"Wiesn-Welle" bundesweit? OB Reiter sauer auf Lauterbach
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Archivbild: Start des 187. Münchner Oktoberfests auf der Theresienwiese mit OB Dieter Reiter und Ministerpräsident Markus Söder

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    Streit über "Wiesn-Welle": OB Reiter sauer auf Lauterbach

    Streit über "Wiesn-Welle": OB Reiter sauer auf Lauterbach

    Münchens OB Reiter reagiert verärgert auf die Dauerkritik von Bundesminister Lauterbach am Oktoberfest - und spielt den Ball nach Berlin zurück. Während in Bayern eine Maskenpflicht in Innenräumen noch kein Thema ist, könnte sie anderswo bald kommen.

    Dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) reicht es. Seit Tagen bringt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) immer wieder das Oktoberfest mit den steigenden Corona-Zahlen in Verbindung, kritisiert rückblickend das Fehlen von Beschränkungen und macht sich für eine Maskenpflicht in Innenräumen stark. Jetzt folgt Reiters Konter: In einem schriftlichen Statement erinnert der OB daran, dass er seinen Parteifreund Lauterbach im April explizit gefragt habe, ob es Zugangsbeschränkungen geben könne - der Minister habe das verneint.

    Reiter selbst hätte eine Testpflicht für alle Wiesn-Besucher favorisiert: "Der Bund und auch der Freistaat haben nicht den Mut gehabt, hier die Voraussetzungen zu schaffen", beklagte der OB. Lauterbach habe damals zudem mehrmals deutlich gemacht, "dass er keinen harten belastbaren Grund sehe, die Wiesn abzusagen", stellte Reiter klar. "Insofern wundern mich seine aktuellen Äußerungen schon."

    Holetschek: Ratschläge aus Berlin helfen niemandem

    Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek zeigte Verständnis für Reiters Unmut über Lauterbach. Auf Twitter schrieb der CSU-Politiker: "Vermeintlich kluge Ratschläge aus Berlin helfen niemandem und verunsichern nur. Vertrauensvolles Zusammenarbeiten aller Beteiligten ist jetzt gefragt."

    Die Vorsitzende der Münchner SPD-Stadtratsfraktion, Anne Hübner, betonte, trotz der besorgniserregenden Situation an der München Klinik sei es schwer, "jetzt einfache Antworten und Schuldzuweisungen zu akzeptieren". Das Oktoberfest nie wieder stattfinden zu lassen oder die Beachtung einer Maskenpflicht auf der Wiesn zu erwarten, wären laut Hübner "keine befriedigenden politischen Lösungen". Dennoch gelte es, aus der jetzigen Situation zu lernen. "Ideen, wie ein Oktoberfest stattfinden kann, ohne zu einem solch explosionsartigen Geschehen zu führen, müssen deshalb bald diskutiert werden."

    Reiter: Bundesweite Zahlen "relativieren" Thema "Wiesn-Welle"

    Oberbürgermeister Reiter betonte, dass er schon im Vorfeld der Wiesn gesagt habe, dass von einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen nach der Wiesn auszugehen sei. "Das ist eingetreten." Dass sich durch den vermehrten krankheitsbedingten Ausfall - auch durch die sehr frühe Grippewelle - die Situation verschärfe, liege auf der Hand.

    Zugleich verwies er auf Berichte überregionaler Medien, denen zufolge die Situation leider nicht nur in München und Bayern, sondern im gesamten Bundesgebiet äußerst angespannt sei - "was das Thema 'Wiesn-Welle' doch etwas relativiert". Dringend nötig seien bundesweite strukturelle Veränderungen des Gesundheits- und Kliniksystems, fügte Reiter hinzu. "Und das erwarte ich mir vom Bundesgesundheitsminister!"

    Lauterbach: "Selbstgemachte Katastrophe"

    Lauterbach hatte auf Twitter und bei öffentlichen Auftritten das Oktoberbest für den Anstieg der Corona-Fallzahlen und die angespannte Lage in den Krankenhäusern verantwortlich gemacht. In einem Tweet kritisierte er, dass es keine Testpflicht für Wiesn-Besucher gegeben habe, in einem anderen beklagte er mit Blick auf die Belastung der Münchner Kliniken "eine selbstgemachte Katastrophe" und empfahl der Stadt München eine Maskenpflicht in Innenräumen.

