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Streit um Streuobstwiesen: Von Baumhöhen und dicken Stämmen | BR24

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Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. Und deshalb sollen sie auch in Bayern besonders geschützt werden.

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Streit um Streuobstwiesen: Von Baumhöhen und dicken Stämmen

Wann wird eine Streuobstwiese zum Biotop? Darüber diskutieren Landwirte, Naturschützer und Staatsregierung intensiv. Streitpunkt ist die Höhe der Baumstämme. Ein Kompromiss steht nun im Raum: Auch die Dicke könnte in die Kriterien einbezogen werden.

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Streuobstwiesen sollen als Biotope geschützt werden, das sieht das Artenschutz-Volksbegehren vor. Doch nun geht es um ein wichtiges Detail, das für die Einordnung entsprechender Wiesen als Biotope notwendig ist: die Höhe der Bäume. Genau diese Diskussion stößt Richard Mergner vom Bund Naturschutz sauer auf.

"Für die Naturschutzverbände ist es ein Skandal, dass jetzt die Streuobstbestände, die wir mit dem Volksbegehren retten wollten, die extensiv genutzten, über eine Definition von Stammhöhen auf einmal wieder schutzlos der Rodung preisgegeben werden. Deswegen erwarten wir uns von diesem Termin in der Staatskanzlei, dass dieser Verordnungsentwurf rückgängig gemacht wird." Richard Mergner, Bund Naturschutz

Landesbund für Vogelschutz will sich wehren

Gemeinsam mit seinem Kollegen vom Landesbund für Vogelschutz LBV, Norbert Schäffer, sucht er darum das Gespräch mit der Staatsregierung. Auch Schäffer schreibt dem Gespräch eine hohe Bedeutung zu:

"Für mich ist das tatsächlich die erste Nagelprobe, wie ernst es die Regierung es mit dem mit dem Begleit- und Versöhnungsgesetz zum Volksbegehren meint. Eigentlich wäre dieses Gesetz eine wunderbare Grundlage, um den Verlust der biologischen Vielfalt in Bayern aufzuhalten. Wenn es wirklich dazu kommen sollte, dass das neue und sehr gute Gesetz an einzelnen Punkten ausgehöhlt wird, dann stehen wir natürlich in der Verantwortung den Leuten gegenüber, die das Volksbegehren unterstützt haben. Wir werden selbstverständlich dann rechtliche Schritte ergreifen." Norbert Schäffer, Landesbund für Vogelschutz

Es geht um einen zentralen Punkt aus dem Volksbegehren "Artenvielfalt": Für viele Insekten- und Vogelarten sind die Baumhöhen der Streuobstbäume wichtig, der Vogelschutzbund nennt sie "Hotspots der Artenvielfalt". Darum sollen Obstbaumwiesen mit mehr als 2.500 Quadratmetern und mit hochstämmigen Obstbäumen künftig zu geschützten Biotopen werden. Genau hier beginnt der Streit. Was gilt als "hochstämmig"?

Eine Frage der Baumhöhe: 1.60 Meter oder 1.80 Meter?

Für die Naturschützer sind es Bäume, bei denen die Baumkrone bei 1.60 Meter beginnt, für die Staatsregierung sind es 1.80 Meter. So hat es die Staatsregierung in die geplante Verordnung zum Bayerischen Artenschutzgesetz geschrieben.

Was sich wie ein bürokratisches Detail anhört, ist am Ende sehr wichtig: Denn je nach Zählweise fallen mehr Bäume unter die Regelung oder eben weniger. Der Landesbund für Vogelschutz LBV hat in Mittel- und Unterfranken gemessen: Keine der 21 untersuchten Streuobstflächen würden die angedachten Kriterien erfüllen und zum Schutzbiotop werden. Richard Mergner vom Bund Naturschutz erwartet daher von der Staatsregierung eine entsprechende Änderung der Verordnung.

"Es muss gewährleistet sein, dass wir diese wertvollen Streuobstbestände nicht mehr länger verlieren, dass sie zu Baugrund werden oder man sie in Obstplantagen umwandelt. Wenn man jetzt versucht, das Ganze auszuhöhlen, dann ist das kein guter Weg. Es wäre auch kein schönes Weihnachtsgeschenk für die bayerischen Bauern und Bäuerinnen und für diejenigen, die Streuobst-Landschaften lieben." Richard Mergner, Bund Naturschutz

Umweltschützer fühlen sich ausgetrickst

Das Interessante daran: Bei den Förderrichtlinien für das Vertragsnaturschutzprogramm des Umweltministeriums und für das Kulturlandschaftsprogramm des Landwirtschaftsministeriums gelten die 1.60 Meter. Auch bei Baumschulen gilt ein Baum mit 1,60 Meter sowie in den Kartieranleitungen für Biologen.

Darum habe man im Text des Volksbegehrens auf eine exakte Höhenangabe im Volksbegehren verzichtet, heißt es von den Umweltschützern. Die Baumkronenhöhe bei 1,80 Meter anzusetzen, wird von ihnen als Versuch gewertet, den Landwirten entgegenzukommen.

Landwirte befürchten Einbußen

Diese fürchten Einbußen ihrer Einnahmen, wenn sie ihre Streuobstwiesen anders bewirtschaften müssen oder diese als Bauland verkauft könnten. Der CSU-Abgeordnete und Biobauer Eric Beißwenger hält die Stammhöhe von 1,80 Meter angemessen.

"Hochstämmig ist nun einmal so definiert. Früher gab es eine andere Definition, aber die Definition gilt seit Mitte der 90er Jahre und wir können jetzt nicht alles deshalb neu definieren.“ Eric Beißwenger, Biobauer

Zwei Stunden ging das Gespräch in der Staatskanzlei. Vereinbart wurde noch nichts Definitives, aber man habe sich angenähert, sagen die Beteiligten. Eine Klage gegen die Staatsregierung wegen Missachtung des Volksbegehrens wollen die Umweltschützer noch nicht in Betracht ziehen. Sie hoffen noch auf eine einvernehmliche Lösung.

Möglicher Kompromiss: Dicke der Baumstämme einbeziehen

Dabei könnte es am Ende ein Kompromiss sein, dass neben der Stammhöhe auch die Dicke der Bäume als Schutzkriterium in die neue Verordnung kommt. Ältere Bäume würden dann ebenso in den Schutzstatus fallen. CSU-Abgeordneter Eric Beißwenger will sich darauf noch nicht festlegen und kündigt lediglich an: Die Gespräche mit den Umweltverbänden sollen weitergehen.