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Ein altes Baumaterial ist wieder auf dem Vormarsch: Stroh. Noch ist das Bauen mit den duftenden, gelben Halmen zwar Pionieren überlassen - doch in Zeiten des Klimawandels wächst das Bewusstsein für die Chancen des Naturdämmstoffs.

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Stroh statt Styropor? Klimaschonendes Bauen

Ein altes Baumaterial ist wieder auf dem Vormarsch: Stroh. Noch ist das Bauen zwar Pionieren überlassen, doch in Zeiten des Klimawandels wächst das Bewusstsein für die Chancen des Naturdämmstoffs. Ist Stroh der Stein der Zukunft?

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Von
  • Almut Gronauer
  • Claudia Erl

Die Baubranche sucht nach neuen Antworten auf die Klimakrise. Denn ein entscheidender Anteil aller Treibhausgase entsteht durch den Gebäudesektor.

Ökopioniere suchen neue Dämmstoffe

Die Prämisse der letzten Jahrzehnte hieß: Bestandsgebäude müssen gedämmt werden, um Energie zu sparen. Fast schon egal, womit. Das sehen Ökopioniere der Baubranche inzwischen anders. Sie setzen auf Dämmen und Bauen mit Stroh und Holz. Eine Bauweise, die es eigentlich schon seit Jahrhunderten gibt.

Die Vorteile beginnen schon vor dem Hausbau: Das Naturmaterial Stroh ist ein nachwachsender Rohstoff und bindet bereits beim Wachstum Kohlenstoff. Ein Haus aus Stroh und Holz entlastet die Umwelt so um zwölf Tonnen CO2, ein konventionell gebautes belastet sie mit 42 Tonnen. Und erst nach 15 Jahren in Betrieb hat ein Strohhaus die Energie verbraucht, die es allein zum Bau eines herkömmlichen braucht.

Vom nachhaltigen Baustoff gibt es zudem reichlich: In Deutschland bleiben rund 20 Prozent des geernteten Strohs ungenutzt. Damit könnten schon heute 700.000 Häuser gebaut werden.

Ein tolles Wohngefühl

Und wie fühlt es sich an, in einem strohgedämmten Haus zu leben? Die Begeisterung der Bewohner ist spürbar. Sie schwärmen vom neuen und natürlichen Wohngefühl. Dazu dämmt das Stroh das Haus sowohl in Sachen Wärme als auch in Sachen Lärm.

"Wenn Du hineingehst, der Duft vom Holz, das angenehme, warme Gefühl vom Lehm. Das ist das, was uns eigentlich sehr glücklich macht. Man merkt es erst einmal, wenn man woanders schläft und dann wieder daheim schläft: Man hat keinen trockenen Hals, man hat ein angenehmes, ein warmes Gefühl. Ich würde sagen: Wir sind generell entspannter." Andreas Tauer, Bewohner eines Holzstrohhauses in Unterach am Attersee

Vorurteil Stroh

Aber neben den Vorteilen gibt es auch Vorurteile beim Thema Strohbau: Stroh sei brennbar, es schimmle und sei zudem eine Delikatesse für Mäuse. Diese "Kinderkrankheiten" hat das natürliche Baumaterial aber längst überwunden. So wird beispielsweise durch Pressen der Halme die Luft herausgedrückt, das macht die Strohballen feuerfest – ganz ohne Chemie. Erst recht, wenn sie mit Kalk und Lehm verputzt sind. Das haben Brandschutztests bewiesen.

"Stroh hat eine natürliche Silikatschicht außen rum und löscht sich von allein wieder, ohne dass es sich weiter entfacht. Die Platte hat keinen Sauerstoff mehr drin, das heißt, sie ist gebunden, gepresst wie ein Telefonbuch. Daher kann sich nichts mehr weiter entfachen." Johannes Eberlein, Leiter Produktmanagement und technischer Vertrieb, Maxit Group

Teurer – und ohne staatliche Förderungen

Noch gleicht das Bauen mit Stroh allerdings einem Abenteuer. Deutschlandweit gibt es schätzungsweise nur 40 Handwerker, die sich damit auskennen. Und pro Einfamilienhaus ist das Strohhaus um durchschnittlich 10.000 Euro teurer als ein konventioneller Bau.

