BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Staus, Müll, Wildparker: Walchensee leidet unter Besucheransturm | BR24

© BR / Schwaben & Altbayern 2020

Das Landschaftsschutzgebiet Walchensee wird jedes Wochenende von Tagesausflüglern gestürmt. Die Walchensee-Ranger kämpfen im Landschaftsschutzgebiet für die Natur - und die Anwohner um ihr gutes Recht.

33
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Staus, Müll, Wildparker: Walchensee leidet unter Besucheransturm

Massen an Tagesausflüglern stürmen die Region um den Walchensee, parken auf Privatgrundstücken, hinterlassen Müll und zerstören das Landschaftsschutzgebiet. Fünf Walchensee-Ranger kämpfen nun für die Natur – und die Einwohner gegen neue Parkplätze.

33
Per Mail sharen
Von
  • Anna-Elena Knerich

In diesem Jahr machen viele Menschen "Urlaub dahoam" – zum Beispiel an heimischen Seen oder in den Bergen. Die Region rund um den Walchensee bietet beides, was allerdings nicht nur klassische Feriengäste anzieht, die ein paar Tage in lokalen Pensionen oder Campingplätzen unterkommen: Dieses Jahr gibt es besonders viele Tagesausflügler, die nur für einen Tag an den Walchensee kommen und die Region extrem belasten.

Kilometerlange Staus und wildes Parken

An schönen Wochenenden oder Feiertagen staut es sich kilometerlang auf der engen Passstraße vom Kesselberg runter bis zum Walchensee; in den Kurven parken Autos Stoßstange an Stoßstange – denn die beiden Parkplätze sind schon ab Vormittag voll.

Einige Ausflügler wollen sich auch die vier Euro Parkgebühr an der Herzogstandbahn sparen – und stellen sich kurzerhand vor private Garageneinfahrten in den angrenzenden Straßen. Anwohnerin Maria Probst ist davon genervt: "Die meinen, wenn sie am Mittag kommen, dass sie hier einen kostenlosen Parkplatz kriegen! Da fahren hundert Autos rauf und wieder runter. Nur noch Blechlawinen!"

Ketten und Baumstämme gegen dreiste Falschparker

Mit Ketten und Baumstämmen vor den Hofeinfahrten versucht man jetzt, die Tagesausflügler vom dreisten Falschparken abzuhalten – mit mäßigem Erfolg: Der Kochler Bürgermeister, Thomas Holz (CSU), erzählt von Baumstämmen, die in Gräben gerollt wurden, oder dass Ausflügler einfach neben den Baumstamm-Absperrungen parken – und so die halbe Straße zuparken. Auch in Rettungswegen stehen regelmäßig Autos.

Ausweichparkplätze: Entlastung oder noch mehr Andrang?

Ab Herbst will Thomas Holz deshalb Ausweichparkplätze bauen: Diese sollen an der Mautstraße, wo man ans Südufer zufahren kann, eine Entlastung für den See bringen. Für diesen Sommer will er einen vorübergehenden Parkplatz auf dem Hubschrauberlandeplatz in Walchensee ausweisen: "Wir glauben, dass wegen Corona noch mehr Tagesausflügler kommen – ob wir Parkplätze haben oder nicht. Dann doch lieber geordnet an Parkplätzen, als wild irgendwo in der Natur, in Hofeinfahrten oder sogar in Rettungswegen."

Doch das stößt auf großen Widerstand im Dorf. Dutzende Einwohner haben mit einer Unterschriftenliste gegen neue Parkplätze protestiert. Die Befürchtung: Mehr Parkplätze würden nur noch mehr Touristen mit sich bringen. "Der Ort ist ja jetzt schon überlastet und wenn man noch mal einen Parkplatz baut, wo sollen die Leute alle hin?", meint etwa Landwirt Andreas Böhm.

Zerstörte Wiesen und Vermüllung: eine Katastrophe für die Tiere

Er macht sich vor allem auch Sorgen um die Natur, die von den vielen Ausflüglern zerstört wird: An manchen Wochenenden lägen bis zu vierzig Menschen mit Decken auf der Wiese, die im Winter als Futter für seine schottischen Highland-Kühe dienen soll. "Wenn die plattgelegen ist, kann ich das Gras nicht mehr mähen und ich habe einen Futterverlust", erklärt der Landwirt, der seinen Hof auf der Halbinsel Zwergern hat.

Außerdem hinterlassen die Besucher jeden Tag eine Menge Müll. Andreas Böhm hätte einmal beinahe eine Kuh verloren, weil sie eine Coladose kaute. "Zum Glück konnte ich die Dose noch aus ihrem Hals rausholen können – aber an so etwas kann eine Kuh eingehen, langsam, qualvoll."

Fünf Walchensee-Ranger im Einsatz für die Natur

Um gegen die Zerstörung im Landschaftsschutzgebiet anzukämpfen, gibt es am Walchensee seit Juni fünf Ranger – drei davon sind gerade in Ausbildung, Sabine Gerg und Hans Adlwarth machen den Job schon seit letztem Jahr.

Sie kontrollieren am Walchensee, ob Menschen dort grillen oder wild campen: Beides ist im Landschaftsschutzgebiet strengstens verboten – Feuer zu machen etwa kostet in der Regel 100 Euro Strafe.

Tatsächlich wollen die Ranger vor allem aber auch aufklären, warum offenes Feuer im Landschaftsschutzgebiet verboten ist: "Hier leben vom Aussterben bedrohte Arten, die den Unterschied nicht begreifen, ob nur der Mensch grillt oder der Wald brennt", erklärt Hans Adlwarth. Ihm ist es wichtig, an die Vernunft der Menschen zu appellieren – "schließlich geht es darum, unsere Natur für die nächsten Generationen zu erhalten!"

Im Landschaftsschutzgebiet gilt ab 22 Uhr ein Nachtparkverbot

In den meisten Fällen schaffen es die Ranger, mit den Ausflüglern in den Dialog zu treten und um Verständnis zu werben, dass man im Landschaftsschutzgebiet ab 22 Uhr nicht mehr parken darf. Doch im Juni und Juli hatten sie häufig bis vier Uhr morgens so viele Einsätze mit Gruppen betrunkener Leute oder Wildcampern, dass sie ihre eigentliche Route nicht mehr ganz schafften.

Letztes Wochenende wurden die Ranger von einem Wildcamper mit einem Messer bedroht, erzählt Hans Adlwarth. Der Mann sei von der Polizei abgeholt worden – und das Erlebnis zum Glück bislang ein Einzelfall gewesen.

Reglementierung der Besucherzahl nicht möglich

Viele Bewohner vom Walchensee wünschen sich, dass die Anzahl der Ausflügler reglementiert wird. Doch da die B11, die an den See führt, dem Bund gehört, hat die Gemeinde laut Bürgermeister Thomas Holz da keine Anordnungsmöglichkeit.

Der Bürgermeister bezweifelt, ob der von Tourismusminister Hubert Aiwanger (FW) vorgestellte Ausflugs-Ticker tatsächlich Ausflügler vom Kommen abhält, wenn dieser den Walchensee als "überfüllt" anzeigt. Doch man werde alles ausprobieren – und wenn das nicht klappt, "immer rigoroser" mit Parkverboten oder Strafzetteln sein müssen: "Leider muss man manche über den Geldbeutel erziehen."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!