BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
Bildrechte: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Corona-Impfung eines Jugendlichen

170
Per Mail sharen

    Stiko-Experte: Impfempfehlung ab 12 Jahren derzeit nicht möglich

    Die Ständige Impfkommission kann nach Meinung des Erlanger Immunologen Bogdan derzeit keine generelle Impfempfehlung ab 12 Jahren aussprechen: Die Nutzen-Risiko-Abwägung erlaube das nicht, sagte er dem BR. Die Virologin Brinkmann widerspricht.

    170
    Per Mail sharen
    Von
    • Petr Jerabek

    Trotz entsprechender Forderungen aus der Politik sieht das Erlanger Stiko-Mitglied Christian Bogdan gegenwärtig keine Grundlage dafür, die Empfehlung der Ständigen Impfkommission zu Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche zu ändern. Zwar sei es grundsätzlich wünschenswert, alle Menschen einschließlich Kindern und Jugendlichen vor einer SARS-CoV-2-Infektion durch Impfung zu schützen, sagte der Professor für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie dem BR. Derzeit erlaube die Nutzen-Risiko-Abwägung aber "keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren".

    Söder: "Schülerimpfung" wirksamstes Mittel gegen Delta-Variante

    Seit Tagen fordern Spitzenpolitiker von der Stiko, ihre Empfehlung für Kinder und Jugendliche zu überdenken. Nachdem am Wochenende Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die "Schülerimpfung" als wirksamstes Mittel gegen die Delta-Variante bezeichnet hatte, bekam er Unterstützung vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach: Er sehe es wie Söder, twitterte er. "Weil sonst die Kinder entweder volle Durchseuchung erfahren oder es kommt wieder zum Wechselunterricht." Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er könne die Stiko-Empfehlung, 12- bis 17-Jährige nur bei bestimmten Vorerkrankungen zu impfen, "überhaupt nicht nachvollziehen". Auch Weil verwies auf die zuerst in Indien entdeckte Delta-Variante.

    Risiko schwerer Verläufe bei Kindern "extrem gering"

    Stiko-Mitglied Bogdan erläuterte, Aufgabe des Gremiums sei es, nicht nur Impfziele zu formulieren, sondern für jede Bevölkerungsgruppe auch eine Nutzen-Risiko-Abwägung basierend auf wissenschaftlichen Daten vorzunehmen. Für Kinder und Jugendliche sei das Risiko, einer schweren oder gar tödlichen Corona-Erkrankung extrem gering. "So müssten mindestens 100.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahre geimpft werden, um einen einzigen Todesfall an COVID-19 in dieser Altersgruppe zu verhindern."

    Während die Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe bei Kindern und Jugendlichen sehr hoch sei, sei die Datenlage zur Sicherheit derzeit noch sehr begrenzt. Hinzu komme, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen sowie bei jungen Erwachsenen, insbesondere jungen Männern, nach einer mRNA-Impfung Signale einer Herzmuskel- und/oder Herzbeutelentzündung in verschiedenen Ländern aufgetreten seien. Die Häufigkeit dieser Nebenwirkung werde in den USA mit 1:15.000 bis 1:18.000 angegeben.

    Weil kritisiert Impfkommission

    Ministerpräsident Weil kritisierte die Stiko unterdessen dafür, dass sie ihre üblichen Maßstäbe und die Frage, ob in wenigen Einzelfällen Impfschäden drohten, nicht an die bedrohliche pandemische Lage anpasse. "In Pandemiezeiten muss es doch vielmehr um die Frage gehen, wie viele schwere Schäden durch eine Impfung verhindert werden können", sagte der SPD-Politiker. "Die Stiko sollte ihre Haltung auch mit Blick auf die Zeit nach den Sommerferien noch einmal überprüfen."

    Und wenn die Stiko meine, die Datenbasis reiche noch nicht aus, möge sie sich das Datenmaterial "schnellstens" beschaffen, forderte Weil. "Schließlich gibt es inzwischen viele Tausend geimpfte Kinder und Jugendliche auf der Welt."

    "Dies ist eher Wahlkampf"

    Bogdan sagte mit Blick auf die Stimmen aus der Politik: "Politiker unterliegen den Wünschen der Bevölkerung und dem Druck der Öffentlichkeit, insbesondere natürlich in einem Wahljahr." Es gehe nicht um ein politisch motiviertes Überdenken "einer mit Bedacht ausgesprochenen Empfehlung", sondern um die fortlaufende Sichtung und Bewertung der wissenschaftlichen Datenlage. Dieser Kernaufgabe versuche die Stiko immer nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden und benötige dazu keinen Anstoß durch die Politik.

    Die Kommission beobachte und bewerte die Entwicklung der Datenlage zur Impfstoffsicherheit wie auch zur Entwicklung der Pandemie einschließlich der Ausbreitung von neuen Virusvarianten sorgfältig. Sollte sich zeigen, "dass wider Erwarten Kinder und Jugendliche schwer an Infektionen mit der Delta-Variante des SARS-CoV-2-Virus erkranken" oder dass bezüglich der Herzmuskelentzündungen Entwarnung gegeben werden könne, verschöbe sich die Nutzen-Risiko-Bilanz, erläuterte Bogdan. In diesem Fall gebe es eine Aktualisierung der Stiko-Impfempfehlung.

    Am Dienstag hatte mit dem Münchner Kinderepidemiologen Rüdiger von Kries ein weiteres Stiko-Mitglied die Forderungen aus der Politik als "wenig hilfreich" zurückgewiesen. "Dies ist eher Wahlkampf und Ablenkung von der eigenen Konzeptionslosigkeit", sagte er dem BR.

    Virologin Brinkmann verweist auf Daten aus den USA

    Der SPD-Politiker Lauterbach betonte auf Twitter, in den USA sei die Sicherheit der Corona-Impfung bei 12- bis 16-Jährigen mittlerweile gezeigt worden. Die Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Seit ein paar Tagen gibt es Daten aus den USA, die bereits Hunderttausende Kinder im Alter von zwölf bis 15 Jahren geimpft haben." Diese zeigten, dass der Nutzen einer Impfung deutlich überwiege.

    Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat vorerst keine generelle Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen nur für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas. Unabhängig davon sind Impfungen aber als individuelle Entscheidung von Eltern mit ihren Kindern und den Ärztinnen und Ärzten möglich. Für Kinder unter 12 Jahren gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff.

    "Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!