Eine Förderung vom Staat gibt es derzeit für das ressourcenschonende Bauen mit Stroh nicht. Der Gesetzgeber konzentriert sich schon seit der Ölkrise in den 70er-Jahren einzig auf den Energieverbrauch von Häusern im Betrieb. Die sogenannte "graue Energie", die beim Herstellen des Baustoffs verbraucht wird und beim Entsorgen wird nicht miteinbezogen. Deshalb wird auch weiterhin mit Beton, Zement und Ziegelstein gebaut – und zusätzlich gedämmt.

Es fehlt zudem an einer standardisierten Zulassung der ökologischen Bau- und Dämmmaterialien. Und so haben die Hersteller auf dem Markt schlechtere Karten: Der Aufwand für Zulassungen ist hoch, die oft kleinen Öko-Firmen sind im Nachteil.

Und auch im neuen Gebäudeenergiegesetz gibt es zum Bauen mit ökologischen Baustoffen weder harten Vorgaben noch Anreize. Diese bleiben in die Zukunft verschoben.

Dämmen bleibt wichtig – aber natürlich

70 Prozent aller Häuser, die vor 1978 gebaut wurden, haben nach wie vor keine Fassadendämmung. Um die Klimaziele im Pariser Klimaabkommen 2050 zu erreichen, müsste die Sanierungsquote bei zwei Prozent liegen, derzeit liegt sie bei unter einem Prozent. Das bedeutet: Millionen Hausbesitzer müssen dazu animiert werden, ihre Fassaden nachzudämmen.

Die Dämmung der Bestandsgebäude bleibt also wichtig. Doch das geht auch ökologisch. Es gibt beispielsweise einen neuen Dämmstoff für Altbausanierungen aus minikleinen Glaskügelchen, der aufgespritzt wird und vollständig recycelbar ist. Und es gibt das nachhaltige Pendant zur Styroporplatte: die Strohplatte.

Styropor – zu Unrecht verurteilt?

Doch was ist mit der konventionellen Dämmstoffindustrie? Sie fühlt sich zu Unrecht in die Schmuddelecke gestellt: Styropor verkörpert die Sünden der Vergangenheit wie kaum ein anderes Material. Dabei wurde es – erfunden in den 50er-Jahren - millionenfach verbaut. Bis in die 2000er-Jahre wurde der Stoff aus Erdöl als praktisch und für jeden erschwinglich gefeiert, dann geriet er 2015 unter Beschuss. Die EU verbot die darin enthaltenen giftigen Brandschutzmittel. Die Entsorgung: ein Dauerthema. Der Verband hält dagegen und argumentiert: Durch die Anwendung von Styroporplatten seien in den letzten Jahrzehnten immerhin Tonnen von Treibhausgasen gespart worden, weil sie Heizenergie am Entweichen gehindert haben.

Außerdem habe man die Sünden der Vergangenheit mittlerweile hinter sich gelassen und neue Verfahren erfunden. Man setze nun auf innovatives Recycling: Alle Inhaltsstoffe der neu entwickelten Styropor-Dämmplatten könnten wiederverwertet werden, auch das giftige Brom. Ab Mai soll eine gigantische "Styropor-Waschmaschine" in den Niederlanden anlaufen, 15 Nationen sind beteiligt. Tatsächlich vielleicht eine Lösung für die 3.000 Tonnen europäischer Dämmstoffabfälle jährlich? Die konventionellen Dämmstoffhersteller feiern diesen neuen Styropor als einzigen Dämmstoff, der eine geschlossene Kreislaufwirtschaft hat.

Das hat aber Holz und Stroh auch, sogar noch konsequenter. Stroh ist ein bestechend einfacher, sinnlicher Baustoff. Doch hat er wirklich das Zeug, ein Bau- und Dämmstoff der Zukunft zu werden?

Das Leuchtturm-Projekt "Haus St. Wunibald"

Das Kloster Plankstetten in der Oberpfalz will das größte Strohholzhaus Süddeutschlands bauen. Hinter den 300 Jahre alten denkmalgeschützten Klostermauern soll das neue dreistöckige Haus St. Wunibald entstehen: für Gäste, Pfarrverwaltung und einen Kindergarten. Ein echtes Leuchtturm-Projekt - und ein Vorhaben, das zu den Benediktinermönchen passt: Plankstetten gilt als "grünes Kloster", hier ist man beseelt von der Idee eines schöpfungsnahen, nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen. Gebaut wird dementsprechend mit eigenem Feldstroh, das direkt vor Ort zu Baumaterial verpresst wird. Das Bauholz wird aus den klostereigenen Wäldern gewonnen und bei einem Zimmerer aus der Region verarbeitet.

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