Der Klimawandel ist für Bäume eine starke Belastung.
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Die Hitze macht Stadtbäumen zu schaffen: Sie drohen auszutrocknen

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Stadtbäume im Hitzestress: Sensoren schlagen Alarm

Stadtbäume sind schön für das Stadtbild und wichtig für das Stadtklima. Der Klimawandel macht ihnen aber zu schaffen: Sie drohen auszutrocknen. Sensoren könnten helfen, rechtzeitig zu handeln.

27 Bäume am Nymphenburger Kanal in München haben Sensoren in ihren Baumkronen. Für die Parkbesucher ist das wohl schwer von unten zu erkennen. Forstwissenschaftler Giancarlo Foderá klettert – um die Sensoren anzubringen – hoch hinauf, bohrt zwei Schrauben etwa fünf Millimeter tief in einen Ast. Der Sensor misst den elektrischen Widerstand zwischen den Schrauben und kann so auf den Feuchtegehalt im Baum schließen.

Trockenstress von Stadtbäumen schwer zu erkennen

Foderá hat die Sensoren mitentwickelt und mit einem Mathematiker, einem Betriebswirt und Elektroingenieur das Startup Treesense gegründet. Das Unternehmen will Bäume vor dem Austrocknen retten.

Der Forstwissenschaftler kam auf die Idee, weil er Waldbrände verhindern will. Wie ausgetrocknet und geschwächt ein Baum ist, lässt sich von außen nicht so leicht beurteilen. "Leider sehen wir die Effekte einer Hitzeperiode nicht sofort. Der Baum reagiert sofort und hat verschiedene Strategien, um sich zu schützen. Aber der Schaden kommt in den nächsten Jahren", erklärt Foderá.

Baumsensoren boomen: Unterschiedliche Methoden möglich

Um Schäden zu verhindern, haben inzwischen auch andere Firmen Sensoren mit unterschiedlichen Methoden entwickelt. Manche messen den Saftfluss in den Wurzeln, andere im Stamm.

Sensoren werden häufig in der forstlichen Forschung, im Obstbau oder bei Neupflanzungen angewandt. Es werden in einem Gebiet nicht alle Bäume mit einem Sensor ausgestattet, nur repräsentative Bäume für einen Bereich. So kann rechtzeitig und bedarfsgerecht bewässert werden und man kann auch den Gesundheitszustand vieler Bäume im Blick halten, ohne jeden Tag mehrere Hektar ablaufen zu müssen.

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Giancarlo Foderá installiert in der Baumkrone einer Linde einen Sensor.

Pflege und Bewässerung kann gezielter angepasst werden

Der Sensor, den Foderá entwickelt hat, übermittelt alle 15 Minuten, wie stark der Trockenheitsstress ist. Die Kurven können die Besitzer oder Verantwortlichen für die Bäume auf ihrem Handy oder PC verfolgen.

So macht das auch Michael Degle von der Bayerischen Schlösserverwaltung. Er ist Baum-Manager im Nymphenburger Schlosspark und hat Treesense beauftragt, weil er bei den rund 300 Jahre alten Linden Trockenstress feststellt. Es sind im Park sogar schon welche abgestorben. Er kann sich nicht so recht erklären, warum gerade bei den Linden, die als relativ trockenheitsresistent gelten, die Schäden so groß sind. Gleichzeitig haben die Linden einen starken Mistelbefall. Sind die Misteln für die Schäden zuständig oder ist es die Trockenheit an sich? Das will Degle mit Hilfe der Sensoren herausfinden und daraufhin die Pflege der Bäume gezielter anpassen.

Gegebenenfalls muss er mit Misteln befallene Äste abschneiden lassen. Dadurch würde aber der Baum verletzt. Notfalls könnte er die Bäume auch bewässern lassen.

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Michael Degle von der Gartenabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung. Er ist zuständig für die Bäume im Nymphenburger Schlosspark.

Die Stadt Nürnberg hat zum Beispiel auch Sensoren an manchen Bäumen angebracht und schon Mitte März mit der Bewässerung von Stadtbäumen begonnen. Ein Tankwagen fährt dabei von Baum zu Baum. Zwar hat es in den vergangenen Wochen viel geregnet, doch das ist für die Bäume im dicht bebauten Stadtgebiet immer noch zu wenig. Auch Bayreuth hat letzten Sommer seine Bäume bewässert. Im Februar hat Foderá auch im oberfränkischen Hof Baumsensoren angebracht.

Stadtbäume stehen besonders unter Stress

Stadtbäume sind einem besonderen Mikroklima ausgesetzt, erklärt Prof. Dr. Annette Menzel, Ökoklimatologin an der TU München. In der Stadt ist es durch die Versiegelung der Flächen, den vielen Beton, die vielen Hauswände sehr viel wärmer als in der Umgebung. Die höheren Temperaturen führen dazu, dass Stadtbäume früher austreiben als im Umland und Hitzestress haben.

Stirbt ein Baum, geht seine Kühlungswirkung verloren, erklärt Prof. Annette Menzel. Laub spendet nämlich Schatten, außerdem verdunsten Bäume Wasser, das die Umgebung kühlt. Bäume in der Stadt regulieren das Klima, reduzieren Lärm und verbessern die Luftqualität, indem sie Schadstoffe absorbieren. Darüber hinaus erhöhen sie die Lebensqualität, indem sie das Stadtbild verschönern. Bäume sind auch wichtige Lebensräume für Tiere.

Handlungsempfehlungen für Stadtbäume

Die TU München und das bayerische Umweltministerium haben einen Leitfaden für Stadtbäume im Klimawandel herausgebracht. Er zeigt Kommunen und Planern, welche Baumart an welchem Ort in der Stadt gepflanzt werden sollte. Ziel sei es, in Zeiten des Klimawandels die Ökosystemleistungen von Stadtbäumen optimal zu nutzen.

Professorin Menzel ist sich sicher, dass sich immer mehr Städte mit diesen Handlungsempfehlungen beschäftigen müssen. Denn wenn die Bäume vertrocknen, ist das nicht nur ein großer finanzieller und ökologischer Verlust, es stirbt auch die Lebensqualität in der Stadt.

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Prof. Dr. Annette Menzel, Ökoklimatologin an der TU München, beim Interview in Freising.

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