BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Streit über Corona-Teststrategie: Söder bleibt bei Sonderweg | BR24

© BR

Angesichts steigender Corona-Zahlen geraten manche Labore an ihre Kapazitätsgrenzen. CSU-Chef Söder will dennoch grundsätzlich an der breiten Teststrategie im Freistaat festhalten.

65
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Streit über Corona-Teststrategie: Söder bleibt bei Sonderweg

Ministerpräsident Söder lehnt eine Änderung der bayerischen Corona-Teststrategie ab - und stellt sich gegen Bundesgesundheitsminister Spahn und das Robert Koch-Institut. Der Laborverband ALM und die Opposition erneuern ihre Kritik an diesem Vorgehen.

65
Per Mail sharen

Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Markus Söder bleibt dabei: Am Angebot kostenloser Corona-Tests für jedermann im Freistaat wird nicht gerüttelt. Man plane "keinen grundlegenden Strategiewechsel", stellte Söder vor einer CSU-Vorstandssitzung in München klar.

Bayern werde "auf jeden Fall" die kostenlosen Tests fortsetzen. Sie seien eine "der wenigen Serviceleistungen", argumentierte der Ministerpräsident. Auch "die Breite" der Testangebote werde bleiben. Der Freistaat schert als einziges Bundesland aus der nationalen Teststrategie aus und bietet kostenlose Tests für alle und zu jeder Zeit an - auch ohne Symptome.

RKI empfiehlt Anpassung der Testkriterien

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte am Sonntag im Ersten angemahnt, angesichts des überlasteten Gesundheitswesens müsse bei den Corona-Tests noch stärker priorisiert werden. So könne zum Beispiel nicht jeder getestet werden, der Kontakt zu einem Infizierten hatte. Das Robert Koch-Institut (RKI) empfehle seit vielen Monaten, dass Kontaktpersonen eines Infizierten ohne Symptome zu Hause in Quarantäne bleiben sollten, ohne sich testen zu lassen, erläuterte Spahn. Nötig seien jetzt Tests für jene Menschen, die Symptome haben, einer Risikogruppe angehören oder in der Pflege oder dem Gesundheitswesen arbeiten.

Das RKI empfiehlt mittlerweile sogar eine weitere Anpassung der Testkriterien, "um eine Überlastung von Arztpraxen, Eltern, Betreuungseinrichtungen etc. zu verhindern". Im Herbst und Winter sei es nicht möglich, alle Personen mit Schnupfen oder Halsschmerzen auf eine Corona-Infektion zu testen.

Söder sieht RKI-Empfehlungen "skeptisch"

Söder kritisierte diese neuen Empfehlungen des RKI. Wer Symptome habe oder fühle, müsse sich testen lassen können. Die vorgeschlagene Änderung der Teststrategie würde laut Söder bedeuten, dass etwa drei Viertel der aktuell gemachten Tests wegfallen würden. Wer Symptome habe, bliebe dann mindestens eine Woche zuhause - und könnte sich erst testen lassen, wenn er mehrere Symptome hätte, erläuterte der CSU-Politiker. Ein solches Vorgehen würde aber auch die Wirtschaft lähmen, befürchtet Söder. "Wir sind sehr skeptisch, ob das in der Praxis anwendbar ist."

Nicht alle Labore seien an ihren Grenzen, versicherte der Ministerpräsident. In Bayern gebe es insgesamt "relativ genügend Testkapazitäten". Die Staatsregierung setzt auch darauf, dass schon bald Corona-Schnelltests flächendeckend für eine Entlastung der Labore sorgen. Bei seiner morgigen Sitzung werde sich das Kabinett schwerpunktmäßig mit der Corona-Teststrategie in Bayern befassen, kündigte Söder an. Sollte es einen Missbrauch des kostenlosen Testangebots geben, müsse dieser reduziert werden.

Laborverband widerspricht Söder

Der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) widersprach Söders Aussagen zu den Kapazitäten. In der vergangenen Kalenderwoche seien alle Labore am Limit gewesen, betonte der Verband auf BR-Anfrage - "an der oder über die 100-Prozent-Belastungsgrenze hinaus". Der Verband pocht auf ein einheitliches Vorgehen in Deutschland: "Aus unserer Sicht wäre es gut, wenn sich alle Bundesländer an die nationale Teststrategie hielten." Dem ALM gehören nach eigenen Angaben rund 200 medizinische Labore in Deutschland an - das sind längst nicht alle.

Die bayerische Landesärztekammer teilte auf BR-Anfrage mit, die Belastung der Ärzte durch die Corona-Tests sei generell groß. Schon jetzt würden bei den Ärzten aber nur Menschen mit Symptomen getestet. Insofern gebe es in den Arztpraxen auch keine zigfach und ohne Symptome in Anspruch genommenen Tests.

Grüne: Söder hat keine "nachvollziehbare Teststrategie"

Die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze sagte, schon im Sommer hätten einige Testlabore gewarnt, dass ihnen die Materialien ausgehen könnten. Jetzt mitten in der zweiten Welle seien Engpässe fatal. "Da frage ich mich schon, wo Markus Söder die ganzen letzten Monate war."

Schulze warf Söder vor, er habe keine "nachvollziehbare Teststrategie". So habe Bayern beispielsweise zehn Millionen Schnelltests bestellt, bisher seien laut Gesundheitsministerium aber nur eine halbe Million in den Landkreisen verteilt worden. Die Staatsregierung schaffe es also nicht, die Schnelltests dorthin zu bringen, "wo sie benötigt werden" - zum Beispiel in die Altenheime und die Krankenhäuser.

SPD: Ergebnisse "oft nur mit großer Verzögerung"

Die "Tests für jedermann"-Strategie stamme aus dem Sommer, betonte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ruth Waldmann. Damals habe es aber sehr viel weniger Corona-Infektionen gegeben.

Waldmann sieht aktuell eine ganz andere Lage: "Die Testresultate können auch jetzt oft nur mit größerer Verzögerung ausgeliefert werden - und nach mehreren Tagen sind sie dann einfach nutzlos", betonte sie auf BR-Anfrage. Wenn man erst verspätet mit den Nachverfolgungen anfange, könne das zu spät sein. Für Waldmann ist daher klar: Die Corona-Tests im Freistaat "müssen vorbehalten sein für diejenigen, die es auch wirklich brauchen".

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!