    Anfang der Woche teilte Lauterbach den Tweet eines "Welt"-Journalisten, der geschrieben hatte: "Eine Woche nach Ende des Oktoberfestes schießt die Corona-Inzidenz in München hoch auf 1.497." Als Beleg wurden die Corona-Kurven Münchens und Bayerns der niedrigeren Inzidenz Berlins gegenübergestellt. Lauterbach schrieb dazu: "Hier ist kein Platz für Schadenfreude. Aber das Oktoberfest erinnert uns: Schreien und rufen im Innenraum maximiert Aerosolübertragung von Corona."

    Statistik-Professor verweist auf Entwicklung in anderen Regionen

    Der Mannheimer Statistik-Professor Christoph Rothe dagegen kommentierte den Tweet des "Welt"-Journalisten mit den Worten: "Manchmal denke ich, es müsste sich doch im dritten Corona-Jahr langsam mal rumgesprochen haben, dass das mit den kausalen Zusammenhängen oft schwieriger ist, als einfache Grafiken vielleicht suggerieren mögen." Es gebe Beispiele für andere Orte, an denen "die Entwicklung der Corona-Inzidenz ein ähnliches Muster wie in München aufweist". Kurz darauf twitterte Rothe die Corona-Kurven aller Bundesländer:

    Die höchste 7-Tage-Inzidenz der Bundesländer hat derzeit das Saarland (1.673,5), gefolgt von Bayern (1.081,6) und Hessen (989,0). Von den Städten und Kreisen hat der Landkreis Merzig-Wadern (2.337,9) den höchsten Wert, München liegt in der Statistik des Robert Koch-Instituts auf dem 15. Rang (1481,3).

    Lauterbach sieht Bundesländer "in der Pflicht"

    Bei der Ministerbefragung im Bundestag betonte Lauterbach heute Nachmittag, angesichts stark steigender Fallzahlen sehe er die Bundesländer in Plicht, "die Maßnahmen des Infektionsschutzgesetzes zu prüfen und anzuwenden", insbesondere die Maskenpflicht in öffentlich zugänglichen Innenräumen.

    Zugleich wiederholte Lauterbach seinen Seitenhieb gegen die bayerische Staatsregierung: Ihm seien aus Süddeutschland öffentlich sehr schwer nachvollziehbare Ratschläge erteilt worden. "Zum Teil wurden diese Ratschläge auch mit dem Maßkrug in der Hand vorgetragen und hatten daher eine geringe Glaubwürdigkeit."

    Bayern: Maskenpflicht in Innenräumen vorerst kein Thema

    In Bayern sind - trotz der wiederholten Appelle Lauterbachs - vorerst keine strengeren Corona-Maßnahmen geplant. In der jüngsten Sitzung des Kabinetts am Dienstag war eine Maskenpflicht in Innenräumen laut Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kein Thema. Auf Nachfrage von Journalisten sagte Söder dazu lediglich: "Wir beobachten das weiter." Die aktuelle Corona-Verordnung des Freistaats gilt bis 28. Oktober.

    Der Ministerpräsident bekräftigte, dass die Staatsregierung rechtlich keine Möglichkeiten gehabt habe, das Oktoberfest zu verbieten. Es sei eine Entscheidung der Stadt München gewesen, die Wiesn stattfinden zu lassen. Insgesamt sei das Oktoberfest aber "ein Erfolg" gewesen, betonte Söder. "Es war auch klar, dass es danach keine sinkende Infektionswellen gibt, sondern eher dass es mehr gibt." Jetzt müsse man schauen, wie es weitergehe.

    Berlin will Maßnahmen verschärfen

    Dagegen könnten die Corona-Maßnahmen im Land Berlin bald verschärft werden. Für die Hauptstadt kündigte Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) für kommende Woche einen Vorschlag zur Wiedereinführung der Maskenpflicht unter anderem in Geschäften oder Museen an: "Wir sehen gerade, dass die Infektionen in Berlin sehr stark ansteigen, wodurch das Gesundheitssystem sehr stark belastet wird." Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) sagte der Deutschen-Presse-Agentur: "Eine moderate Ausweitung der Maskenpflicht in öffentlich zugänglichen Innenräumen, wie Berlin sie jetzt erwägt, halte ich für ein geeignetes Mittel."

    Im Saarland bleibt es zunächst bei einem Appell: Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) rief die Menschen dazu auf, wieder Masken in Innenräumen zu tragen. Eine Verschärfung der Corona-Regeln sei vorerst nicht vorgesehen. Dies sei aber ein möglicher Schritt, falls sich die Situation nicht verbessern sollte.

    Mit Material von dpa.

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