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Münchner Runde: Steht die Wiesn wegen Corona vor dem Aus? | BR24

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Das öffentliche Leben in Bayern liegt seit über zwei Wochen lahm. Restaurants, Geschäfte, Kitas und Schulen – alles geschlossen. Wie geht es nach Ostern weiter? Politiker und Mediziner haben Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer beantwortet.

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Münchner Runde: Steht die Wiesn wegen Corona vor dem Aus?

Seit über zwei Wochen steht das gesellschaftliche Leben in Bayern still. Jetzt beginnen die Diskussionen über die Zeit nach den Ausgangsbeschränkungen. Der Virologe Alexander Kekulé glaubt nicht, dass das Oktoberfest dieses Jahr stattfinden kann.

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Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Bayern zurückgeht, hält der Virologe Alexander Kekulé die Ausrichtung der Wiesn in diesem Jahr für unrealistisch:

"Das ist eine Veranstaltung mit Millionen von Besuchern, wovon ein großer Teil aus dem Ausland kommt. Ich bin ziemlich sicher, dass im September das Ausland auf keinen Fall so weit sein wird wie wir. Selbst wenn wir es schaffen sollten - was ich nicht glaube - in Bayern die Lage zu klären, dann könnten wir höchstens eine Wiesn für uns privat unter strengsten Sicherheitsauflagen machen." Prof. Alexander Kekulé, Virologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann äußert sich nicht zur Wiesn-Planung. Erstmal müsse über die Wieder-Eröffnung der Schulen und des Einzelhandels diskutiert werden, so Hermann in der Münchner Runde. "Über die Wiesn können wir dann in zwei Monaten reden."

Corona-Einschränkungen als Gefahr für Kranke und Geschwächte

Die Gefahr ist groß, dass die strengen Maßnahmen gegen das Coronavirus Menschen an anderer Stelle schaden könnten. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, prangert an: "In Deutschland leben über 16 Millionen Menschen alleine. Für diese Menschen ist neben der Sicherheit ganz wichtig, dass sie nicht vereinsamen." Besonders für Menschen mit psychischen Problemen könne die soziale Isolation zum Risiko werden: "Menschen, die an Depressionen leiden und einen Tagesablauf brauchen, dürfen nicht einsam und alleine zu Hause sein."

Damit das gesellschaftliche Leben auch in der Krise weitergehen kann, fordert Bentele den verstärkten Einsatz von technischen Hilfsmitteln. Für alte Menschen zum Beispiel könne schon durch das Ermöglichen von Videotelefonie viel getan werden.

"Die Menschen zu isolieren und sie nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, ist definitiv keine Alternative. Deswegen fordern wir mehr Material, wie Masken und Desinfektionsmittel, damit zum Beispiel ältere Menschen nicht komplett isoliert werden müssen." Verena Bentele, Präsidentin VdK

Der Virologe Alexander Kekulé unterstütz Bentele bei der Forderung, dass über ein Ende der absoluten Isolation auch für ältere Menschen nachgedacht werden muss. Ein von ihm entwickeltes Konzept dazu nennt sich "Smart Distancing" und beinhaltet den Plan, durch das Tragen von Masken ein gesellschaftliches Leben in absehbarer Zeit wieder zu ermöglichen. Dies werde allerdings erst funktionieren, so Kekulé, wenn genug Schutzmaterial verfügbar sei und die Neuinfektionsrate so weit absinke, dass die einzelnen Neuinfektionen wieder zurückverfolgt werden können. Wann dies soweit sein wird, ist völlig unklar.

Föderalismus als Problem bei der Krisenbekämpfung

Frank Ulrich Montgomery, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer, kritisiert die deutsche Herangehensweise, das Coronavirus zu bekämpfen:

"Wir haben viel zu viel Kleinstaaterei in Deutschland. Das Prinzip des Föderalismus geht bei Dingen wie Pandemieplänen einfach zu weit. Das Virus kennt keine Grenzen." Frank Ulrich Montgomery, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer

Montgomery ist überzeugt, dass das unterschiedliche Vorgehen der einzelnen Bundesländer die Situation verschlechtert habe. Konkret kritisiert er den Kurs von Ministerpräsident Markus Söder. "Wenn ich mir die Zahlen in Bayern anschaue, dann sind die nicht spitze", so der Mediziner. "Nordrhein-Westfalen, um ein anderes Land mit langen Grenzen zu nennen, ist hier in vielen Zahlen deutlich besser." Nach der Krise werde man über den Föderalismus bei der Pandemiebekämpfung nachdenken müssen, fordert Montgomery: "Hätten wir die Politik der ausgesprochen klugen und ruhigen Hand von Jens Spahn fortgesetzt, wären wir heute wahrscheinlich weiter."

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann widerspricht Montgomery. Er begründet die höheren Infektionszahlen in Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern mit dem verstärkten Skitourismus während der Faschingsferien: "Damals meinte man, das Virus sei in der Lombardei, aber nicht in Südtirol. Und jeder dachte, man könne unbeschwert Skifahren in Österreich und Südtirol."

Der Virologe Alexander Kekulé unterstützt den Innenminister bei dieser Analyse. Die Situation sei in jedem Bundesland anders, da sich das Virus unterschiedlich stark verbreitet habe. Er sieht den Fehler nicht beim Krisenmanagement von Ministerpräsident Söder, sondern sieht Verfehlungen bei der Bundesregierung:

"Die Empfehlung, die Schulen nach den Faschingsferien nicht zu schließen, die kam ganz klar aus dem Bundesgesundheitsministerium. Jetzt zu sagen, ihr Bayern seid Schuld daran, dass ihr diesen Ausbruch habt, das halte ich für eine einseitige Betrachtung." Prof. Alexander S. Kekulé, Virologe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg