daschner trifft der drohende Jobverlust hart. Im Dezember ist er Vater einer kleinen Tochter geworden. Für die junge Familie hat er gerade sein Elternhaus für viel Geld aufwendig umgebaut. Das war, bevor er von der drohenden Werksschließung wusste.

"Das war alles aus heiterem Himmel. Das war nicht absehbar, dass in nächster Zeit so etwas kommen könnte." Bastian Daschner, Industriemechaniker bei Voith

Drohende finanzielle Ungewissheit

Ein Wechsel an andere Voith-Standorte sei möglich, heißt es. Doch das ist für Bastian Daschner nur schwer vorstellbar. Denn die Werke sind weit weg - und er ist in der Region verwurzelt. Für ihn heißt das: Existenzangst und drohende finanzielle Ungewissheit. Hoffnungslos ist die Lage aber nicht: Mit 2,4 Prozent ist die Arbeitslosenquote im Allgäu gering. Bei der zuständigen Arbeitsagentur in Kempten haben sich bereits besorgte Voith-Mitarbeiter gemeldet.

"Wir haben im Allgäu eine Vielzahl von offenen Stellen gemeldet, im Moment circa 6.000 offene Stellen in unserer Region. Da ist auch im gewerblich-technischen Bereich sehr viel dabei. Und die Chancen stehen in der Region gut, die entsprechenden Personen, die arbeitslos werden sollten, vermitteln zu können." Maria Amtmann, Arbeitsagentur Kempten

Immerhin: Noch gibt es Hoffnung für den Standort Sonthofen. Die IG Metall Allgäu verhandelt noch mit Voith. Eine endgültige Entscheidung soll Ende Februar fallen.

Strukturwandel hin zur Elektromobilität - ohne Standort Roding

Ortswechsel: Roding in der Oberpfalz. Vitesco, eine Tochter von Automobilzulieferer Continental, hat im Herbst angekündigt, das Rodinger Werk zu schließen. Vitesco will auf Elektromobilität umstellen, das Rodinger Werk aber baut Pumpen für Verbrennungsmotoren. Alle 540 Stellen sollen deshalb am Standort Roding wegfallen. Und das in einer Stadt mit nur 12.500 Einwohnern. Weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität – das ist die nahe Zukunft. Aber warum nicht aus dem Rodinger Werk?

Ein Interview möchte keiner der Verantwortlichen geben, schriftlich heißt es nur: "Die geplanten Maßnahmen sind notwendig, um die Zukunftsfähigkeit und die globale Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens mit über 40.000 Mitarbeitern zu sichern." Die Stimmung unter den Mitarbeitern von Vitesco ist mies. Jobs gibt es zwar in der Region, aber wenige mit ähnlichen Konditionen. Viele haben Zukunftsängste:

"Jeder hat sein Schicksal zu tragen: Ich zum Beispiel bin alleinerziehender Vater von zwei Kindern und habe ein Haus gekauft vor paar Jahren. Ich muss schauen, dass das Geld reinkommt." Familienvater und Vitesco-Mitarbeiter

Die Mitarbeiter wollen kämpfen um den Standort. Teil sein der Entwicklung Richtung Elektromobilität.

"Wir geben nicht auf. Wir werden weiterkämpfen. Weil wir einfach die Chance verdient haben. Wir in Roding könnten durchaus auch mit neuen Technologien!" Claudia Hecht, Betriebsrätin

Viele glauben, es geht den Managern eigentlich darum, Arbeitsplätze ins billigere Ausland zu verlagern. Beim Konzern heißt es dazu, beim Standort sei auch die Kostenstruktur mitentscheidend. Schon seit Jahren fallen hier Arbeitsplätze weg.

Auch in Roding liegt die Arbeitslosigkeit bei nur zwei Prozent. Aber durch die Werksschließung fallen außer den Arbeitsplätzen auch noch Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommenssteuer weg. Bürgermeister Franz Reichhold will um die Arbeitsplätze kämpfen. 2024 soll das Werk geschlossen werden.

Michelin in Bamberg vor dem Aus

Hallstadt bei Bamberg. Das Werk des französischen Reifenherstellers Michelin schließt bis Anfang 2021. Knapp 860 Mitarbeiter sind davon betroffen. Dabei hatten die Arbeiter auf Geld verzichtet, damit alle deutschen Werke bis Ende 2022 erhalten bleiben können. Doch die angekündigte Schließung soll jetzt schon knapp zwei Jahre früher kommen. Deshalb ist die Stimmung hier besonders schlecht.

"Ich habe jetzt den Gedanken, das Haus zu verkaufen, wenn alle Stricke reißen, und in eine Gegend zu gehen, wo ich Arbeit finde. Hier finde ich nichts mehr." Michelin-Mitarbeiter

Automobilindustrie unter Druck

Eine ganze Industrie gerät ins Wanken - nicht nur bei Michelin. In Bamberg hängen etwa 25.000 Arbeitsplätze an der Automobilindustrie. Auch bei Brose sollen deutschlandweit etwa 2.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Die Bosch-Mitarbeiter sind noch mit einem blauen Auge davon gekommen – sie haben eine Beschäftigungsgarantie bekommen. Trotzdem, die Sorgen sind auch bei Bosch groß. Denn viele Bauteile wie Zündkerzen und Einspritzdüsen werden noch für Verbrennungs-, vor allem Dieselmotoren, hergestellt. In den nächsten sechs Jahren soll das Werk transformiert werden. Wir treffen einige Mitarbeiter nach ihrer Frühschicht. Für sie ist klar, ihre Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

"Der Diesel ist sicherlich nicht tot in sechs Jahren, aber er wird runterfahren und zwar extrem. Und das heißt, wir müssen uns anpassen und schauen, wo wir wieder ein neues Pferd gewinnen können, um den Standort Bamberg zu sichern." Bosch-Mitarbeiter

In Bamberg müssen sich über kurz oder lang viele Automobilzulieferer Gedanken um ihre Zukunft machen.

"Die Auswirkungen des Rückgangs beim Diesel beispielsweise sind so, dass dort, wo heute ungefähr zehn Mitarbeiter beschäftigt sind (…) bei der Elektrifizierung des Antriebstrangs vielleicht nur noch ein Mitarbeiter beschäftigt ist. Deswegen ist es so wichtig, frühzeitig in neue Technologien und in die Qualifizierung der Mitarbeiter zu investieren." Martin Schulz, kaufmännischer Werksleiter Bosch

Das Ringen um die Industrie der Zukunft geht weiter. Der Strukturwandel in der Automobilindustrie könnte ganze Regionen in Bayern verändern.

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