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Stromschlag-Prozess: Angeklagter entschuldigt sich | BR24

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Lebensgefährliche Stromschläge: Falscher Arzt vor Gericht

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    Stromschlag-Prozess: Angeklagter entschuldigt sich

    Im Prozess um lebensgefährliche Stromstöße hat sich der Angeklagte am Münchner Landgericht bei einem seiner zahlreichen Opfer entschuldigt. Gegen ihn wird wegen 88-fachen Mordversuchs verhandelt.

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    Sie setzte einen Löffel unter Strom und steckte einen Nagel in die Steckdose, um sich heftige Elektroschocks zu versetzen. Im aufsehenerregenden Prozess um lebensgefährliche Stromstöße hat sich der 30-jährige Angeklagte am Mittwoch bei einem seiner Opfer entschuldigt. "Ich wollte nur mal sagen, dass das ein moralischer Fehler war und schlecht war", sagte der Mann zu der 27 Jahre alten Studentin aus Berlin, die er per Skype zu den unfassbaren Taten gebracht haben soll. "Ich möchte mich wirklich bei Ihnen entschuldigen."

    Die Frau, die als Nebenklägerin in dem Verfahren um 88-fachen Mordversuch auftritt und als Zeugin gehört wurde, sagte: "Ich finde es stark, dass die Entschuldigung kommt." Zuvor hatte sie geschildert, wie sie durch den Stromschlag, zu dem der falsche Arzt sie für eine angebliche Studie überredet hatte, heftige Schmerzen erlitt: "Ich konnte nicht mehr atmen", so die Frau, die gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt. Laut Anklage hatte der 30-jährige IT-Experte Mädchen und junge Frauen dazu gebracht, sich selbst lebensgefährliche Stromschläge zuzufügen.

    Stromschlag-Aufnahmen im Gerichtssaal vorgeführt

    Während des angeblichen Experimentes sei sie im November 2015 per Skype angewiesen worden, ein "Löffel-Holzlöffel-Kabel-Gedöns" zu bauen. Vor Gericht wurde der Video-Chat gezeigt, den der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft aufgezeichnet hatte, um ihn sich immer wieder anschauen zu können. Darin ist zu sehen, wie die Studentin das angebliche Experiment durchführt und wie sie schreit, als sie einen Stromstoß bekommt. Laut Anklage steckte sie unter anderem auf Anweisung des angeblichen Mediziners einen Nagel in eine Mehrfach-Steckdosenleiste und klemmte ihn zwischen die Zehen.

    Angeklagter gab sich als Wissenschaftler aus

    Der Angeklagte hatte sich als Wissenschaftler "Raik Haarmann" von der Berliner Charité ausgegeben und ihr Geld dafür geboten, damit sie sich selbst im Rahmen einer angeblichen Schmerzstudie Stromschläge zufügte. Die Biologie-Studentin sagte, sie habe Geld gebraucht, außerdem habe der Mann einen seriösen Eindruck auf sie gemacht. Der angebliche Doktortitel des Mannes habe sie beeindruckt. "Ich komme ja selbst aus dem wissenschaftlichen Bereich." Inzwischen sei ihr das alles "peinlich", so die Frau. Gesehen habe die Frau die versprochenen 3.000 Euro nie.

    Verteidigung: Angeklagter ist psychisch krank

    Laut Staatsanwaltschaft soll es den Angeklagten sexuell erregt haben, wenn eine Frau durch einen Stromschlag Schmerzen erleidet. Die Verteidigung geht nach einem Medienbericht dagegen davon aus, dass der Angeklagte psychisch krank ist und lediglich Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen wollte.

    Jüngstes Opfer war erst 13 Jahre alt

    Insgesamt 88 solcher Taten sind angeklagt, das jüngste Opfer war nach Angaben der Ermittler erst 13 Jahre alt. Die Mädchen und jungen Frauen jagten sich bis zu 230 Volt durch den Körper. Sie schnitten Stromkabel ab und hielten sie an ihre Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe, steckten Nägel in Steckdosen oder fassten an Elektrozäune.

    Öffentlichkeit teilweise ausgeschlossen

    Für die Aussage der zur Tatzeit zwischen 2014 und 2018 minderjährigen Opfer hat das Gericht die Öffentlichkeit ausgeschlossen, für die Vernehmung der erwachsenen Opfer aber nicht. Das Gericht folgte damit einem Antrag der Verteidigung.