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Arbeitszeiterfassung: Wie praktikabel ist die Stechuhr für alle? | BR24

© picture alliance/Sina Schuldt/dpa

Ein Mitarbeiter erfasst seine Arbeitszeit digital an einem Terminal.

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Arbeitszeiterfassung: Wie praktikabel ist die Stechuhr für alle?

Etwa eine Milliarde Überstunden haben Arbeitnehmer 2017 unentgeltlich geleistet - allein in Deutschland. Der Europäische Gerichtshof fordert nun Zeiterfassungssysteme für alle. Doch wie sollen das kleine Unternehmen umsetzen?

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Morgens um kurz vor 8.00 Uhr beim Unternehmen Landtechnik Müller in Holzhausen nördlich von Schweinfurt. Im Unternehmen arbeiten etwa 140 Mitarbeitern an fünf Standorten. Wer hier Traktoren repariert, der sticht seine Zeit. Die Leute in der Verwaltung haben feste Arbeitszeiten. Arbeitsbeginn ist täglich 8.00 Uhr.

"Wir haben ein System, das seit ungefähr 1970 hier im Einsatz ist und es erfasst genau die Zeit des Tages. Der Mitarbeiter bekommt genau die Zeit bezahlt, die er hier arbeitet." Karl Müller, einer von zwei Geschäftsführer von Landtechnik Müller

Das Stechuhrsystem funktioniert nicht bei den Außendienstarbeitern. Bei den Leuten, die zu Landwirten fahren um ihnen neue Maschinen zu verkaufen oder zu reparieren. Die Kollegen schreiben ihre Arbeitszeiten dann eben auf.

"Die Kollegen starten ihren Tag meist von zuhause aus, fahren zum Kunden und kommen irgendwann wieder nach Hause. Das heißt, sie gestalten ihren Tag selbst und richten selbst ein, was sie an diesem Tag leisten. Es gibt hier entsprechende Vertrauensregelungen." Karl Müller

Diese Vertrauensarbeitszeit ist von seinen Mitarbeitern noch nie missbraucht worden, sagt Müller.

"Man kann im Leben eigentlich nur etwas erreichen, wenn man mit Vertrauen aufeinander zugeht. So ist unsere Einstellung." Karl Müller

Arbeitszeiterfassung basiert auf gegenseitigem Vertrauen

"Ich bin im Außendienst tätig. Und wenn ich draußen unterwegs bin, dann habe ich auch keine Stechuhr dabei. So muss ich handschriftlich meine Arbeitszeit in die Karte eintragen. Das ist eine reine Vertrauensbasis." Frank Eck, Landmaschinentechniker

Eck arbeitet seit 34 Jahren im Unternehmen und sieht die Neuregelung zur Arbeitszeiterfassung, wenn er in seiner Freizeit berufliche Mails liest oder von zu Hause seinen nächsten Arbeitstag plant, kritisch.

"Ich habe kein Problem damit, nach Feierabend nochmal in eine Mail zu schauen, was der Kunde möchte. Genauso ist es für mich kein Problem, noch den nächsten Tag vorzubereiten. Da muss ich nicht die fünf Minuten stechen und über die App hochladen. Das ist ein betriebliches Interesse und dann ist das so." Frank Eck, Landmaschinentechniker

Handy-Apps zur Zeiterfassung würden auch die Gefahr bergen, dass er als Mitarbeiter immer gläserner wird.

"Ich brauche keine App, mit der ich mich irgendwo einlogge und eine Zeiterfassung mache. Die Zeit, die ich beim Kunden bin, unterschreibt mir dieser auch auf der Arbeitskarte, dass ich bei ihm war. Natürlich können wir mit Apps alles überwachen, aber ich finde es total unnötig, was hier stattfindet." Peter Binsteiner, Vertrauensmann bei Landtechnik Müller

Binsteiner arbeitet seit 37 Jahren im Unternehmen von Landtechnik Müller und stellt sich genauso wie sein Kollege Frank Eck die Frage, wie das mit der Einhaltung von maximalen Arbeitszeiten funktionieren soll, wenn am Abend einem Landwirt in der Erntezeit der Mähdrescher kaputt geht?

"Wenn eine so große Maschine steht, dann muss rausgegangen werden. Dann kann man eben nicht sagen, ich komme erst am nächsten Tag 8.00 Uhr und schaffe bis 17.00 Uhr und gehe dann wieder heim. Die Maschine muss wieder laufen, auch weil der Landwirt Summen ausgibt und sich nicht erlauben kann, dass die Maschine steht." Frank Eck, Landmaschinentechniker

Eine andere Form der Arbeitszeiterfassung? Karl Müller sieht dafür im Augenblick keine Notwendigkeit. Wenn es aber kommen muss, dann machen wir es, sagt er

"Insgesamt muss die Regelung für den Betrieb finanzierbar und für uns als Unternehmer auch handlebar sein. Das, was wir hier machen, ist handlebar. Das kann jeder Mitarbeiter und das sind wir gewohnt." Karl Müller